# taz.de -- Polizei schießt auf Schüler in München: Aussage gegen Aussage
       
       > Ein 14-Jähriger wird wegen einer Spielzeugwaffe angeschossen. Gut, dass
       > Betroffene der Darstellung der Polizei nun leichter in sozialen Medien
       > widersprechen können.
       
 (IMG) Bild: „Täuschend echt“: Softair-Waffe (links) und Beretta 92 (rechts)
       
       Die alte Form der Polizeikommunikation funktioniert nicht mehr: Ein
       [1][Fall von Polizeigewalt] spielt sich ab, jemand wird von Beamt*innen
       angeschossen oder misshandelt, die Polizei gibt daraufhin Informationen –
       manchmal auch bewusst erfundene Details – und Rechtfertigungen heraus,
       viele Medien übernehmen diese unkritisch und dann fragt niemand mehr nach.
       Diese Symbiose zwischen Polizeibehörden und zu unkritischen Redaktionen
       geht im Zeitalter der demokratisierten Kommunikation in den sozialen Medien
       nicht mehr auf. Das zeigt auch ein aktueller Fall aus München.
       
       Am Dienstagabend wurde ein Jugendlicher im Münchner Stadtteil Schwabing von
       Polizist*innen angeschossen und schwer verletzt. Was mittlerweile
       bekannt ist: Der 14-Jährige trug eine Softair-Waffe bei sich, also ein
       Spielzeug. Das sei laut mehreren Berichten auch in einem Überwachungsvideo
       deutlich zu sehen. Anwohner*innen alarmierten daraufhin die Polizei. Ab
       hier gehen die Darstellungen der Behörden und der Familie des Opfers
       auseinander.
       
       ## Laute Gegendarstellung
       
       Die Polizei sagt: Der Junge, den sie zunächst viel älter, ja sogar
       volljährig eingeschätzt hätten, habe eine Handbewegung gemacht, als hätte
       er durchgeladen und sich daraufhin in Richtung der Beamt*innen mit
       erhobener Waffe umgedreht. Dann seien die Schüsse von Seiten der Polizei
       gefallen. Genau diese Darstellung gaben viele lokale und überregionale
       Medien als Tatsachenbehauptung an ein breites Publikum weiter.
       
       Kurze Zeit später meldete sich allerdings die Familie des Jungen zu Wort:
       Die Mutter berichtete, dass ihr Sohn seine Arme erhoben hätte, darauf
       hingewiesen habe, dass es sich um eine Attrappe handle. „Es ist ein
       Spielzeug“, soll er gesagt und daraufhin „Bitte nicht schießen!“ gerufen
       haben. Ihr Sohn sei dennoch angeschossen, gefesselt und auf dem Boden
       fixiert worden. Erst Sanitäter*innen hätten den schwer verletzten und
       traumatisierten Jungen befreit. Die Familie beklagt auch, dass sie von der
       Polizei nicht benachrichtigt worden sei.
       
       Die Frage, woher überhaupt das Waffen-Spielzeug kommt, schneidet ein viel
       größeres Thema an: Online machen User*innen darauf aufmerksam, wie
       einfach es ist, im Billigwarenhaus Kik für einen Euro eine Spielzeugwaffe
       aus einer Grabbelkiste zu fischen und an der Kasse zu kaufen. Die
       Botschaft: Jedes Kind, das einen Euro zur Verfügung hat, kann so ein
       Plastikspielzeug erwerben und damit auf die Straße gehen. Dabei bleibt es
       fraglich, ob Waffenattrappen überhaupt als Spielzeug vertickt werden
       sollten.
       
       Bei einer [2][Pressekonferenz zum Fall] zeigte ein Polizeisprecher Bilder
       der Softair-Waffe und einer echten Beretta 92. Tatsächlich sind die beiden
       leicht zu verwechseln. Trotzdem wirkt das Vorgehen der Polizei wie ein
       verzweifelter Versuch, den Einsatz samt Schüssen zu rechtfertigen.
       Vielleicht sogar Frust darüber, dass die Deutungshoheit der Polizei längst
       bröckelt und immer mehr Menschen die Darstellungen der Behörden zumindest
       anzweifeln und die Betroffenen immer mehr Raum bekommen, ihre Sicht der
       Dinge mitzuteilen. Denn Fakt ist, dass hier ein Kind angeschossen wurde.
       Und genau das sollte nicht passieren.
       
       ## Selbstorganisierter Aktivismus gegen Polizeimeldungen
       
       Stand jetzt steht Aussage gegen Aussage. Darüber haben mittlerweile auch
       große Medien berichtet. Die [3][Süddeutsche Zeitung] zitiert aus einer
       Pressemitteilung der Familie, der [4][Bayerische Rundfunk] hat die Mutter
       interviewt. Allein das ist eine erstaunliche Entwicklung. Vor wenigen
       Jahren wäre die zweite Perspektive, also die des minderjährigen Opfers und
       seiner Angehörigen, ganz und gar untergegangen.
       
       Es ist vor allem der [5][selbstorganisierte Aktivismus], der sich gegen die
       Darstellung der Polizei stemmt. In diesem Fall sind es kurdische
       Aktivist*innen, die politisch organisiert dafür sorgen, dass die
       Perspektive der Polizei zumindest nicht allein im öffentlichen Raum
       rezipiert wird.
       
       Was jetzt mehr als nur angebracht wäre, aber weder in Bayern noch irgendwo
       in Deutschland existiert: eine unabhängige Aufklärung des Vorfalls durch
       eine unabhängige Behörde, bei der alle Seiten gehört werden. Aber auch in
       diesem Münchner Fall ermittelt einmal mehr die Polizei gegen sich selbst.
       
       23 Aug 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Tod-im-Polizeigewahrsam/!6149757
 (DIR) [2] https://www.sueddeutsche.de/muenchen/muenchen-schwabing-polizeieinsatz-schuss-14-jaehriger-familie-vorwuerfe-li.3534189
 (DIR) [3] https://www.sueddeutsche.de/muenchen/muenchen-schwabing-polizeieinsatz-schuss-14-jaehriger-familie-vorwuerfe-li.3534189
 (DIR) [4] https://www.br.de/nachrichten/bayern/schuss-auf-einen-14-jaehrigen-in-muenchen-polizei-und-familie-widersprechen-sich-was-bekannt-ist,VSv2tIv
 (DIR) [5] /Aktionskunst-im-Wedding/!6198336
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Mohamed Amjahid
       
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