# taz.de -- Schwerlastverkehr: Deutschland setzt auf das falsche Pferd
> Batterie-Lkws werden immer leistungsfähiger. Trotzdem fördern Bund und
> Länder Wasserstofftrucks mit Millionen. Ein teurer Irrweg?
(IMG) Bild: Technologieoffenheit, kurzsichtig gedacht
Elektroantriebe für Lastwagen? Der neue batterieelektrische 42-Tonner FH
Aero Electric des schwedischen Herstellers Volvo schafft bis zu 700
Kilometer am Stück, der vergleichbare Tesla Semi hielt im Rahmen einer
US-Studie sogar noch ein paar Kilometer länger durch. Die Zulassungszahlen
von E-Lkws in Europa sind in den vergangenen beiden Jahren um 68 Prozent
gestiegen, wie [1][eine Analyse des Umweltverbands Transport & Environment]
zeigt.
Das sogenannte Megawatt Charging, ein Schnellladesystem für elektrische
Laster, befindet sich im Aufbau. Und die Europäische Union schreibt vor,
dass in Deutschland bis 2030 umgerechnet mindestens 314 neue Ladestandorte
für Lkws entstehen.
Kurz gesagt: Nicht nur Autos fahren immer häufiger mit batteriegespeistem
Elektromotor, auch Lastwagen sind zunehmend elektrisch unterwegs. Lkws mit
Wasserstoff-Brennstoffzelle hingegen bleiben laut der T&E-Analyse „eine
Nischentechnologie“ mit einem Marktanteil von weniger als 0,1 Prozent. Und
trotzdem fördern politische Akteure in Deutschland Wasserstoff-Lkws und
-Infrastruktur mit Millionenbeträgen.
Erst vor Kurzem hat die schwarz-rote Bundesregierung [2][einen
Förderaufruf], 220 Millionen Euro schwer, für neue Wasserstofftankstellen
und -lastwagen aufgesetzt. Bayern hat nun mit einem eigenen Förderprogramm
für Wasserstoff-Lkws mit 35 Millionen Euro Budget nachgelegt. Ein Irrweg?
## Wasserstoff-Infrastruktur kaum entwickelt
Wasserstoff spielt eine wichtige Rolle, wenn es darum geht, Prozesse
klimaneutral zu gestalten – zum Beispiel in der Schifffahrt, [3][bei der
Stahlherstellung] oder im Luftverkehr. Allerdings gibt es weltweit nur noch
wenige Länder, die Wasserstoff im Straßenverkehr für sinnvoll halten. Neben
einigen asiatischen Staaten wie Japan gehört vor allem Deutschland dazu.
Aber selbst hier ist die notwendige Infrastruktur bislang kaum entwickelt:
Auf mehr als 10.000 Schnellladestandorte für E-Fahrzeuge kommen nur rund 50
Wasserstofftankstellen.
Mit viel Geld soll sich das jetzt ändern. Der Bund übernimmt laut dem
aktuellen Förderaufruf bis zu 50 Prozent der Kosten für
Wasserstofftankstellen und bis zu 80 Prozent der Mehrkosten für
Wasserstoff-Lkws, ebenso beim Aufruf in Bayern. Die Nachfrage nach den
Fahrzeugen, die bis zu einer halben Million Euro kosten und ohne Förderung
unwirtschaftlich wären, könnte künstlich erhöht werden. Und Deutschland
droht im Verkehrssektor auf das falsche Pferd zu setzen – wie schon in der
Vergangenheit.
Zum Beispiel beim Hochgeschwindigkeitsverkehr auf der Schiene. Während der
französische TGV in den Achtzigern mit Geschwindigkeiten von bis zu 270
Stundenkilometern für Aufsehen sorgte, erreichten zur gleichen Zeit
deutsche Züge nur selten 160 Kilometer pro Stunde. Das Zeitalter des
Hochgeschwindigkeitsverkehrs begann hier erst 1991 mit dem ICE. Der Zustand
der Eisenbahn in Frankreich und Deutschland war in den 1960er Jahren
gleichermaßen miserabel, beide Länder suchten nach Lösungen. Früh verwarfen
die Franzosen glamouröse Technikspielereien wie den Aérotrain, eine
Einschienen-Luftkissenschwebebahn mit Strahltriebwerken aus der Luftfahrt.
Anders in Deutschland. In den Siebzigern wurde [4][die Magnetschwebebahn]
Transrapid als Zukunftslösung für die langsame und altbackene Bundesbahn
angesehen. SPD-Kanzler Helmut Schmidt war ein Fan der neuen Technik und
investierte Milliarden von Steuergeldern, in der festen Überzeugung, dass
ein technologisches Vorzeigeprojekt unter der Führung renommierter
deutscher Unternehmen den erhofften Nutzen bringen würde. Tatsächlich
erreichte der Transrapid schnell Höchstgeschwindigkeiten: 253 km/h, bald
sogar 302 km/h.
## Transrapid wurde schnell überholt
Als der Transrapid 1987 schließlich 406 Stundenkilometer erzielte, war das
neuer deutscher Rekord. Nie war ein Zug schneller gefahren. Der Triumph
aber währte kurz. Ein halbes Jahr später fuhr ein Vorserien-ICE 407 km/h.
Nur unwesentlich schneller als der Transrapid, aber dass die klassische
Bahn einmal solch hohe Geschwindigkeiten erreichen kann, hatte sich zu
Beginn der Transrapidentwicklung kaum jemand vorstellen können.
Der Wasserstoffantrieb ist derzeit in einer ähnlichen Situation. In den
1990ern baute Mercedes Brennstoffzellen und einen Wasserstofftank in seine
A-Klasse. Die erzielte Leistung war im Vergleich zu den damals
konkurrierenden Elektroautos mit Bleibatterien sensationell. So kam der
Elektro-Golf Citystromer mit einer Ladung nur rund 60 Kilometer weit, im
Winter waren es 20 weniger. Dagegen beeindruckte der Wasserstoff-Mercedes
mit einer Reichweite von 450 Kilometern und war in wenigen Minuten wieder
aufgetankt – während der E-Golf für seine bescheidene Reichweite auch noch
Stunden am Stromnetz hing.
Einen Vorteil aber hatte der E-Golf gegenüber dem Wasserstoffwunderauto von
Mercedes: Geladen wurde er [5][an einer gewöhnlichen Haushaltssteckdose].
Der Mercedes hingegen tankte flüssigen Wasserstoff – Wasserstoff
verflüssigt sich jedoch erst bei extrem niedrigen Temperaturen ab minus 253
Grad Celsius. Dafür hätte eine völlig neue, hochkomplexe Tankinfrastruktur
aufgebaut werden müssen. Mit infrastrukturellen Herausforderungen kämpfte
schon der Transrapid: Er benötigte einen ganz neuen Schienenweg.
Was sich beim Auto nicht durchsetzte, versuchen Industrie sowie die Bundes-
und Länderregierungen beim Lkw nun erneut – trotz anhaltender technischer
und wirtschaftlicher Herausforderungen. Beim Wasserstoff gibt es zwei
gasförmige und ein flüssiges Tanksystem. Die beiden gasförmigen Systeme hat
der batteriegespeiste E-Lkw in Sachen Reichweite eingeholt, bei der
Wirtschaftlichkeit längst überholt.
## Daimler Truck setzt auf flüssigen Wasserstoff
Übrig bleibt der auf minus 253 Grad tiefgekühlte, flüssige Wasserstoff –
die anspruchsvollste und teuerste Variante, auf die Daimler Truck setzt.
Erst vor gut einem Jahr erhielt das schwäbische Unternehmen eine Förderung
von Bund und Ländern über 226 Millionen Euro für den Bau von 100
Wasserstofftrucks des Typs GenH2. Wie einst beim A-Klasse-Wasserstoffauto
lesen sich die technischen Daten des GenH2 zunächst beeindruckend: mehr als
1.000 Kilometer Reichweite und eine Tankzeit von nur 15 Minuten. Das
schafft ein E-Laster derzeit nicht.
Beim Wasserstoffauto vor 30 Jahren war die fehlende Tankinfrastruktur die
Achillesferse. Und auch heute gibt es [6][die hochkomplexen Tankstellen]
für flüssigen Wasserstoff in Deutschland bislang genau einmal – im
Daimler-Truck-Werk in Wörth. Der Preis für den zu tankenden Wasserstoff ist
ebenfalls mit großer Unsicherheit behaftet. Derzeit kostet grüner, jedoch
gasförmiger Wasserstoff mindestens doppelt so viel wie Diesel. Was der
energieaufwendige, flüssige einmal kosten wird, weiß derzeit niemand.
In den aktuellen Förderaufrufen von Bund und Bayern wird dieses Problem
allerdings elegant umgangen: Die Antragsteller sind nicht verpflichtet,
ihre Fahrzeuge mit teurem grünen Wasserstoff zu betanken. Dadurch aber
können die CO₂-Emissionen eines Wasserstoff-Lkw sogar höher ausfallen als
die eines vergleichbaren Diesel-Trucks.
27 Aug 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.transportenvironment.org/te-deutschland/articles/e-lkw-zulassungen-steigen-europaweit-deutlich-deutschland-im-mittelfeld
(DIR) [2] https://www.bmv.de/SharedDocs/DE/Pressemitteilungen/2026/005-schnieder-bmv-foerdert-klimafreundlichen-schwerlastverkehr.html
(DIR) [3] /Big-Four-Beratungsfirma-haelt-gruenen-Stahl-aus-Deutschland-fuer-nicht-konkurrenzfaehig/!6201303
(DIR) [4] /Spandau-vor-der-Wahl/!6202870
(DIR) [5] /Elektromobilitaet-und-Strommarkt/!6195403
(DIR) [6] /Entwicklung-von-Wasserstoff-Motoren/!6074087
## AUTOREN
(DIR) Achim Hasenberg
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