# taz.de -- Neue Werke von Anthony Joseph: Sein Herz ist eine Insel
> Der trinidadisch-britische Groovepoet veröffentlicht ein neues Album und
> einen Gedichtband. Sein musikalisches Werk kreist um diasporische
> Erfahrungen.
(IMG) Bild: Ist viel Unterwegs: Anthony Joseph
Zehn Alben, sieben Gedichtbände, drei Romane: Anthony Josephs
künstlerisches Schaffen ist umfangreich. Das Werk des in London lebenden,
in Trinidad aufgewachsenen Lyrikers und Musikers kreist um sein Leben
zwischen den Antillen und Großbritannien. Dort gilt der 59-Jährige schon
lange als einer der führenden Vertreter der Schwarzen literarischen
Avantgarde, ausgezeichnet mit zahlreichen Preisen. In Deutschland ist
Joseph immer noch zu entdecken. Da trifft es sich gut, dass er gerade mit
„Haunting the Black Air“ einen neuen Gedichtband sowie mit „The Ark“ ein
neues Album veröffentlicht hat.
In der diasporischen Tradition des Schwarzen Atlantiks reicht die
Verbindung von Dichtung und Musik bis zu den Griots Westafrikas zurück. In
dieser Nachfolge steht auch Anthony Joseph wie schon vor ihm Nikki Giovanni
und [1][Linton Kwesi Johnson].
Geboren 1966 in Port of Spain, wächst Joseph bei seinen Großeltern auf. Als
Teenager beginnt er, Texte zu Musikstücken aus dem Radio zu schreiben. Er
nimmt die Sprachfärbungen in seiner Umgebung zwischen Schulenglisch und dem
französisch geprägten Patois seiner Oma genauso in sich auf, wie das
entrückte Zungensprechen bei den ekstatischen Gottesdiensten in seiner
Gemeinde – entsprechend polyphon sind auch seine Gedichte.
Auch seine musikalische Prägung ist vielfältig und umfasst Rock und Jazz
sowie die lokale Calypso-Musik. Mit 23 Jahren geht Joseph nach London, wo
er studiert. In den 1990er Jahren bringt er die Gedichtbände „Desafinado“
und „Teragaton“ im Selbstverlag heraus. Weitere Bücher, darunter eine
fiktionale Biografie [2][des trinidadischen Calypso-Sängers Lord
Kitchener], folgen.
## Der abwesende Vater
Für seinen Gedichtband „Sonnets for Albert“, in dem sich Joseph mit seinem
abwesenden Vater auseinandersetzt, wird er 2022 mit dem renommierten „T. S.
Eliot“-Preis ausgezeichnet. Die 2024 erschienene Anthologie „Precious and
Impossible: Selected Poems“ samt einem informativen Vorwort der
US-Literaturwissenschaftlerin Lauri Scheyer liefert einen sehr guten
Einstieg in die Lyrik von Joseph.
Parallel zu seinem schriftstellerischen Werk entwickelt Anthony Joseph eine
musikalische Laufbahn. Basierend auf seinen Gedichten, erscheint 2007 sein
Debütalbum „Leggo de Lion“. Im Laufe der Zeit hat Joseph mit
unterschiedlichen Musiker*innen zusammengearbeitet, sowohl im Kontext
mit seiner ehemaligen Gruppe The Spasm Band als auch solo, etwa mit
[3][Meshell Ndegeochello] und Shabaka Hutchings.
Anthony Josephs Stil ist geprägt von autobiografischen Beobachtungen, aus
denen surrealistische Imaginationen hervortreten können, sodass sich
Realität und Vorstellung, Raum und Zeit auflösen. Dies gilt auch für
„Hauting the Black Air“. Das Buch ist in acht Kapitel gegliedert. Schon
ihre Titel wie „Folklore“ und „Mt Lambert“, dem Ortsteil, in dem Joseph in
Trinidad groß geworden ist, sowie „Threnody“ – Klagelied – weisen darauf
hin, dass Rückblick, Erinnern und Selbstvergewisserung in den Texten eine
wichtige Rolle spielen.
Viele Gedichte enthalten Widmungen, etwa an den verstorbenen schottischen
Poeten Roddy Lumsden oder den US-amerikanischen Bildhauer Charles Ray und
seine Frau Sylvia. In den Texten selbst blickt Joseph auf Nebenfiguren wie
einen namenlosen Schlagzeuger [4][des Saxofonisten Albert Ayler] oder den
Bassisten Chuck Rainey. Vor allem jedoch spielen Menschen aus seiner
Familie eine wichtige Rolle.
## Das harte Los der Mutter
Das harte Los seiner verstorbenen Mutter steht im Gedicht „A Juba For
Janet“ im Zentrum. Allerdings muss sich Joseph eingestehen, dass er ihre
Person und ihre Bedeutung für sich nicht angemessen beschreiben kann: „This
poem could only write / A few lines each year / And still, never get the
image right.“
Wie häufig bei den Gedichtbänden von Joseph finden sich zwischen den Texten
Fotos aus seinem Familienalbum. Während diese Bilder für eine weitere
biografische Verknüpfung sorgen, verortet sich Joseph mit eingestreuten
Zitaten von Dichter*innen und Theoretiker*innen wie Roland Barthes,
Amiri Baraka, Suzanne Césaire und Derek Walcott auch literarisch.
Valencia, Tokio, Stockholm, Los Angeles: Anthony Joseph kommt viel herum.
Im Hafen von Liverpool muss er an den transatlantischen Handel mit
Sklav*innen aus Westafrika denken („As I leave out from Liverpool / Where
they used to ship us in, /Luminous with possibilities“) und verknüpft ihn
mit dem Karneval zu Hause: „In Port of Spain, the carnival is over. / It’s
detritus lines the streets. / Arms around their heads, their heads between
their knees.“
Neben Gedichten im freien Vers spielt Joseph auch mit visueller Poesie. In
„Storm Window“ kreisen die Worte wie um das Auge eines Wirbelsturms. Zu
einem Mauerwerk sind sie in „The Folded House“ zusammengesetzt. Tropischen
Pflanzen gleich hängen die Zeilen in „Black Villages“ von oben herab.
## Silbe um Silbe zum Leben erwecken
Die Texte „New York Soul“ und „Blue Susan“ aus „Haunting the Black Air“
finden sich auch vertont auf Josephs neuem Album „The Ark“. Der
britisch-österreichische Gitarrist und Produzent Dave Okumu hat Anthony
Joseph dafür ein musikalisches Fundament geschaffen, auf dem er seine Texte
Silbe für Silbe zum Leben erweckt.
In „New York Soul“ treffen ein tiefer Funk-Basslauf, spärliche
Schlagzeug-Beats und Afro-Bläser aufeinander und korrespondieren mit dem
Porträt des Tänzers James Oscar und einer Party in Brooklyn. In einen
Schwebezustand versetzt der Background-Gesang den Songtext zu „Blue Susan“,
in dem es um die Ängste der Protagonistin und ihre Begegnung mit Musik
geht.
In seinem Vortrag wechselt Joseph immer wieder zwischen Sprechen und Singen
hin und her. Durch Betonungen, Wiederholungen und Pausen kommt der Rhythmus
seiner Gedichte erst vollständig zum Ausdruck. Schriftliche und mündliche
Überlieferung, Lesen und Zuhören, Nachdenken und Tanzen, das sind die Pole,
zwischen denen sich das Werk von Anthony Joseph bewegt. In seinen Texten
bringt er geistige und körperliche Erfahrungen magnetisch auf einer
Wellenlänge zum Schwingen.
21 Jul 2026
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## AUTOREN
(DIR) Sven Beckstette
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