# taz.de -- Kabinettsklausur nach der Sommerpause: Deutschland künstlich intelligent
       
       > Der erste Tag der Kabinettsklausur widmet sich der Wirtschaft: Viel
       > Hoffnung richtet sich da auf künstliche Intelligenz. Zu Recht?
       
 (IMG) Bild: In der Gegenwart wird noch mit Akten aus Papier und Umlaufmappen gearbeitet. Auch ein Faxgerät steht sicher nicht weit entfernt
       
       Als Friedrich Merz (CDU) am Morgen vor der zweitägigen Kabinettsklausur im
       Schloss Neuhardenberg vor die Kamera tritt, will er – von seinem
       mehrwöchigen Urlaub sichtlich sonnengebräunt – Zuversicht und
       Entschlossenheit ausstrahlen. Und er wirkt sogar wirklich gut gelaunt. Die
       großen Reformen – Rente, Gesundheit, Pflege – sind schließlich erst am
       Mittwoch dran, vielleicht wird dann sogar über [1][den Reformvorschlag zur
       Einkommensteuer von Vizekanzler und Finanzminister Lars Klingbeil (SPD)]
       gestritten.
       
       Am Dienstag aber ist, wenn es nach dem Bundeskanzler geht, erst mal gute
       Stimmung angesagt. Heute wird Deutschland wettbewerbsfähig hergerichtet,
       und dafür trifft fast das ganze Kabinett erstmals in seiner neuen Besetzung
       nach dem Umbau vor der Sommerpause zusammen. Nina Warken (CDU), ehemals
       Gesundheitsministerin, sitzt als neue Kanzleramtschefin an Merz’ Seite,
       Steffen Bilger (CDU) ist als neuer Verkehrsminister dabei, Philipp Amthor
       (CDU) als Bund-Länder-Koordinator im Kanzleramt.
       
       Der erste Tag der Kabinettsklausur ist ganz der Wirtschaft gewidmet: Es
       soll um künstliche Intelligenz gehen, um Technologie- und
       Forschungspolitik, Bürokratieabbau, Start-ups, smarten Wohnungsbau, das
       Handwerk. „Auch im KI-Zeitalter wollen wir an der Weltspitze stehen“, sagt
       Merz zum Auftakt. Es gehe jetzt darum, „unser Wirtschaftsmodell in die neue
       Zeit zu führen“. Endlich raus aus der Wachstumsschwäche und rein in den
       großen Aufschwung. Dafür solle Deutschland „der führende Ort für
       industrielle KI“ werden, erklärt Merz zuversichtlich.
       
       An ebendiesen großen Wurf glaubt auch Bundeswirtschaftsministerin Katherina
       Reiche (CDU). Bei den großen Sprachmodellen sei Deutschland zwar abgehängt,
       gab sie gerade erst zu. Aber da, „wo Maschinen, Fabriken und Produktion
       intelligenter werden“, seien die Voraussetzungen gut. Beim
       CDU-Wirtschaftstag im Mai nannte sie KI gar die „Überlebenschance“ für den
       Industriestandort Deutschland.
       
       Ausgerechnet Reiche fehlt jetzt in Neuhardenberg, zusammen mit
       Programmpunkten zu Stromnetzen, dem Ausbau der erneuerbaren Energien oder
       den steigenden Energiepreisen. Immerhin Hitzeschutz und Klimawandel mogelte
       Merz in seine Auftaktrede am Vormittag, nachdem er für seinen
       [2][verspäteten Besuch in der Waldbrandregion im Hürtgenwald in
       Nordrhein-Westfalen] kritisiert worden war, in die er erst nach seinem
       Urlaub am Samstag reiste.
       
       ## Verbales Schulterklopfen
       
       Am frühen Nachmittag dann Auftritt Digitalminister Karsten Wildberger
       (CDU), Forschungsministerin Dorothee Bär (CSU) und – damit auch jemand von
       der SPD dabei ist – Bauministerin Verena Hubertz: Stellvertretend für die
       ganze Bundesregierung sind sie damit beschäftigt, sich vor allem selbst
       verbal auf die Schultern zu klopfen.
       
       Verena Hubertz spricht von der Bauwirtschaft als „Konjunktur-Lokomotive“,
       die jetzt angeschoben werde. Karsten Wildberger ist beeindruckt von der
       „Offenheit und Intensität“ der Diskussion.
       
       Trotz seiner gemischten Bilanz und [3][eines kleinen KI-Skandals] –
       Wildberger hatte Zeitungsbeiträge mithilfe von KI verfasst – kommt er beim
       Kanzler anscheinend gut an. In der Rochade nach dem Rücktritt seines
       Fraktionschefs Jens Spahn hatte Merz im Juli das Wirtschaftsministerium von
       Reiche geschwächt, indem er eine zentrale Zuständigkeit zu Wildberger
       verschob: Mittelstandsbeauftragte Gitta Connemann wechselte ins
       Digitalministerium.
       
       Wildberger versuchte am Dienstag jedenfalls Eilfertigkeit zu vermitteln:
       Der Ausbau von Rechenkapazitäten solle vorangetrieben werden, eine der
       sieben von der EU-Kommission ausgeschriebenen KI-Gigafactories soll in
       Deutschland landen. Auch die insgesamt 28 Gesetzesvorhaben innerhalb der
       Rechenzentrumsstrategie der Bundesregierung würden kontinuierlich weiter
       vorangetrieben. Zum Ziel haben diese eine Verdopplung der allgemeinen
       Rechenzentrumskapazitäten in Deutschland und eine Vervierfachung der
       Kapazitäten für High-Performance-Computing und künstliche Intelligenz.
       
       ## Die Strategie: Spitze werden
       
       Bei sogenannten „Frontier“-Modellen sei die Lücke europäischer Technologie
       zu China und den USA zwar zu hoch. Bei industrieller KI spiele Deutschland
       aber ganz vorn mit, auch wenn es nicht immer nur darum gehe, Nummer eins zu
       sein, gerade als drittgrößte Wirtschaftsnation. Trotzdem: Deutschland soll
       Spitzenstandort werden, so stand es schon vor fünf Jahren in der
       KI-Strategie der Bundesregierung und so meinen es am Dienstag auch der
       Kanzler und der Digitalminister.
       
       Selbst wenn deutsche KI-Unternehmen wie Aleph Alpha oder Black Forest Labs
       am Ende nicht mit Anthropic, Google oder OpenAI mithalten können, werden
       die Hoffnungen der Bundesregierung also hoch gehängt. Anstelle von
       Start-ups und Chatbots sollen dafür nun die Industrie und der „Mittelstand“
       sorgen. Hier ließe sich ein ganz besonderer „Schatz“ heben: Daten aus
       „hochkomplexen Produktionsprozessen“ könnten ermöglichen, dass wir in
       bestimmten Bereichen „weltführend“ blieben, so Wildberger.
       
       Der Branchenverband der deutschen Informations- und
       Telekommunikationsbranche Bitkom sieht darin ähnliches Potenzial:
       Industrielle Produktionsabläufe ließen sich mit KI verbessern, etwa indem
       Maschinen, Anlagen oder ganze Fabriken simuliert und geplant werden können.
       KI könne zum Beispiel vorhersagen, wann Maschinen oder Einzelteile
       kaputtgehen. Mit Sensoren und Kameras in Fabriken ließen sich Fehler
       frühzeitig erkennen und vermeiden. Einzelne Fertigungsschritte könnten hier
       und da sogar schon von KI übernommen werden, ergab eine Bitkom-Umfrage
       unter deutschen Industrieunternehmen. Bald sollen mittels KI-Training
       Maschinen und Roboter ganze Prozesse übernehmen können.
       
       Der Weg dorthin ist aber noch weit: Selbst wenn laut der Studie 94 Prozent
       der Unternehmen die Relevanz des Einsatzes von KI in der Fertigung
       erkennen, sehen sich 46 Prozent abgeschlagen hinter der weltweiten
       Konkurrenz.
       
       25 Aug 2026
       
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