# taz.de -- Tagebuch aus Armenien: Was Moskaus Krieg in Jerewan anrichtet
> Ukrainische Angriffe auf Lager des russischen Onlinehändlers Wildberries
> sollen militärische Strukturen treffen. Aber auch Firmen in Armenien
> leiden.
(IMG) Bild: Lager des russischen Online-Händlers Wildberries, hier eines nahe Sankt Petersburg, werden von ukrainischem Militär angegriffen
Donara Grigorjan sah die Bilder aus Russland. Tausende Kilometer entfernt,
nämlich in ihrer Heimatstadt Jerewan, musste sie im Fernsehen mit ansehen,
wie in der russischen Region Samara ein Lager des Onlinehändlers
Wildberries [1][abbrannte]. Es war ausgerechnet das Lager, in dem sich der
Großteil von Donaras Produkten befand.
„Alles, woran ich in den vergangenen fünf Jahren gearbeitet hatte, war
plötzlich nicht mehr da“, sagt sie. „Meine Arbeit ging in Flammen auf,
wurde zu Asche – ebenso wie die Kredite, die ich für den Aufbau meines
Unternehmens aufgenommen hatte, und die Zukunft meines Geschäfts. In nur
einer Nacht verlor ich Waren im Wert von mehr als 10.000 Euro.“
Donara ist eine von rund 10.000 armenischen Unternehmer:innen, die einen
Großteil ihres Geschäfts verloren haben und nun vor der Insolvenz stehen,
nachdem die Ukraine begonnen hatte, Lager des russischen Onlinehändlers
Wildberries anzugreifen. In den vergangenen drei Wochen wurden nach
russischen Angaben insgesamt 18 Lager- und Logistikstandorte von
Wildberries zerstört.
## Der geplatzte Traum von neuen Märkten
Wildberries ist einer der bekanntesten Online-Marktplätze im
postsowjetischen Raum, vergleichbar mit Amazon oder eBay. In den
vergangenen Jahren haben auch viele armenische Unternehmen ihre Produkte
über diese Plattform verkauft. So erhielten sie Zugang zu den Märkten
anderer GUS-Staaten wie [2][Kasachstan] und [3][Kirgistan].
Wie hoch die Verluste armenischer Unternehmen tatsächlich sind, lässt sich
derzeit kaum beziffern. Offizielle Angaben dazu hat Wildberries bislang
nicht veröffentlicht. Das Unternehmen erklärte lediglich, zunächst die
Familien der getöteten und verletzten Beschäftigten sowie rund 97.000
kleine und mittlere Unternehmen unterstützen zu wollen. Ob und in welcher
Form größere Händler entschädigt werden, ist bislang nicht bekannt.
Die armenische Unternehmerin Ani Petrosjan hatte Waren in nahezu allen
angegriffenen Wildberries-Lagern eingelagert. Zwar erhielt sie inzwischen
eine Entschädigung von dem Unternehmen, doch die Höhe sei so gering
gewesen, dass man sie kaum als echten Schadensersatz bezeichnen könne, sagt
sie.
## Mickrige Entschädigungen und ein heftiger Streit
„Nach ersten Schätzungen habe ich Waren im Wert etwa 5.000 Euro verloren“,
sagt Ani. „Wildberries hat mir aber nur rund 500 Euro Entschädigung
gezahlt. Das ist etwa zehnmal weniger als mein tatsächlicher Schaden und
deckt nicht einmal die Kosten für Verpackung und Transport. Für mich fühlt
sich das alles wie ein schlechter Film an. Dieser Krieg scheint so weit von
uns entfernt zu sein – und doch sind wir diejenigen, die die Folgen
tragen.“
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hatte die Angriffe eine
Reaktion auf russische Attacken auf die zivile Infrastruktur der Ukraine
genannt. Außerdem seien die Lager für die technische Versorgung russischer
Drohnen und anderer Militärtechnik und Komponenten genutzt worden. Eine
Darstellung, die Wildberries zurückweist. Auch wenn Wildberries-Lager in
Russland weiterhin Ziel ukrainischer Angriffe sind, baut das Unternehmen
sein Logistiknetz aus. In Kasachstan und Belarus entstehen Lager und
Logistikzentren.
In den armenischen sozialen Netzwerken wird heftig über die Angriffe auf
Wildberries diskutiert. Auf der einen Seite berichten Händler unter Tränen
von ihren Verlusten und verfluchen einen Krieg, der Hunderte Kilometer
entfernt geführt wird, dessen Folgen sie dennoch unmittelbar treffen. Auf
der anderen Seite gibt es viele armenische User, die widersprechen. In den
Kommentarspalten posten sie Fotos ukrainischer Kinder, die bei russischen
Angriffen getötet wurden. Einer schreibt: „Beklagt ruhig den Verlust eurer
paar Fetzen Stoff – aber vergesst dabei nicht diese unschuldigen Kinder,
die jeden Tag sterben.“
[4][Sona Martirosyan] ist Journalistin und lebt in Jerewan (Armenien). Sie
war Teilnehmerin eines [5][Osteuropa-Workshops der taz panterstiftung].
Aus dem Armenischen von [6][Tigran Petrosyan.]
Durch Spenden an die [7][taz panterstiftung] werden unabhängige und
kritische Journalist:innen vor Ort und im Exil im Rahmen des Projekts
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14 Aug 2026
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