# taz.de -- Feminismus nach Pelicot: Die regressive Frau
       
       > Solange Frauen keine kritische Weiblichkeit etablieren, bekommen Männer
       > immer einen Fuß in die Tür. Den abzuhacken, hilft nicht gegen die
       > Ohnmacht.
       
 (IMG) Bild: „Wer genießt lustvoll die Plüschfesseln, mit denen Mann uns ans Bett fesselt, die würgenden Hände um den Hals beim Sex? Viele!“
       
       Männer an die Wand!“, schreien mich die roten Lettern neben linken
       Plakaten, Stickern und Graffiti-Tags an. Mit einem mulmigen Gefühl stehe
       ich in einem selbstorganisierten studentischen Raum vor der Parole.
       
       Exekutionsfantasien waren lange ein No-Go in der Szene. Wächst parallel zur
       patriarchalen Gewalt gerade eine Gegengewalt, vor allem seitens junger
       Frauen heran? Die Influencerin [1][Frau Löwenherz] schlägt auf Instagram
       vor, Männer, die Deep-Fake-Pornos verbreiten, an den Zehen aufzuhängen und
       zu kastrieren.
       
       Dagegen scheint der Twitter-Post von [2][Jette Nietzard] – damals Chefin
       der Grünen Jugend –, „Männer, die ihre Hand beim Böllern verlieren, können
       zumindest keine Frauen mehr schlagen“, geradezu brav. Mittelalterliches
       Lynchen ist popfeministisch in.
       
       Zu Recht! Möchte frau angesichts der Kriminalstatistik meinen. 2025 waren
       91,3 Prozent der Opfer von Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung
       weiblich. Mit Todesfolge stieg diese Zahl um 8,5 Prozent zum Vorjahr. Die
       erfassten Vergewaltigungen stiegen seit 2018 um ganze 71,7 Prozent. Der
       [3][Fall Gisèle Pelicot], die Debatten um Collien Fernandes, Femizide,
       Incel-Attentate, Vergewaltigungsnetzwerke: Fast jeden Tag versucht ein
       Mann, seine Partnerin zu töten.
       
       ## Bankrotterklärung an die Emanzipation
       
       Da ist es verständlich, sich aus der Ohnmacht heraus ermächtigen zu wollen.
       Nach der Scham muss jetzt auch die Macht die Seiten wechseln. Drehen wir
       die Bedingungen des Gewaltpatriarchats einfach mal um und beanspruchen die
       Rechte der Männer für uns.
       
       Wenn das in der Praxis so klappen und Frauen tatsächlich frei machen würde.
       Lynch- und Racheaufrufe sind jedenfalls kein Anfang, sondern eine
       Bankrotterklärung an die Emanzipation. Sie zeigen, dass die Unterdrückten
       oft noch im Akt der Befreiung in das Ideal der ihnen verwehrten Macht
       verliebt sind.
       
       Mit diesen Worten richtet die feministische Psychoanalytikerin Jessica
       Benjamin in die „Fesseln der Liebe“ ähnlich wie die Philosophin [4][Svenja
       Flaßpöhler] unseren Blick auf die andere Seite der Herrschaft: auf die
       weibliche Unterwerfung und unsere Handlungsspielräume.
       
       Das Kernproblem – zumindest im konkreten Moment – ist nicht der einzelne
       Mann, der uns die Fesseln der Hassliebe um den Hals legt, und ob er sie
       gerade an- oder entspannt. Das Kernproblem sind die Fesseln selbst und
       unsere Position in ihnen. Ihr Halter tauscht sich durch den nächsten aus –
       ein leidvolles Beziehungsmuster vieler Frauen.
       
       ## Psychischer Besitz
       
       Die Schlüsselfrage ist, wo lassen wir Männern die Chance, uns die Fesseln
       anzulegen, bevor sie diese zuziehen können? Wo lassen wir ihnen die Chance,
       uns zu besitzen? Wo bieten wir uns psychologisch, sexuell und finanziell
       proaktiv dazu an? Und welche gesellschaftlichen Bedingungen drängen uns
       dazu?
       
       „Der Herr wird erst durch die Chance der Anerkennung und Durchsetzung
       seiner Macht beim Knecht zu selbigem“ (Benjamin). Und dem körperlichen
       Besitz geht der psychische voraus.
       
       Unbewusst und bewusst halten wir unseren Kopf hin: als sexualisierte
       Objekte bei OnlyFans, als mütterlich aufopferungsvolle Frau, die
       finanzielle Unabhängigkeit und Bildung für die Familie hergibt. Wir machen
       uns selbst zu Opfern. Zur Ware in Dating-Apps, zur kostenlosen Therapeutin,
       Putzfrau, Köchin und zur Tradwife. Da ist es nur natürlich, dass wir den
       Unterdrücker hassen müssen. „Männer alles Penner“, singt [5][Ikkimel]
       twerkend, während sie an ihrem neuen OnlyFans-Account arbeitet.
       Krankheitsgewinn könnte man das nennen.
       
       Scheinbar ist es zu schmerzhaft, zu fühlen, wie patriarchale
       Machtverhältnisse uns schmackhaft gemacht wurden. Und wie erfolgreich diese
       leibliche Sozialisation war.
       
       ## Warum stehe ich auf Bad Boys?
       
       Wer wird schon gern feucht bei einem misogynen Porno? Wer genießt lustvoll
       die Plüschfesseln, mit denen Mann uns ans Bett fesselt, die würgenden Hände
       um den Hals beim Sex? Viele! Solange wir aber noch Luft ins Gehirn
       bekommen, sollten wir uns fragen: Warum machen mich patriarchale
       Herrschaftsfantasien und Kontrolle geil? Warum stehe ich auf [6][Bad Boys
       und Macker]?
       
       Solange wir um unserer selbst willen keine kritisch-feministische
       Weiblichkeit etablieren, die sich gegen unsere eigenen regressiven
       Bedürfnisse emanzipatorisch durchsetzen kann, wissen Männer insgeheim, dass
       sie doch noch einen Fuß in unsere Tür kriegen. Diese Tür muss zu.
       
       Verschanzen, die Straßenseite wechseln oder uns verhüllen, müssen wir uns
       deshalb nicht. Wir sind doch kein schwaches FLINTA*-Geschlecht, das in Safe
       Spaces versauert. Kämpferinnen der kritisch-feministischen Weiblichkeit
       wissen sich zu verteidigen und die Gewalt konkret, emanzipatorisch und
       verhältnismäßig einzusetzen. Sie ästhetisieren Gewalt nicht und fantasieren
       sich nicht in die Unterdrückerposition hinein.
       
       Immerhin: Der Punkt des Ausrufezeichens hinter dem Schriftzug „Männer an
       die Wand“ ist ein Herz. Steckt also doch etwas Sehnsucht nach Beziehung und
       Liebe im verzweifelten Strafbedürfnis? Zu Recht!
       
       Denn Manon Garcia hat nie gesagt, wir sollten nicht mehr mit Männern leben,
       sondern gefragt, wie das geht. Dem Heterofatalismus entgegen ziehen wir
       also unseren Hals auch schnell wieder aus der popfeministischen Schlinge
       der Askese. Aus ihr gucken wir sowieso nur in einen kalten „Sommer ohne
       Männer“ und in eine „Boy-Sober“-Zukunft ohne weibliches Begehren. Warum
       nicht gleich ein Chatbot als Freund?
       
       Statt uns ein – oft zutreffendes – negatives Männerbild zu machen, sollten
       wir lieber eine konkrete und positive Vision einer Beziehung entwickeln.
       Einer Beziehung, in der es nicht um Macht, Ohnmacht oder gar Herrschaft
       geht, sondern um die gegenseitige Anerkennung zweier Subjekte. Denn weder
       realitätsferne Vernichtungsfantasien noch das abhängige Herumdoktern am
       Unterdrücker liegen in unserer Macht. Was wir tun – und mit wem – hingegen
       schon.
       
       „Heute wieder meinen Freund unterdrücken“, grinst eine junge Frau auf
       Instagram in die Kamera und wackelt mit dem Hintern. Ihr Freund findet
       dieses Spiel mit seinen Fesseln sicherlich heiß. Doch wo bleibt ihre
       verdammte Schere? Nicht die für seinen Hals, sondern die, die ihre eigenen
       Fesseln durchtrennt.
       
       21 Aug 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.instagram.com/frauloewenherz.de/?hl=de
 (DIR) [2] /Rueckzug-der-Gruene-Jugend-Chefin/!6099445
 (DIR) [3] /Sexualisierte-Gewalt/!6202185
 (DIR) [4] /Sensibilitaet-als-Zivilisationsmotor/!5808567&s/
 (DIR) [5] /Vertrauen-in-die-Medien/!6191086
 (DIR) [6] /Debatte-um-toxische-Maennlichkeit/!5426480
       
       ## AUTOREN
       
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