# taz.de -- Streit um abschlagsfreie Frührente: Den Beamten nehmen, den Frührentnern geben?
> Die Bundesregierung will die abschlagsfreie Frührente abschaffen. Acht
> Länderchefs stellen sich quer. Die taz hat sie gefragt, wer das bezahlen
> soll.
(IMG) Bild: Weltweit freuen sich Menschen, wenn endlich Schluss mit der Maloche ist. Hier chillt ein britischer Rentner am Meer
Bricht man es auf den Einzelnen herunter, geht es um 121 Euro. So viel Geld
bekamen im Schnitt diejenigen, die 2025 ohne Abschläge in Frührente
gegangen sind, jeden Monat obendrauf. Oder andersherum: So viel hätten sie
weniger erhalten, wenn es die Rente mit 63, die heute eigentlich eine Rente
mit knapp 65 ist, nicht gäbe.
Was ja ganz im Sinne der Bundesregierung wäre: Sie will die Regelung
abschaffen. Weil im September drei Landtagswahlen stattfinden, ist aber
offen, ob sie damit durchkommt. Sven Schulze möchte Ministerpräsident von
Sachsen-Anhalt bleiben. Zusammen mit seinen CDU-Kollegen Mario Voigt
(Thüringen) und Michael Kretschmer (Sachsen) sprach er sich deswegen Ende
Juli [1][gegen das Ansinnen aus]. [2][Manuela Schwesig] möchte ihr Amt in
Mecklenburg-Vorpommern verteidigen. Deswegen merkte sie schnell an, dass
sie das Vorhaben schon viel länger ablehnt. SPD-Kolleg*innen aus anderen
Bundesländern schlossen sich an. Insgesamt hat die Regierung inzwischen 8
von 16 Ministerpräsident*innen gegen sich.
Es scheint also, als ob ihr Plan scheitern könnte. Und dann?
Insgesamt liegen der Koalition in Berlin 33 Reformvorschläge ihrer
Rentenkommission vor. Das Ende der abschlagsfreien Frührente ist nur einer
davon. [3][Von einem „Gesamtkunstwerk“ sprach die Arbeitsministerin bei der
Vorstellung], und der Kanzler warnte davor, „einzelne Maßnahmen
herauszunehmen“. Die Vorgabe hat einen politischen Hintergrund: Kippt erst
mal ein Punkt, stehen schnell alle wieder zur Diskussion. Sie hat aber auch
einen mathematischen Hintergrund: Kippt eine Sparmaßnahme, ist weniger Geld
eingespart. Und Ziel der Übung ist ja gerade, dass das Rentensystem trotz
des demografischen Wandels nicht in die Insolvenz geht.
## Die Grundlagen
Es gibt zwar Stellschrauben, mit denen sich das Geld an anderer Stelle
wieder reinholen ließe. Über sie reden die Ministerpräsident*innen
aber weniger gerne. Die Hälfte von ihnen will die abschlagsfreie Frührente
beibehalten – aber nur Einzelne deuten zumindest an, wer dafür bezahlen
soll.
Wer es sich einfach machen will, kann diese Frage auch erst mal
aufschieben. Auf die Bücher der Rentenversicherung schlägt sie sich erst
mit den Jahren nieder.
Werfen wir dazu einen Blick auf die Grundlagen: Wer vor der
Regelaltersgrenze (früher 65, bald 67 Jahre) in den Ruhestand gehen möchte,
muss eigentlich Abschläge akzeptieren. Für jeden Monat früher gibt es 0,3
Prozent weniger Rente – und das bis zum Tod. [4][Versicherte, die über 45
Jahre eingezahlt haben,] werden davon aber bislang verschont. Sie dürfen
bis zu 2 Jahre früher in Rente gehen und bekommen trotzdem den vollen
Betrag. Hochgerechnet auf einen ganzen Jahrgang von Rentner*innen kostet
das ungefähr 400 Millionen Euro im Jahr.
Von heute auf morgen darf der Staat dieses Privileg nicht streichen. Das
Verfassungsgericht verlangt für solche Reformen Übergangsfristen, die Rede
ist von fünf Jahren. So lange wird also noch gar nichts eingespart. Im
ersten Jahr, in dem die Abschaffung dann griffe, wäre ein Jahrgang
betroffen und die Ersparnis läge bei den genannten 400 Millionen Euro. Im
zweiten Jahr wären es schon zwei Jahrgänge und die Einsparung läge bei 800
Millionen Euro. Und so weiter.
## Fehlt im System eine größere Summe, gibt es drei Optionen
Diese Darstellung ist grob vereinfacht. Sie berücksichtigt zum Beispiel
nicht, dass währenddessen schon die ersten Neu-Rentner*innen sterben. Sie
verdeutlicht aber das Prinzip: Das Einsparvolumen steigt über lange Zeit
und beträgt am Ende mehrere Milliarden Euro – Jahr für Jahr. Bleibt die
abschlagsfreie Frührente, werden diese Milliarden fürs Erste absehbar
fehlen.
Fehlt im Rentensystem eine größere Summe, liegen wiederum drei Optionen
nahe: Erstens kann man sie auf die Beiträge aller erwerbstätigen
Versicherten umlegen. Das bietet sich hier allerdings nicht an, da die
Beiträge durch die Rentenreform ohnehin schon deutlich steigen werden: 2
zusätzliche Prozentpunkte sollen in eine [5][neue Kapitalrente] fließen.
Zweitens kann man das allgemeine Rentenniveau absenken. Das bietet sich
hier aber auch nicht an, weil umstritten ist, ob die Renten nach der Reform
wirklich auskömmlicher sein werden als heute. Drittens kann man die
Zuschüsse aus dem Bundeshaushalt erhöhen, hat das Problem damit aber erst
mal nur verlagert: Im Haushalt müsste man das Geld auch irgendjemandem
wegnehmen.
## Vorschläge zur Finanzierung gibt es
Wer die Abschlagsfreiheit behalten will, braucht deshalb seriöserweise eine
andere Idee. Die taz hat diese Woche in der Riege der aufständischen
Ministerpräsident*innen nach Vorschlägen zur Gegenfinanzierung
gefragt. Der Rücklauf war mittelmäßig.
Von Wahlkämpfer Sven Schulze und von Michael Kretschmer kam keine Antwort.
Eine Sprecherin ihres CDU-Kollegen Mario Voigt schreibt, die Finanzierung
müsse „Gegenstand des weiteren Reformprozesses sein“. Aufseiten der SPD
antwortet eine Sprecherin von Dietmar Woidke (Brandenburg) ähnlich
ausweichend und Anke Rehlinger (Saarland) überhaupt nicht. Ein Sprecher von
Manuela Schwesig schreibt, dass sie den „Kreis der Einzahlenden“ vergrößern
und auch Politiker*innen sowie Beamt*innen in die gesetzliche Rente
einbeziehen wolle.
Ersteres hat auch die Kommission der Regierung schon vorgeschlagen,
allerdings eher als symbolischen Akt: Weil es so viele Politiker*innen
dann doch nicht gibt, seien die finanziellen Auswirkungen
„vernachlässigbar“. Letzteres ist eine populäre Forderung. Ob unterm Strich
das Rentensystem von den Beamt*innen tatsächlich profitieren würde, ist
unter Fachleuten jedoch umstritten.
## Anderes Kapital zur Gegenfinanzierung
Einen anderen Ansatz hat Niedersachsens Ministerpräsident Olaf Lies. Eine
Sprecherin schreibt, es könnten „hohe Einkommen, große Vermögen und
Kapitalerträge stärker herangezogen werden“. Im August hatte das auch der
Bremer Regierungschef Andreas Bovenschulte zur Gegenfinanzierung der
abschlagsfreien Frührente vorgeschlagen. Tatsächlich würden die Erträge
einer Vermögensteuer locker ausreichen.
Kleiner Schönheitsfehler: Eine politische Mehrheit für ihre Einführung ist
nicht in Sicht. Mit der Union ist da seit Jahrzehnten nichts zu machen. Wer
Kapitalerträge heranziehen will, muss sich ebenfalls auf einen harten Kampf
einstellen. Man kann das bei Robert Habeck erfragen, der im letzten
Bundestagswahlkampf ganz kurz dafür warb, Sozialabgaben auf Aktiengewinne
zu erheben.
„Es ist nicht so, dass es keine Vorschläge geben würde“, heißt es aus der
Staatskanzlei in Niedersachsen noch. Und das stimmt schon: Die Frührente
ohne Abschläge ließe sich weiter finanzieren. Fragt sich nur, wie viele das
wirklich wollen. Auch noch nach den Wahlen.
5 Sep 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Rente-mit-63-Die-Scheindebatte-des-Jahres/!6196913
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(DIR) [3] /Rentenplaene-der-Regierung/!6190021
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## AUTOREN
(DIR) Tobias Schulze
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