# taz.de -- KI in der Politik: Bias und Halluzinationen
> Dass es Empörung über KI nutzende PolitikerInnen gibt – geschenkt.
> Wichtiger ist eine Analyse der Risiken, wenn die Maschine den Menschen
> ersetzt.
(IMG) Bild: Digitalminister Karsten Wildberger (CDU)
Hat Bundesdigitalminister Karsten Wildberger (CDU) darüber gelogen, dass er
KI für seine Arbeit nutzt? Klar ist: Wildberger nutzt KI, um sich Reden
schreiben zu lassen: „Ja, auch Bundesminister Dr. Karsten Wildberger nutzt
KI als Arbeitswerkzeug“, antwortete einer seiner Sprecher auf Anfrage der
Zeit, und weiter: „[1][Die genannten Texte wurden mit Unterstützung von KI
erarbeitet.]“ Noch im Februar hatte sein Ministerium das abgestritten und
auf eine Anfrage nach dem Informationsfreiheitsgesetz geantwortet:
„Minister Wildberger hat in seiner Funktion als Bundesminister für
Digitales und Staatsmodernisierung bisher keine KI-Chatbots genutzt.“
Diese Anfrage bezog sich auf die Zeit vom 6. Mai bis zum 31. Dezember 2025,
denn in einem Interview hatte Wildberger im Dezember gesagt, er nutze
KI-Chatbots „Oftmals ein, zwei Stunden am Tag“, um seine Gedanken zu
strukturieren und sich von der KI Ideen vorschlagen zu lassen. Doch: Das
sei rein privat, als Minister tue er das nicht.
Ist es denkbar, dass Wildberger erst nach dem 31. Dezember 2025 begonnen
hat, KI auch für seine Arbeit als Bundesminister zu verwenden? Ja. Ist es
wahrscheinlich? Kaum. Viel wahrscheinlicher ist, dass sein Ministerium eine
Unterscheidung zwischen privatem und amtlichem Handeln konstruiert hat, die
in der Praxis nicht durchzuhalten ist.
Wenn es so wäre, ist die Frage erlaubt: Warum tut er das? Beantworten
könnte das natürlich nur der Minister selbst. Aber es gibt eine
naheliegende Vermutung: Politikerinnen und Politiker sprechen nicht gern
offen darüber, dass sie und ihr engerer Mitarbeiterstab KI nutzen, weil sie
befürchten, Menschen könnten missbilligen, dass sie sich von der KI ihre
Denkarbeit abnehmen lassen.
Diese Sorge ist berechtigt. Denn die Beispiele der Texte von Wildberger und
[2][auch der Ministerpräsidenten von Thüringen] und Sachsen-Anhalt, Mario
Voigt und Sven Schulze (beide CDU), zeigen, dass oft genug eine
Aneinanderreihung klischeehafter Aussagen und Allgemeinplätze dabei
herauskommt, die Substanz und tieferes Wissen vermissen lassen, wenn man
die KI einfach mal machen lässt.
Die viel größeren Risiken liegen jedoch woanders. Eins besteht darin, dass
KI-Chatbots sehr oft falsche Antworten liefern, „Halluzinationen“ genannt.
Das zweite ist der sogenannte Bias, also dass sie voreingenommen sein
können. Bias ist ein komplexes Konzept; meist ist damit die Diskriminierung
bestimmter Gruppen oder Ansichten gemeint, weil sie in den Daten, mit denen
KI-System trainiert werden, nicht angemessen vertreten sind.
Längst nicht die Aufmerksamkeit, die sie verdienen, bekommen jedoch
tiefgreifende Probleme, die sich nicht einfach erkennen lassen, indem man
Aussagen der KI auf falsche Informationen oder potenzielle Diskriminierung
prüft. Dazu gehören Schmeichelei, bei der Modelle ihre Antworten an die –
ausgesprochenen oder unausgesprochenen – Präferenzen der Nutzer*innen
anpassen, das Verhalten, identische Inhalte unterschiedlich zu behandeln,
wenn sie verschiedenen Quellen zugeschrieben werden, und die Tendenz,
Annahmen als neutrale Fakten darzustellen.
Das kann weitreichende Folgen haben, wenn Politiker*innen mit Chatbots
interagieren, um Ideen und Vorschläge zu entwickeln.
Wissenschaftler*innen haben verschiedene Prozesse untersucht, durch
die Menschen die regelmäßige Nutzung von dialogorientierten KI-Tools, also
Chatbots wie ChatGPT, Claude, Gemini und andere, allmählich in ihre
Denkmuster integrieren und damit möglicherweise beeinflussen, was sie als
„gute“ oder „relevante“ Informationen betrachten. Dazu kommen der
„Automatisierungsbias“ – das Phänomen, bei dem Menschen Antworten von
Computersystemen allzu leicht akzeptieren – und die Gefahr, dass Menschen
sich stark von KI darin beeinflussen lassen, wie sie grundlegende
Überzeugungen entwickeln.
Diese Effekte können sich gegenseitig verstärken, insbesondere wenn
Chatbots von mehreren Entscheidungsträger*innen innerhalb einer
Organisation oder einer Behörde genutzt werden. Institutionelle Annahmen
können sich in der Art und Weise verfestigen, wie Beamte oder andere
Entscheidungsträger*innen Fragen formulieren und Antworten bewerten.
Was wie ein Konsens aussieht, spiegelt möglicherweise in Wirklichkeit nur
eine Übereinstimmung der Antworten wider, die Chatbots generieren, wenn
alle Nutzer*innen die KI auf ähnliche Weise „prompten“, also anweisen.
Werden Chatbot-Antworten die Hierarchie hinauf an hochrangige Beamte und
schließlich an Minister*innen weitergeleitet, entsteht das Risiko, dass
niemand mehr andere Perspektiven in Betracht zieht oder hinterfragt, warum
bestimmte Prinzipien gegenüber anderen bevorzugt wurden. Solche Probleme
können vor allem dann entstehen, wenn Aufsicht oder klare Leitlinien fehlen
– ein Phänomen, das als „Schattennutzung“ generativer KI in der
öffentlichen Verwaltung bezeichnet wird.
## Fragwürdige Eigentümerschaft
Die Gefahren liegen auf der Hand – und sie werden dadurch verstärkt, dass
nahezu alle KI-Chatbots, die derzeit verwendet werden, von US-Unternehmen
stammen, die so gut wie keine Transparenz darüber bieten, wie sie ihre
Systeme eigentlich trainiert haben. Viele von ihnen werden zudem von
Menschen geleitet, deren politische Überzeugungen von demokratieskeptisch
(Sam Altman) über demokratiefeindlich (Jeff Bezos) bis zu faschistisch
(Elon Musk) reichen. Und keines von ihnen, inklusive Microsoft und Google,
kann derzeit von der EU angemessen kontrolliert werden.
Politiker*innen nutzen KI heimlich und reagieren mit Scham, wenn sie
dabei ertappt werden. Es wäre zu hoffen, dass das daran liegt, dass sie
sich der beschriebenen Probleme bewusst sind. Zu vermuten ist allerdings
eher, was als „Hanlonsches Gesetz“ (Hanlon’s Razor) beschrieben wird: dass
man keine böse Absicht vermuten solle, wenn Inkompetenz als Erklärung
ausreicht.
18 Jun 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.zeit.de/politik/deutschland/2026-06/karsten-wildberger-bundesdigitalminister-reden-ki-generierung
(DIR) [2] /KI-Reden-von-Mario-Voigt/!6186148
## AUTOREN
(DIR) Matthias Spielkamp
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