# taz.de -- Der alltägliche Mord an Frauen: Ein Wort ist nicht genug
       
       > Wir nennen sie „Femizide“ und fordern eigene Strafbestände. Doch solange
       > Morde aus Frauenhass als tragische Einzelfälle gelten, wird nichts
       > besser.
       
 (IMG) Bild: Vor Ort ist die Trauer sichtbar: Gosen-Neu-Zittau nach dem Tod einer 18-jährigen Schülerin und eines Erziehers
       
       Die Flaggen wehen auf Halbmast. Der Kanzler spricht Worte des Mitgefühls in
       eine Kamera. Das Opfer bekommt einen Namen und eine Geschichte. Zeitungen
       räumen ihre Titelseiten frei, die Öffentlich-Rechtlichen bringen eine
       Sondersendung zur Primetime. Wir alle sind im Schockzustand und fragen uns:
       Wie konnte das passieren? Und: Wie können wir verhindern, das es wieder
       passiert? Eine Ministerin verspricht Gesetzesänderungen oder zumindest
       verschärfte Sicherheitsmaßnahmen.
       
       Die Reaktionen auf eine politische Tat, auf einen Anschlag, laufen in der
       Regel nach dem selben Muster ab. Es ist wie ein Schauspiel, das wir für
       einige Tage aufführen, um dann zum Alltag zurückzukehren. Manchmal
       verändert sich danach wirklich etwas, oft bleibt alles beim Alten, aber
       immerhin haben wir kurz innegehalten und klar gemacht, dass wir ernst
       nehmen, was passiert ist.
       
       Wenn ein Mann am helllichten Tag in der Öffentlichkeit eine Frau tötet,
       passiert all das nicht. Denn obwohl wir mit dem Begriff „Femizid“ ein
       eigenes Wort für das Töten von Frauen erfunden haben und obwohl eigene
       Strafbestände dafür gefordert werden, begreifen wir es noch immer nicht als
       politische Tat. Wir behandeln die Tötungen weiter als tragische
       Einzelschicksale. Das hat sich gerade wieder gezeigt.
       
       Auf dem Hof einer Privatschule im [1][brandenburgischen Gosen-Neu Zittau
       hat in der letzten Augustwoche ein 19-Jähriger eine 18-jährige Schülerin
       und einen Erzieher getötet]. Laut Polizei ist die Frau die Ex-Freundin des
       Täters, der Erzieher hatte versucht sie zu retten. Wenige Tage später und
       keine fünf Kilometer entfernt [2][in Erkner tötet ein 29-Jähriger auf
       offener Straße eine 24-jährige Frau]. Auch sie ist die ehemalige
       Lebensgefährtin des Täters. Vor der Tötung sollen die beiden über den
       Umgang mit ihrem gemeinsamen Kind gestritten haben.
       
       ## Kerzen und Blumen am Tatort
       
       Am gleichen Tag, aber hunderte Kilometer weiter südlich [3][in Stuttgart,
       ist eine 47-jährige Frau an ihren Verletzungen gestorben.] Ihr Ex-Partner
       hatte sie Ende Juli im Einkaufszentrum Milaneo mit einem Messer angegriffen
       und danach angezündet. In allen drei Fällen hat die zuständige
       Staatsanwaltschaft Haftbefehl wegen Mordes erlassen. In allen drei Fällen
       ist der Beschuldigte der Ex-Partner. In allen drei Fällen handelt es sich
       um einen mutmaßlichen Femizid. Das wahrscheinlichste Tatmotiv ist demnach
       Frauenhass. Also ein politisches. Doch anders als bei anderen Taten, die
       aus Hass gegenüber gesellschaftlichen Gruppen verübt werden, bleibt das
       ritualisierte Schauspiel aus.
       
       Kerzen und Blumen am Tatort erinnern zwar an die Opfer, vor Ort ist die
       Trauer sichtbar. Doch die Bevölkerung im Rest des Landes bekommt von den
       mutmaßlichen Morden kaum etwas mit. Sie gehören im Alltag zu Deutschland
       einfach dazu, werden übersehen oder ignoriert. Die Flaggen am Bundestag
       wehen oben am Mast. Der Kanzler schweigt. Die Öffentlich-Rechtlichen senden
       einen Krimi oder Sport zur Primetime. Die Zeitungen titeln mit der
       anstehenden Wahl in Sachsen-Anhalt oder der deutschen Autobranche. Ganz so,
       als sei nichts weiter passiert.
       
       In Brandenburg wird nun über die Sicherheit an Schulen diskutiert. Doch die
       Diskussion geht an der Sache vorbei. Eine Schule ist nur ein möglicher
       Tatort von vielen. Im Leben einer Frau kann jeder Ort zum Tatort werden –
       [4][am wahrscheinlichsten ist das eigene Zuhause].
       
       Wie man das Leben von Frauen und anderen Menschen, die unter patriarchaler
       Gewalt leiden, schützen kann, dafür gibt es Konzepte und Vorgehensweisen.
       Klar ist, die Bekämpfung muss früh ansetzen. Nämlich da, wo die Gewalt
       losgeht, und nicht erst da, wo sie endet. Doch der politische Wille, die
       Konzepte umzusetzen, fehlt. Denn zur Wahrheit gehört auch: Femizide sind
       die gewaltvollste Ausprägung des Patriarchats. Ein System, das wir
       abschaffen müssten, wenn wir möchten, dass Frauen und Queers in Sicherheit
       leben können. Aber es ist eben auch ein System, von dem die meisten
       Menschen, die Macht haben, profitieren.
       
       Eine Flagge auf Halbmast oder ein mitfühlendes Wort des Kanzlers wird
       niemandem das Leben retten. Doch es wäre ein Zeichen, dass wir das Töten
       von Frauen als politisch anerkennen. Solange wir nicht einmal wahrhaben
       wollen, wie strukturell die Gefahr ist, werden wir sie nicht eindämmen
       können.
       
       4 Sep 2026
       
       ## LINKS
       
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 (DIR) [2] /Mutmasslicher-Femizid-in-Brandenburg/!6208935
 (DIR) [3] https://www.tagesschau.de/inland/regional/badenwuerttemberg/swr-frau-nach-angriff-im-stuttgarter-einkaufszentrum-milaneo-gestorben-100.html
 (DIR) [4] /Kriminalbeamter-geht-viral-Besser-keine-Beziehung-mit-einem-Mann-eingehen/!6173057
       
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