# taz.de -- Massenüberwachung in Russland: Der perfekte Anlass für den Kreml
> In Russland hat die Zahl der minderjährigen Straftäter zugenommen. Die
> Behörden nutzen dies als Vorwand für eine flächendeckende Überwachung.
(IMG) Bild: Russland baut die digitale Überwachung junger Menschen aus und kontrolliert dafür Millionen Profile in sozialen Netzwerken
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ganzen Text lesen Sie hier auf Russisch].
Die Zahl der minderjährigen Straftäter in Russland ist erstmals seit zehn
Jahren wieder gestiegen. Als Reaktion darauf haben die russischen
Sicherheitsbehörden ein System zur umfassenden Überwachung von Jugendlichen
und jungen Erwachsenen eingerichtet.
Eine zentrale Rolle spielt dabei das Zentrum zur Erforschung und zum
Onlinemonitoring des Jugendmilieus (ZISM). Das Zentrum bezeichnet sich
selbst als „Hightech-IT-Unternehmen, das an der Schnittstelle von
Psychologie und Softwareentwicklung arbeitet“.
Tatsächlich ist es jedoch eine IT-Einheit der „Rosmolodjosch“, der
Föderalen Agentur für Jugendangelegenheiten. Die Behörde hat das Zentrum
gegründet, verwaltet dessen Fördermittel und koordiniert dessen Arbeit.
Unter dem Dach der staatlichen Jugendpolitik wird damit die Überwachung von
Menschen im Alter zwischen 14 und 35 Jahren finanziert.
Im Kreml fällt das ZISM in den Verantwortungsbereich von Sergej Kirijenko,
dem ersten stellvertretenden Leiter der Präsidialverwaltung. Die Software
zur Überwachung sozialer Netzwerke wurde von der Firma Kribrum entwickelt,
zu deren Miteigentümerinnen Natalja Kasperskaja gehört. Sie ist
Mitgründerin der Software Kaspersky und gilt als eine der reichsten Frauen
Russlands.
## Milliarden Rubel für die Überwachung
Für das Zentrum stellt der russische Staat erhebliche Mittel bereit. So
schlugen das russische Ministerium für Wissenschaft und Hochschulbildung
sowie Rosmolodjosch 2019 vor, das ZISM über einen Zeitraum von drei Jahren
mit etwas mehr als 600 Millionen Rubel zu finanzieren (circa 6 Millionen
Euro).
Für das Jahr 2026 erhielt das Zentrum einen Zuschuss von einer Milliarde
Rubel für das Monitoring der Verbreitung von Inhalten im Internet. Laut
Berechnungen des Investigativmediums Agentstwo haben die russischen
Behörden dem ZISM insgesamt mindestens zwei Milliarden Rubel (circa 20
Millionen Euro) zur Verfügung gestellt.
Auch die Zusammenarbeit mit den russischen Strafverfolgungsbehörden wurde
ausgebaut. 2025 unterzeichneten Alexej Bessonow, der Rektor der Moskauer
Akademie des russischen Ermittlungskomitees, und Maxim Lupin eine
Kooperationsvereinbarung. Lupin wird wegen Cyberangriffen in der EU und der
Ukraine international gesucht.
Die wichtigste Entwicklung des ZISM ist das automatisierte
Informationssystem Profilaktika (zu Deutsch: Prävention). Wie das russische
Exilmedium Meduza herausfand, überwacht das System in Echtzeit mehr als 540
Millionen Profile. Mehr als zwei Millionen davon wurden bereits als Profile
gekennzeichnet, die „destruktives Verhalten“ erkennen lassen sollen.
## Social-Media-Profile werden durchforstet
In einer Studie aus dem Jahr 2023 veröffentlichte das ZISM außerdem einen
„Stammbaum der Subkulturen“. Darin werden verschiedene Strömungen einzelnen
Generationen zugeordnet und als „neutral“ oder „destruktiv“ eingestuft.
Die digitale Überwachung ist immer mehr Teil des staatlichen Machtapparats.
So gab die russische Region Swerdlowsk im März 2026 bekannt, dass 4,6
Millionen Profile von Schüler:innen dauerhaft überwacht würden. Mit
welchem Partner die Behörden dabei zusammenarbeiten, wurde zunächst nicht
genannt. Später fand das Regionalmedium 66.RU heraus, dass das ZISM mit der
Suche nach entsprechenden Inhalten beauftragt wurde. Den Vertrag schloss
das regionale Bildungsministerium ab.
In der Republik Tatarstan wurden Lehrer:innen damit beauftragt, die
Social-Media-Profile von Schüler:innen zu überprüfen. In der Region
Nowosibirsk ist Kritik am Krieg gegen die Ukraine laut Behördenangaben die
am häufigsten festgestellte Form „destruktiver“ Inhalte.
Im April verabschiedete die russische Regierung einen Maßnahmenplan zur
Bekämpfung „negativer sozialer Phänomene“ unter jungen Menschen bis zum
Jahr 2030. In diesem Plan wird das ZISM erstmals ausdrücklich als eine der
für die Umsetzung zuständigen Stellen genannt.
Künftig soll das Zentrum gemeinsam mit der Föderalen Agentur für
Jugendangelegenheiten Rosmolodjosch sämtliche Regionen Russlands überwachen
und ihnen eine spezielle Software zur Verfügung stellen, die mit
künstlicher Intelligenz arbeitet. Anschließend sollen die auf diese Weise
identifizierten Seiten und Profile gesperrt werden.
In einer separaten Ausschreibung im Umfang von fast 95 Millionen Rubel hat
Rosmolodjosch zudem Chatbots für den staatlichen Messenger MAX in Auftrag
gegeben. Diese sollen Jugendliche „einbinden“, „traditionelle Werte“
stärken und zugleich deren „Verhaltensmuster“ erfassen.
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19 Aug 2026
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