# taz.de -- Obdachlosigkeit in Berlin: „Ich habe seit Jahren eine Wut im Bauch“
       
       > Ab Freitag findet zum dritten Mal das Kulturfestival zu Obdach- und
       > Wohnungslosigkeit Hinschauen statt. Gründer Martin Heesch berichtet
       > warum.
       
 (IMG) Bild: Werden auch auftreten: die Darsteller*innen der Theatergruppe MäntelGäng
       
       taz: Herr Heesch, am Freitag beginnt das [1][Hinschauen-Festival], das Sie
       vor drei Jahren ins Leben gerufen haben. Was ist das für ein Festival? 
       
       Martin Heesch: Es ist ein Kulturfestival, bei dem es darum geht,
       Obdachlosigkeit sichtbar zu machen. Die Zahl der Obdach- und Wohnungslosen
       steigt jedes Jahr. Es sind Menschen, die jeden Tag auf der Straße wie auf
       einer Bühne sitzen, aber nicht wahrgenommen werden.
       
       taz: Warum braucht Berlin so ein Festival gerade jetzt? 
       
       Heesch: Die Obdachlosigkeit in der Stadt wird immer größer und sichtbarer.
       Auch im Prenzlauer Berg schlafen die Leute auf der Straße. Die Politik hat
       das Ziel ausgegeben, [2][Obdachlosigkeit bis 2030 zu beenden]. Ich
       betrachte das im Jahr 2026 als sehr unrealistisch.
       
       taz: Was läuft aus Ihrer Sicht falsch?
       
       Heesch: Es gibt gute Ansätze, von denen aber in Berlin wenig umgesetzt
       wird, etwa [3][Housing First]: Man kümmert sich erst darum, dass die Leute
       eine Wohnung haben. Und dann: Was brauchen sie an Hilfe, Beratung, Therapie
       oder Fördermaßnahmen, um wieder in Arbeit zu kommen? Das System ist im
       Augenblick eher, dass du von einem Amt zum anderen geschickt wirst. Wenn du
       keine Wohnung hast, kriegst du keine Arbeit, wenn du keine Arbeit hast,
       kriegst du keine Wohnung. Gott sei Dank gibt es in Berlin zahlreiche
       Initiativen, die auf Spendenbasis den Laden so einigermaßen am Laufen
       halten.
       
       taz: Was beschäftigt Sie persönlich an dem Thema? 
       
       Heesch: Es regt mich irrsinnig auf. Ich würde sagen, ich habe seit Jahren
       eine Wut im Bauch, dass wir in so einem reichen Land leben und die Zahl der
       Obdachlosen immer weiter steigt.
       
       taz: Wann haben Sie angefangen, Ihr eigenes Verhalten zu hinterfragen? 
       
       Heesch: Ich bin Anfang der 2020er sehr viel mit der U8 gefahren und habe
       mich irgendwann selbst an der Nase gefasst: Ja, was machst du? Einen Euro
       gibst du und guckst nicht richtig hin. Dann habe ich angefangen,
       ehrenamtlich bei der Bahnhofsmission und bei der Berliner Obdachlosenhilfe
       zu arbeiten.
       
       taz: Wie ist daraus das Festival entstanden? 
       
       Heesch: 2023 hatte ich das Glück, als Schauspieler und Regisseur ein
       Stipendium für eine Recherche zu bekommen. Ich habe 25 Interviews mit
       Menschen ohne festen Wohnsitz und Leuten in Einrichtungen gemacht. Das
       Material war fantastisch.
       
       taz: Warum haben Sie daraus nicht einfach ein Theaterstück gemacht? 
       
       Heesch: Ins Theater kommen nur Leute, die sowieso regelmäßig dort sind.
       2024 habe ich vom Senat die Förderung für ein Festival bekommen. Da war
       sofort klar: Das Thema gehört einfach wieder zurück auf die Straße.
       
       taz: Warum ein öffentlicher Platz und kein Kulturraum? 
       
       Heesch: Es geht darum, einen Ort der Begegnung zu schaffen, sich
       auszutauschen und für das Thema zu sensibilisieren. Aber es ist ja auch ein
       Festival, also geht es auch darum, zusammen zu feiern.
       
       taz: Und warum findet das Festival am Bahnhof Lichtenberg statt? 
       
       Heesch: Der Bahnhof Lichtenberg ist ein Hotspot für obdachlose Menschen. In
       der Nähe gibt es Übernachtungsheime und Notübernachtungen, bald wird direkt
       am Platz die „Butze“ eröffnet, das erste Straßenkinderhaus Deutschlands.
       Und gleichzeitig ist der Bahnhof ein Drehkreuz für unzählige Pendler*innen,
       also ein Schmelztiegel, ideal geeignet, um Schicksale sichtbar zu machen.
       
       taz: Wie nutzen obdachlose und nicht obdachlose Menschen das Festival?
       
       Heesch: Auf jeden Fall kommt es zu Begegnungen. Ein Highlight ist, wenn die
       Menschen einfach zusammen tanzen und ins Gespräch kommen. Darum war es mir
       auch so wichtig, am Samstag Straßenmusiker*innen einzuladen, Bands
       wie 12Volt zum Beispiel. Die spielen viel im Mauerpark, aber auch bei
       Demos. Sie sagen immer scherzhaft: „Wir sind die Band mit den meisten
       Anhängern.“ Gemeint sind Fahrradanhänger. Sie spielen am Samstag ganz am
       Schluss und da werden sicher viele Musiker*innen, die vorher gespielt
       haben, mitmachen. Kunst und Kultur kann nicht die Welt verändern. Aber sie
       kann Anstöße geben.
       
       taz: Was sind dieses Jahr außerdem Ihre Highlights? 
       
       Heesch: Es gibt eine Theaterperformance der MäntelGäng, die seit zwei
       Jahren zusammenarbeitet. Das sind Menschen mit Obdachlosigkeits- oder
       Armutserfahrungen, die ganz persönliche Geschichten auf die Bühne bringen.
       
       taz: Was kann Theater hier bewirken? 
       
       Heesch: Theater kann das leisten, was vielleicht andere Medien nicht
       können: dass ein Thema direkt und hautnah erlebbar wird. In „würde würde“,
       der Performance der MäntelGäng, berichten Menschen davon, wie würdelos sie
       behandelt werden, welcher Gewalt sie ausgesetzt sind. Es ist eine Mischung
       aus Spiel, Lesung und Erzählperformance.
       
       taz: Was bedeutet das für die, die auf der Bühne stehen? 
       
       Heesch: Sehr viel. Sie werden gesehen. Es ist aber auch ein hartes Stück
       Arbeit. Ich habe höchsten Respekt vor diesen Leuten. Sie sind sehr mutig.
       
       taz: Was gibt es auf dem Festival noch zu erleben? 
       
       Heesch: Dieses Jahr zeigen wir eine Open-Air-Ausstellung mit dem etwas
       ironischen Titel „My Street is my Castle“. Obdachlose Menschen haben eine
       Einwegkamera bekommen und ihre Sicht auf das sogenannte Stadtbild
       fotografiert: Lieblingsorte, Lieblingsmenschen, Hassorte, Schönes,
       Hässliches.
       
       taz: Welche Fotos haben Sie besonders beeindruckt? 
       
       Heesch: Eine Fotografin hat hauptsächlich ihre Freundinnen und Freunde
       fotografiert, die sie von der Straße kennt. Sie sagt: „Meine Freunde sind
       mein Zuhause.“ Ein anderer, der seit über 20 Jahren obdachlos ist und
       irgendwo – ich sage nicht wo – ein Camp im Wald hat, hat seinen Kocher,
       seine Tomaten und seine Bücher fotografiert. Eine andere Frau hat
       Hauseingänge und Schlafplätze fotografiert, die auf der Straße ein Zuhause
       sein können, bis hin zu Wahlplakaten: „Stoppt den Mietenwahnsinn.“ Ohne
       dass sie etwas sagen, kommt man den Personen, die diese Fotos gemacht
       haben, sehr nahe.
       
       taz: Wie finden Sie die Menschen, die bei Ihrem Festival mitmachen? 
       
       Heesch: Zum Beispiel über das Kiezcafé vom Straßenfeger oder Orte, wo es
       Essensausgaben gibt. Ich rufe vorher die Initiativen an und dann spreche
       ich einfach die Leute an.
       
       taz: Machen Sie auf dem Festival auch konkrete Hilfsangebote?
       
       Heesch: Natürlich! Am Freitagabend gibt es eine Essensausgabe für
       obdachlose Menschen von [4][Stephan May]. Der Mann ist faszinierend. Er ist
       Krankenpfleger und fährt tagsüber mit seinem Lastenfahrrad an bestimmte
       Orte, verteilt mit seinem Team Essen und Kaffee. Weil er medizinisch
       vorgebildet ist, macht er auch Erste Hilfe. Das ist großartig.
       
       taz: Und was passiert bei den Klappstuhlgesprächen?
       
       Heesch: Bei den Klappstuhlgesprächen komme ich in entspannter Atmosphäre
       auf unserem roten Teppich, der quasi als Bühne dient, mit Betroffenen,
       Politiker*innen und Vertreter*innen von Initiativen ins Gespräch.
       So entstehen Impulse für den Austausch zum Thema.
       
       taz: Wer kommt?
       
       Heesch: Unser Schirmherr, der Lichtenberger Bürgermeister Martin Schaefer,
       Katrin Schmidberger, Sprecherin für Wohnen und Mieten der Grünen im
       Abgeordnetenhaus, Elke Breitenbach, Berlins Sozialsenatorin 2016 bis 2021,
       und der Sozialarbeiter Stefan Schützler, der jahrelang bei der Berliner
       Obdachlosenhilfe war und heute für die Stiftung [5][Dojo Cares] arbeitet.
       
       taz: Hat die Beschäftigung mit Obdachlosigkeit Ihren eigenen Blick
       verändert?
       
       Heesch: Man erlebt es oft, dass ein obdachloser Mensch in der S-Bahn sagt:
       „Ich bin einfach ein Mensch wie du. Nur habe ich gerade keinen
       Schlafplatz.“ Für viele ist das nur eine Floskel. Aber für mich ist genau
       das, was ich denke. Ich gehe hin und frage, wie es geht. Wenn ich gerade
       kein Geld habe, dann vielleicht einen Schokoriegel oder so. Und dann
       quatscht man. Das ist manchmal mehr wert als Geld.
       
       27 Aug 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.hinschauen-festival.de/
 (DIR) [2] /Bekaempfung-von-Wohnungslosigkeit/!6123640
 (DIR) [3] /US-Ansatz-Housing-First/!5964134
 (DIR) [4] /Berliner-Hilfe-fuer-Obdachlose/!5755596
 (DIR) [5] /Kunstaktion-von-Pejac-in-Kreuzberg/!5805963
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Susanne Messmer
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Schwerpunkt Obdachlosigkeit in Berlin
 (DIR) Obdachlosigkeit
 (DIR) Housing First
 (DIR) Armut
 (DIR) Schwerpunkt Obdachlosigkeit in Berlin
 (DIR) Schwerpunkt Obdachlosigkeit in Berlin
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Austausch über Sozialpolitik: Frust-Dating mit Sozialpolitiker*innen
       
       Kann Austausch mit Politiker*innen auf Augenhöhe gelingen? Im
       Nachbarschaftshaus Urbanstraße versucht man es im Speed-Dating-Format.
       
 (DIR) Drogenhotspot im Kleinen Tiergarten: Vier Säulen gegen Crack
       
       Der Kleine Tiergarten ist neuer Hotspot der Crackszene. Der Bezirk Mitte
       steuert mit Maßnahmen gegen, die sich am Leopoldplatz bewährt haben.
       
 (DIR) Vertreibung von Obdachlosen: Kein Platz mehr unter der Brücke
       
       Unter der Lessingbrücke in Moabit suchten Obdachlose Schutz vor Hitze und
       Regen. Nun sperrte die Stadt den Platz aufgrund von Sicherheitsbedenken.