# taz.de -- Pionier der Täterarbeit: „Täterarbeit ist kein Stuhlkreis, sondern knallharte Arbeit“
       
       > Der depressive Familienvater oder der unauffällige Nachbar. Gewalttätige
       > Männer sind nicht alle gleich. Roland Hertel erklärt, wie Täterarbeit
       > funktionieren kann.
       
 (IMG) Bild: Wie umgehen mit Partnerschaftsgewalt?
       
       taz: Herr Hertel, Sie haben den Großteil Ihres beruflichen Lebens dem
       Aufbau und der Weiterentwicklung der Täterarbeit gewidmet, also der Arbeit
       mit Männern, die häusliche Gewalt ausüben. Welcher Art von Tätern sind Sie
       begegnet? 
       
       Roland Hertel: Es gibt eine Typologie der Psychologin und
       Neurowissenschaftlerin Amy Holtzworth-Munroe, die wir aus der Praxis
       weitgehend bestätigen können. Beim „Family-only-Typ“ würde das Umfeld nie
       denken, dass er Gewalt ausübt. In meinem Dorf habe ich selbst keine Fälle
       bearbeitet, Kolleg*innen aber schon. Wenn die Leute in der Nachbarschaft
       gewusst hätten, wer alles seine Frau schlägt, die hätten ganz schön
       gestaunt. Der zweite ist der sogenannte „Borderline-Dysphoric-Typ“. Der
       leidet oft an Depressionen oder Persönlichkeitsstörungen, ist unzufrieden,
       hat vielleicht Probleme am Arbeitsplatz. Diese beiden üben Gewalt aus
       emotional belastenden Zuständen heraus aus. Der dritte Typ ist der generell
       Gewalttätige, der allen Konflikten mit Gewalt begegnet, aus dem Bedürfnis
       nach Macht und Kontrolle. Typ vier ist ein Mischtyp aus Typ zwei und drei.
       
       taz: Welcher Typ ist für Frauen der gefährlichste? 
       
       Hertel: Der generell gewalttätige Typ verübt deutlich schwerere Gewalt. Bei
       ihm liegt die Trennungsrate der Partnerinnen bei null. Warum? Weil die
       Frauen in ständiger Angst sind: Wenn ich mich trenne, legt er mich um.
       Dennoch zeigt sich: Männer töten eher, wenn sie emotional belastet sind,
       deshalb fallen bei Femiziden Typ eins und zwei häufiger auf.
       
       taz: Die Täterarbeit ist in Deutschland ein noch recht junges Feld in der
       sozialen Arbeit. Sie haben sie mit aufgebaut. Was brachte für Sie den Stein
       ins Rollen? 
       
       Hertel: Als Sozialarbeiter war ich 30 Jahre bei der Staatsanwaltschaft des
       Landgerichts Landau beschäftigt. 1996 hatte ich einen Auftrag, eine
       sozial-gutachterliche Stellungnahme über einen Intimizid (Anm. d. Red.:
       Tötung des Intimpartners) einer Frau zu machen, die in Notwehr ihren Mann
       erstochen hatte. Es stellte sich heraus, dass die Polizei im Vorfeld 20 Mal
       da war. Auf die Idee unseres leitenden Staatsanwalts hin starteten wir ein
       Pilotprojekt, in dem wir untersuchten, warum die Frauen den Strafantrag
       zurückziehen oder Strafverfolgung gar nicht erst in Betracht ziehen und
       welche Krisen es gibt. Wir suchten gezielt Betroffene auf, um die
       Konfliktsituationen kennenzulernen und somit als Justiz schneller
       intervenieren zu können. Wir merkten aber bald: Diese erste Intervention
       reicht nicht. Wir müssen auch an die Aggressoren ran.
       
       taz: So gründeten Sie zusammen mit mehr als 30 Netzwerkpartnern vor 26
       Jahren das Interventionszentrum Südpfalz, in dem bis heute Täterberatung
       unter dem gleichen Dach stattfindet wie Betroffenenberatung. Was änderte
       sich dadurch? 
       
       Hertel: Die Eingänge für Betroffene und Täter sind im Interventionszentrum
       streng getrennt. Worauf es ankommt, ist vernetzte Arbeit. Wenn man sich die
       Anamnese von häuslicher Gewalt anschaut, dann müssen wir verstehen, dass
       wir im gewaltbelasteten Familiensystem arbeiten. Für alle Protagonisten
       brauchen wir Hilfsangebote, auch für die Kinder, und alle Stellen, die mit
       ihnen arbeiten, müssen im beständigen Austausch stehen.
       
       taz: Warum ist das so wichtig? 
       
       Hertel: Wenn wir beispielsweise mit einem Mann einen Notfallplan
       erarbeiten, wann er eine Konfliktsituation verlassen muss, bevor es
       eskaliert, die Frau davon aber nichts weiß und den Konflikt ausdiskutieren
       möchte, ist das kontraproduktiv. Deshalb muss dieser Notfallplan zwingend
       mit der Frau abgesprochen sein.
       
       taz: Sie entwickelten den ersten vom Bundesfamilienministerium
       unterstützten Standard mit, nach dem heute mehr als 80
       Mitgliedseinrichtungen deutschlandweit arbeiten. Damit legten Sie auch eine
       einheitliche Ausrichtung fest, die sich von bereits bestehender Arbeit mit
       gewaltausübenden Männern unterschied. Was war Ihnen wichtig? 
       
       Hertel: Wir waren von Anfang an profeministisch und der Auffassung, dass
       Gewalt in Beziehungen geschlechtsspezifisch ist. Dass man auch mit
       zugewiesenen Männern arbeiten muss, die übers Jugendamt, über Strafgerichte
       oder die Staatsanwaltschaft kommen – nicht nur mit Selbstmeldern. Andere
       Männernetzwerke warfen uns das vor, sagten, zu einer Beratung könne man
       niemanden zwingen und Frauen würden ja genau so Gewalt ausüben. Was den
       Zwang angeht: Jeder, der von der Staatsanwaltschaft oder vom Gericht
       geschickt wird, muss der Maßnahme zustimmen. Wer keine Bereitschaft zeigt,
       mitzumachen und sich zu verändern, mit dem wird die Zusammenarbeit beendet
       oder erst gar nicht zugewiesen. Uns war von Anfang an wichtig: Täterarbeit
       ist kein Stuhlkreis, in den Männer kommen und sich ein bisschen über
       gewalttätige Beziehungen unterhalten. Das ist knallharte Arbeit.
       
       taz: Feste Bestandteile des Sozialprogramms sind auch Tatrekonstruktionen
       und Rollenspiele, in denen Täter ihre Tat nachspielen. 
       
       Hertel: Ja, wir setzen die Männer auch mal auf die Knie, um sie in die
       Kindperspektive zu versetzen. Viele Männer nehmen überhaupt nicht wahr,
       dass die Kinder oft dazwischen gehen oder Angst vor ihnen haben. Mit diesen
       Übungen wollen wir nicht nur Empathie fördern, sondern auch herausfinden,
       was die Logik einer Gewalthandlung ist. Sie ist ja ein Symptom. Es ist
       nicht der Großteil der Täter, der heimkommt und sagt, jetzt schlage ich mal
       meine Frau. Das sind meistens Männer, die in einer emotionalen
       Ausnahmesituation keine Lösungsmuster haben. Ich bin mit so einem Vater
       aufgewachsen. Wenn der betrunken war, war es für unsere Mutter teilweise
       eine regelrechte Hölle. Heute weiß ich, dass dies ein ewiger Kreislauf war,
       den unsere Mutter irgendwann beendet hat. Großer Vorteil war, dass sie
       nicht wirtschaftlich abhängig war. Vielleicht bin ich deshalb ein bisschen
       militanter und klarer als andere. Die Mechanismen des Verdrängens und die
       Täter-Opfer-Umkehr bei Männern habe ich durch meinen Vater und beruflich
       immer wieder erlebt.
       
       taz: Kommen Männer aus einem gekränkten Angriffsmodus heraus, wenn sie
       immer als Täter angesprochen werden? 
       
       Hertel: Wir sprechen sie nicht als Täter an, wir sprechen von Klienten. Das
       muss ich ganz deutlich sagen. Der Begriff Täter ist ein juristischer
       Begriff: Täter ist man dann, wenn man rechtskräftig verurteilt ist. Der
       Großteil der Männer kommt über das Jugendamt, auf Druck der Frau – als
       vermeintlicher Täter, aber nicht bei uns. Die Täterarbeit ist ein
       Hilfsangebot, keine Sanktion.
       
       taz: Warum? 
       
       Hertel: Wenn wir wertschätzend arbeiten, öffnen sich die meisten Männer. In
       der Eingangsrunde eines jeden Kurses sagen sie auch ganz deutlich, was sie
       bewegt. Das ist doch die Kunst: Die Krisen zu erkennen und zu zeigen, wir
       haben ein Lösungsmuster. Gewalt ist das nicht wert.
       
       19 Aug 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Clara Engelien
       
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