# taz.de -- Russische Mobilmachung: „Russlands Verluste sind außerordentlich hoch“
       
       > Zuletzt gab es nur wenig Bewegung auf dem Schlachtfeld in der Ukraine,
       > sagt der US-Militärexperte Samuel Charap. Eine technische Entwicklung
       > könnte das ändern.
       
 (IMG) Bild: Der russische Soldat, der sich an der Frontlinie im Sumy-Abschnitt ausruht, gehört zu einer Gruppe von Spezialkräften. 24.08.2026
       
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       Istories öffnet mit dem folgenden Beitrag ein Fenster nach Russland. Den
       ganzen Beitrag [2][finden Sie hier auf Russisch]. 
       
       Wie lange können Russland und die Ukraine [3][noch Krieg führen?] Würde
       eine neue große Mobilmachung Moskau helfen? Und würde sich der Kreml zu
       einem Atomschlag entschließen? Samuel Charap ist führender Experte der
       US-amerikanischen RAND Corporation, einem Thinktank, der die Streitkräfte
       der USA berät. 
       
       Istories: Wie lässt sich die derzeitige Lage auf dem Schlachtfeld in der
       Ukraine einschätzen? 
       
       Charap: Die Gesamtlage auf dem Schlachtfeld hat sich strategisch betrachtet
       in den vergangenen neun bis zwölf Monaten nicht verändert. Die russischen
       Truppen rücken zwar langsam weiter vor, insbesondere in der für Russland
       politisch wichtigsten Richtung, der Region Donezk, doch die Verluste sind
       außerordentlich hoch. Wir wissen nicht, wie lange Russlands Reserven
       ausreichen werden, um diese Art von Krieg fortzusetzen.
       
       Istories: Welche Seite ist beim Einsatz von Drohnen erfolgreicher? 
       
       Charap: Die Ukraine hat in dieser Hinsicht viele Vorteile, weil sie bei
       diesen Technologien innovativer vorgeht. In ihrem militärisch-industriellen
       Komplex herrscht deutlich mehr Start-up-Geist als in Russland. Russland
       verfügt allerdings über wesentlich größere industrielle Kapazitäten. Auch
       auf russischer Seite gibt es Innovationen.
       
       Wenn die Ukraine einen taktischen Schritt unternimmt, der ihre Position
       verbessert, sehen wir eine russische Reaktion darauf. Mitunter sehen wir
       sogar Innovationen auf russischer Seite, mit denen Russland der Ukraine
       voraus ist. Das deutlichste Beispiel sind Drohnen, die über Glasfaserkabel
       gesteuert werden. Diese Technologie kam zunächst auf ukrainischer Seite zum
       Einsatz, wurde dann jedoch vom russischen Militär übernommen und in großem
       Maßstab eingesetzt.
       
       Istories: Gibt es Anzeichen dafür, dass die Ukraine oder Russland die Lage
       auf dem Schlachtfeld verändern könnten? Ist das derzeit möglich – und wenn
       ja, wie? 
       
       Charap: Wenn einer der beiden Seiten ein technologischer Durchbruch bei der
       Drohnenabwehr gelänge, könnte dies wahrscheinlich von entscheidender
       Bedeutung sein. Doch bislang ist keinem der beiden Seiten ein solcher
       Durchbruch gelungen.
       
       Istories: Wie schätzen Sie das Potenzial beider Seiten ein? Gibt es einen
       Maßstab, an dem sich dieses Potenzial messen lässt? 
       
       Charap: Alle fürchten eine Mobilmachung in Russland im Herbst. Das ist eine
       Art X-Faktor. Wir wissen nicht, ob Putin die Entscheidung treffen wird,
       seine Truppen aufzustocken.
       
       Istories: Nehmen wir an, es käme zu einer Mobilmachung. Könnte die
       Einberufung Hunderttausender Soldaten die Lage angesichts der Entwicklung
       der Drohnentechnologie entscheidend verändern? 
       
       Charap: Das ist fraglich. Deshalb halte ich eine Mobilmachung für
       unwahrscheinlich. Ich sehe darin keinen militärischen Sinn. Zumal die
       Rekrutierung von Vertragssoldaten weiterläuft – wenn auch nicht mehr im
       gleichen Tempo wie 2023 oder 2024 – und keineswegs zum Stillstand gekommen
       ist. Ich sehe keine dringende Notwendigkeit für eine Mobilmachung. Die
       politischen Folgen wären sehr deutlich spürbar. In diesem Jahr wird
       besonders häufig darüber gesprochen, dass sich der Krieg über die Grenzen
       der Ukraine hinaus ausweiten könnte. Dass Putin eine baltische Front
       eröffnen könnte.
       
       Eine solche horizontale Eskalation, wie sie in der Politikwissenschaft
       bezeichnet wird, würde ich nicht ausschließen, denn dabei weiten sich
       sowohl das geografische Gebiet als auch der Kreis der Konfliktbeteiligten
       aus. Das war von Anfang an ein realistisches Szenario. Bislang sehe ich
       jedoch keine Anzeichen für Vorbereitungen zu einer Bodenoperation gegen
       Russlands Nachbarstaaten.
       
       Das bedeutet allerdings nicht, dass es nicht zu etwas weniger
       Offensichtlichem kommen könnte. Nehmen wir etwa an, eine Rakete würde einen
       Stützpunkt in Polen treffen, über den Militärhilfe für die Ukraine
       geliefert wird, und Russland würde dies mit Selbstverteidigung begründen.
       Auch das wäre ein mögliches Szenario. Doch auch damit wären sehr große
       Risiken verbunden, und bislang konnten wir keine Bereitschaft erkennen,
       solche Risiken einzugehen.
       
       Istories: Wird die Europäische Union die Ukraine weiterhin unterstützen? 
       
       Charap: Bislang besteht Konsens darüber, die finanzielle Unterstützung
       fortzusetzen. In der aktuellen Kriegsphase ist die militärische Komponente
       – abgesehen von der Finanzierung der ukrainischen Streitkräfte – nicht mehr
       von so großer Bedeutung. Die Ukraine setzt vorwiegend auf die Entwicklung
       des eigenen militärisch-industriellen Komplexes und nicht auf importierte
       Ausrüstung.
       
       Istories: Das heißt, für die Ukraine ist es wichtiger, finanzielle Mittel
       zu erhalten, um eigene Waffen zu produzieren, als fertige Waffen zu
       bekommen? 
       
       Charap: Ja, auch um den Staatshaushalt zu finanzieren, denn rund 50 Prozent
       des Staatshaushalts werden aus externen Quellen finanziert.
       
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       26 Aug 2026
       
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