# taz.de -- Ausstellung und Festival in London: Der rote Faden vom Black Atlantic
> Das Victoria & Albert Museum hat eine Dependance im Osten Londons
> eröffnet. Zu sehen gibt es dort eine beeindruckende Schau zur britischen
> Geschichte von Black Music.
(IMG) Bild: Das Publikum beim Konzert von The Specials während der „Rock against Racism“ Package-Tour 1981 in Leeds
Am Samstagmittag geht es auf der East Bank, einer neuen Kulturmeile im
Londoner Osten, noch verschlafen zu. Dabei soll hier gleich das
Minifestival „Queer Frequencies“ als Rahmenprogramm der Ausstellung „The
Music is Black: A British Story“ überbordende Vibes aussenden. Mit dieser
Schau öffnete die auf zeitgenössisches Kunstgeschehen abonnierte Filiale
„V&A East“ unlängst ihre Pforten – das vierstöckige Gebäude ist eine
Dependance des altehrwürdigen Victoria & Albert Museum in Kensington, das
die weltgrößte Sammlung an Kunstgewerbe, Design und Mode beherbergt.
Auf den Uferterrassen vor den architektonisch ambitionierten Neubauten –
2012 fanden hier die Olympischen Sommerspiele statt – legen sich
Performer:innen und DJs auf zwei Bühnen ins Zeug. Die Resonanz ist
zunächst verhalten. Also erst mal in die Ausstellung! Sie erweist sich als
vergnügliche Stimulation aller Sinne und ist zudem ausgesprochen ergiebig.
Der Kuratorin Jacqueline Springer ist es gelungen, historisch weit
auszuholen, Verzweigungen von Schwarzer Musik in Großbritannien nachzugehen
und sich dabei doch nicht zu verzetteln.
125 Jahre afrodiasporische Musik im Vereinigten Königreich sind der rote
Faden. Doch die Ausstellung blickt noch weiter zurück. Schließlich war es
die millionenfache Verschleppung versklavter Menschen, die den Grundstein
legte, für das, was [1][der britische Kulturhistoriker Paul Gilroy] 1993
„Black Atlantic“ nennen sollte.
In diesem Schlüsselwerk postkolonialer Kulturkritik, das im Kontext
aktueller Debatten höchst erhellend wirkt, skizziert Gilroy einen hybriden
Kulturraum der afrikanischen Diaspora, der durch einen transatlantischen,
nicht an Nationalstaaten gebundenen Austausch entstand. Auf Deutsch
erschien „Schwarzer Atlantik: Moderne und doppeltes Bewusstsein“ übrigens
erst 2025 im Merve Verlag.
## „Let's have another party“
Musik spielt dabei eine tragende Rolle. So fanden auch musikalische
Ausdrucksformen aus den Amerikas, wie Jazz, Calypso und Steelpan, stets
ihre Wege nach Großbritannien, der seinerzeit weltgrößten Kolonialmacht.
Den ersten Nummer-1-Hit einer afrokaribischen Künstlerin gab es übrigens
1954, mit Winifred Atwells „Let’s Have Another Party“.
Intensiviert wurde der Ideentransfer durch die Migration der 1950er und
1960er Jahr, als eine halbe Million Menschen aus den karibischen
Commonwealth-Staaten nach Großbritannien einwanderten. Und nicht zuletzt
Reggae als Ingredienz mitbrachten, das „musikalische Geschenk Jamaikas an
die Welt“, wie es auf einer Schautafel heißt.
Und selbstredend auch dessen Vorläufer Ska. Der sollte, mit Punk-Energie
und einer Prise Sozialkritik aufgeladen, zwei Jahrzehnte später in Gestalt
des Two-Tone-Sounds bei Bands wie The Specials und The Selector wieder
aufpoppen. [2][Der atmosphärische Specials-Song „Ghost Town“ (1981)] über
den wirtschaftlichen Niedergang von England gilt nicht umsonst als eine der
eindrücklichsten Sozialstudien, den die britische Popgeschichte
hervorgebracht hat – und als Protesthymne gegen die neoliberale Politik der
damaligen konservativen Regierungschefin Margaret Thatcher.
Über Kopfhörer werden beim Rundgang die zum jeweiligen Exponat passende
Musik und O-Töne eingespielt: ein kurzweiliger Ritt von [3][Reggae, Dub und
Lovers Rock] über die Soundsystem-und Dancehall-Kultur zu zeitgenössischen
Dancefloor-Genres, die daraus hervorgingen: Jungle, Drum'n'Bass und
UK-Garage.
## Höhepunkt einer sehenswerten TV-Serie
Lovers Rock, eine romantisch grundierte Fusion von Soul, Reggae und R&B,
gilt übrigens als das einzig genuin britische Subgenre des Reggae ([4][dem
der Filmemacher Steve McQueen mit der anrührenden Episode „Lovers Rock“,
Teil der sehenswerten Filmreihe „Small Axe“ (2020), ein Denkmal setzte]).
Die Liste der Genres, die dieser Rundgang in Erinnerung ruft, ist zu lang,
um sie vollständig aufzuführen.
Im neuen Jahrtausend entstand etwa eine eigenständige Jazz-Szene und zudem
das Genre Afrobeats, das westafrikanische Pop-Einflüsse mit britischem
HipHop und Dancehall-Elementen zusammenbringt. Und in der unmittelbaren
Nachbarschaft des Museums natürlich mit Grime, einem Mix aus Rap, schnellen
Beats und rohen Bässen, als Antwort auf den zunehmend dystopischen
Zeitgeist.
Angenehm undidaktisch rekurriert diese musikalische Reise durch die
Jahrzehnte immer wieder auch auf den sozialen Kontext:
Geschlechterverhältnisse, ethnische Spannungen und die hyperkapitalistische
Gentrifizierung Londons laufen stets als Unterströmungen mit.
Im aktuellen Kontext, in dem auch im Einwanderungsland Großbritannien
rechte Populisten mit der Angst vor der Migration ihr toxisch-trübes
Süppchen kochen, scheint bemerkenswert, dass die Initiative „Rock Against
Racism“, diese 1978 ins Leben gerufenen Koalition von Musiker:innen, aus
dem Stand 100.000 Demonstranten gegen rechts auf die Londoner Straßen
bringen konnte. Gegründet wurde die Plattform übrigens nach rassistischen
Entgleisungen des Rockgitarristen Eric Clapton – vor dem Hintergrund
besonders absurd, dass seine Musikkarriere maßgeblich auf
afroamerikanischem Blues fußt. Schieflagen werden nicht verschwiegen.
## Immersives Design
Vor allem aber erlaubt die Ausstellung kurzweilige Zeitreisen, nicht
zuletzt in die eigene Jugend – egal welcher Generation man angehört. Ich
jedenfalls fühle mich durch das immersive Ausstellungsdesign in eine
hitzige Nacht in den mittleren Neunzigern versetzt, in denen das weibliche
DJ-Duo Kemistry & Storm den Underground-Club Blue Note in eine Sauna voller
zuckender Leiber verwandelte. Der Club, in dem die beiden Mitbegründerinnen
des Label Metalheadz regelmäßig auflegten, war zentral für die Entwicklung
von Drum'n'Bass in London.
Die Atmosphäre beim Umsonst-und-draußen-Event ist Stunden später, als mich
die Ausstellung wieder ausspuckt, wie verwandelt: Es wird wild getanzt und
getrunken. Die queere Community gibt sich ein Stelldichein mit den Locals,
manch eine:r ist hübsch aufgebrezelt. Das Programm, kuratiert unter
anderem von Donny Sunshine, Veranstalter der queeren Partyreihe „To The
Left“, ist abwechslungsreich, wenngleich manch Nuance in den wummernden
Bässen untergeht.
Die Idee, dass dieses Kulturquartier im Osten der Metropole, zu dem neben
dem Museum auch das Royal College of Fashion, die BBC-Aufnahmestudios und
ein Ableger des Tanztheaters Saddler’s Wells gehören, neben
Kulturinteressierten auch Anwohner:innen anlocken soll, scheint an
diesem sonnigen Augusttag aufzugehen. Die Stimmung wirkt so frohgemut und
warmherzig, dass, als die Party am Abend ins Foyer des Saddler’s Wells
weitergezogen ist, selbst ein akustisch herausfordernder Poetryslam und
eine eher linkische Tanzeinlage enthusiastisch bejubelt werden – auch wenn
das den Danceflow kurz ausbremst.
27 Aug 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Sammelband-des-Kulturtheoretikers-Hall/!5799538
(DIR) [2] https://www.youtube.com/watch?v=Msa3m5BevcM
(DIR) [3] /Londoner-Dubpoet-Linton-Kwesi-Johnson-/!6096603
(DIR) [4] /Renaissance-von-Dubreggae/!5738310
## AUTOREN
(DIR) Stephanie Grimm
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