# taz.de -- Karen Attiah und die „Washington Post“: Was viele denken
       
       > Wegen eines Posts über den Rechtsextremen Charlie Kirk verlor eine
       > US-Journalistin ihren Job – zu Unrecht, wie nun entschieden wurde. Der
       > Fall verrät viel.
       
 (IMG) Bild: Karen Attiah bei einem Interview nach ihrer Kündigung im Jahr 2025
       
       Nicht wenige hatten gehofft, dass Friedrich Merz [1][nicht mehr aus dem
       Urlaub zurückkommt.] Oder am besten für immer verschwindet. Andere haben es
       gefeiert, als das Attentat auf Donald Trump 2024 mit dem sprichwörtlichen
       letzten Bus verglichen wurde: [2][„leider knapp verpasst“.] Und nicht jeder
       wollte um den ermordeten rechtspopulistischen Aktivisten Charlie Kirk in
       den USA trauern. All diese Aussagen stammen, so oder so ähnlich, von
       Journalist*innen oder anderen medialen Persönlichkeiten – und kosteten
       manche davon ihre Jobs. Gingen sie über die Meinungsfreiheit hinaus?
       
       Für einen weiteren dieser Fälle lässt sich das jetzt beantworten: nein. Die
       US-amerikanische Journalistin Karen Attiah hatte nach dem Attentat auf
       Charlie Kirk im September 2025 auf der Plattform Bluesky geschrieben: „Mich
       zu weigern, meine Kleidung zu zerreißen und mir Asche ins Gesicht zu
       schmieren, um theatralisch um einen weißen Mann zu trauern, der Gewalt
       befürwortete, ist … nicht dasselbe wie Gewalt.“ Daraufhin wurde sie von
       ihrem Arbeitgeber, der Washington Post, gefeuert.
       
       Zuvor war Attiah dort elf Jahre als Meinungsautorin tätig. Ihre Kündigung
       ließ sich die Journalistin aber nicht widerstandslos gefallen. Sie
       eröffnete ein Schiedsverfahren gegen ihren Arbeitgeber. Die Schlichterin
       entschied: Attiah habe kein grobes Fehlverhalten begangen, die Kündigung
       sei nicht rechtens.
       
       Nun ist die Washington Post dazu verpflichtet, die Kündigung zurückzunehmen
       und die fehlenden Gehälter nachzuzahlen – [3][zur großen Freude Attiahs.]
       
       ## Kurswechsel unter Bezos?
       
       Einigen mag die Entscheidung aufstoßen, weil sie Attiahs Kommentar über
       Kirk als geschmacklos bezeichnen würden. Das kommt vor. Oft wird bei
       Meinungsstücken oder verkappten Posts in den sozialen Medien gefragt:
       Musste das sein? Aber es liegt wohl in der Natur von
       Meinungsredakteur*innen, zu zeigen: Ja, das muss. Meinungen nerven, wann
       immer sie nicht die eigenen sind. Aber gerade das, was nervt und aneckt,
       kann Ausgangspunkt für eine fruchtbare Debatte sein. Oder ein
       Gerichtsverfahren. Manchmal beides.
       
       Der Fall Attiah wirft aber einmal mehr die Frage auf, ob es in Ordnung ist,
       dass Medien Journalist*innen feuern, weil ihnen ihre Meinung nicht
       passt und sie ihren Ruf in Gefahr sehen. Widersprüchlich dabei ist, dass
       Medienhäuser besonders gern nach Leuten suchen, die in den sozialen Medien
       am lautesten krähen – um sie für Kolumnen und Kommentare zu gewinnen.
       
       Denn auch Zeitungen unterliegen der Aufmerksamkeitsökonomie und wollen hohe
       Klickzahlen. Umso besser – und sonst auch Standard – wenn es politisch
       fundierte und gut argumentierte Meinungsbeiträge sind, die diese liefern.
       Wenn dann die eigenen Autor*innen aber nicht mehr ins politische Raster
       passen, wird sich doch wieder distanziert. Zu kontrovers, zu heikel.
       
       Bei der Washington Post drängt sich daher die Frage auf, ob auch dieser
       Vorfall auf einen Kurswechsel des Mediums unter Eigentümer Jeff Bezos
       zurückzuführen ist. Seit der Wiederwahl von Trump liege der Fokus der
       Meinungsberichterstattung auf „persönlichen Freiheiten und freien Märkten“,
       sagte dieser bei seinem Amtsantritt. Attiahs Kommentar schien darunter
       nicht zu fallen.
       
       ## Meinungen darf man doof finden
       
       Dabei ist ihr Post nur ein Auszug ihrer Arbeit. In einem weiteren Beitrag
       auf der Plattform Substack erklärte sie, ihre journalistischen und
       moralischen Werte hätten sie dazu gezwungen, Gewalt und Mord zu
       verurteilen, ohne dabei vorgetäuschte Trauer für einen Mann zu zeigen, der
       regelmäßig Schwarze Frauen als Gruppe attackierte und
       Wissenschaftler*innen durch die Aufnahme in Beobachtungslisten in
       Gefahr brachte. Ist das zu kontrovers für die Washington Post?
       
       Das Schöne an Meinung ist: Man muss nicht mit ihr übereinstimmen, um
       darüber zu reden, zu streiten und davon ausgehend gesellschaftliche
       Strukturen infrage zu stellen. Am Ende sprechen
       Meinungsjournalist*innen oft nur aus, was viele denken. Es ist eine
       Perspektive. Und von denen brauchen wir viele, um nicht im Einheitssumpf zu
       versinken.
       
       Das sollten Medienhäuser wissen und sich auch nicht von einem
       Tech-Milliardär dazwischenfunken lassen. Meinungen kann man doof finden,
       aber nicht die Meinungsfreiheit.
       
       25 Aug 2026
       
       ## LINKS
       
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 (DIR) [2] /-Freispruch-fuer-Satiriker-El-Hotzo-nach-Witz-ueber-Trump-Attentat-/!6102511
 (DIR) [3] https://bsky.app/profile/karenattiah.bsky.social/post/3mtt7lkzc5s2w
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Selina Hellfritsch
       
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