# taz.de -- Ein Prozess zum Mitmachen: Miteinander auf dem den Weg zum Rechtsfrieden
       
       > Im Rahmen der „Woche der Gerechtigkeit“ in Niedersachsen darf bei einem
       > Show-Prozess in Celle das Publikum beim Richten mitmachen.
       
 (IMG) Bild: Hinter dieser Tür geht es um den Rechtsfrieden
       
       Alle Zeug*innen und selbst der Sachverständige gehören zum Team des
       Oberlandesgerichts Celle. Auf der Anklagebank tut dessen Vizepräsident
       vergnügt so, als wäre er ein halbseidener plastischer Chirurg, dem die
       Silikonbehandlung eines Bodybuilders missglückt ist. Neben ihm hat eine
       Richterin Platz genommen, die seine aufbrausende Verteidigerin spielt. Und
       vorn sitzt eine Richterin, die vortäuscht, eine Einzelrichterin am
       Amtsgericht zu sein, obwohl sie gegenwärtig als Präsidialreferentin am
       größten Oberlandesgericht Niedersachsens arbeitet.
       
       In dessen Bezirk leben 4,1 Millionen Menschen. Früher, im 19. Jahrhundert,
       erstreckte der sich bis Detmold, nie aber bis ins Bergische Land. Und doch
       wird hier am 31. August [1][ein Fall mit Tatort Solingen] verhandelt,
       allerdings leicht modifiziert. [2][Nicht mit schrillen Auftritten
       aufgepimpt, um wie beim TV-Gericht] Drama reinzukriegen, sondern eher
       abgerüstet, um den Prozess zeitlich und vom Aufwand handhabbar und
       jugendfrei zu gestalten: In Wirklichkeit war der Geschädigte an der
       Behandlung gestorben.
       
       „Das schien uns zu heftig“, erklärt Gerichtssprecherin Alina Stillahn. Denn
       echt sind bei diesem Show-Prozess die Zuschauer*innen. Sie können per
       Smartphone abstimmen, wie sie Aussagen und Beweismittel bewerten.
       
       Auf eine Altersbeschränkung wurde dabei verzichtet. Die wäre ja auch
       kontraproduktiv gewesen: „Wir möchten hier den Rechtsstaat erlebbar
       machen“, sagt OLG-Präsidentin Stefanie Otte zur Begrüßung. Damit kann man
       kaum zu früh anfangen: Auch Schulkinder haben sich ins ehrfurchtheischende
       Gebäude getraut, und ein paar Jugendliche sind gekommen. Es wäre aber noch
       Platz gewesen in Saal 53. „Wir müssen das Format noch intensiver bewerben“,
       bilanziert man bei Gericht. Folgetermine stehen noch nicht fest.
       
       Aber der Bedarf ist da. Gerade bei der Frage, wie Rechtsprechung
       funktioniert, was sie soll und warum Richter*innen zu ihren Urteilen
       kommen, tun sich Verständnislücken auf.
       
       Davon zeugen [3][Äußerungen des Bundesinnenministers] Alexander Dobrindt
       (CSU), der ihnen zum Trotz [4][an illegalen Zurückweisungen an der Grenze
       festhält], ebenso wie Google-Rezensionen: „Die Bewertungen zeichnen ein
       überwiegend negatives Bild“, fasst die KI die User-Kommentare in einem
       Bewertungsportal zum OLG Celle zusammen. Urteile würden nämlich „als unfair
       empfunden“, so das Maschinen-Resümee.
       
       Logisch: Wer auf Gerechtigkeit gehofft und noch nicht einmal Recht bekommen
       hat, ist frustriert, [5][ob mit] oder ohne Grund. Das [6][erzeugt
       gefährliche Wut] und schürt die Sehnsucht nach dem [7][totalen
       Überrichter], der alles sieht und „nichts ungerächt belassen wird“, [8][wie
       es im mittelalterlichen Hymnus heißt].
       
       Die Verhandlung in Celle ist Teil der „Woche der Gerechtigkeit“, die das
       Niedersächsische Justizministerium bereits zum dritten Mal ausgerufen hat,
       um auch dem Mythos vom Tag der Abrechnung entgegenzuwirken. Die meisten
       ihrer Veranstaltungen sind diskursiv, aber auch das Sozialgericht
       Braunschweig und das Landgericht Hannover haben auf spielerisches
       Mitmach-Richten gesetzt.
       
       „You be the Judge“ heißt das Format in Celle [9][nach einem britischen
       Webprojekt]. Raum, gnadenlosen Rachegelüsten zu frönen, lässt es hier
       jedoch nicht, weil es die Entscheidung kollektiviert. Per QR-Code haben
       sich scheint’s alle in die Umfrage-App eingeklinkt. Kaum sind die
       Antwort-Optionen freigeschaltet, wachsen vorn auf dem Flatscreen auch schon
       die Ja-Nein-Weißichnicht-Balken: Sieh an, nicht nur das eigene Vorurteil
       lässt sich also durch Aussagen festigen oder erschüttern.
       
       Das Gefühl, anonymer Teil des gleichen Denkvorgangs zu sein, stellt sich
       gerade im Zusammensitzen im selben Saal her. Und es senkt die Schwelle,
       anschließend mit den Profis zu reflektieren: Ob nicht noch ein paar mehr
       Beweismittel sinnvoll gewesen wären, wie so ein Strafmaß zustande kommt und
       ob ein Berufsverbot eine Doppelbestrafung bedeutet? Neugierig eher als
       kontrovers macht das klar: Gerechtigkeit gibt’s weiter nur im Himmel.
       Rechtsfrieden herzustellen aber ist möglich.
       
       6 Sep 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.hrr-strafrecht.de/3/24/3-61-24.php
 (DIR) [2] https://de.wikipedia.org/wiki/Barbara_Salesch_%E2%80%93_Das_Strafgericht
 (DIR) [3] /Illegale-Abweisungen-von-Asylsuchenden/!6176856
 (DIR) [4] https://anwaltsblatt.anwaltverein.de/de/themen/recht-gesetz/gastkommentar-wenn-minister-urteile-ignorieren
 (DIR) [5] /Gnadengesuch-vor-Weihnachten/!6139933
 (DIR) [6] /Nach-Schuessen-in-Stade/!6192691
 (DIR) [7] /Ueber-10-Jahre-Haft-fuer-Islamisten/!5753794
 (DIR) [8] https://de.wikipedia.org/wiki/Dies_irae
 (DIR) [9] https://sentencingcouncil.org.uk/resources/you-be-the-judge/
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Benno Schirrmeister
       
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