# taz.de -- Tagebuch aus der Ukraine: Der Krieg hat mich gerettet, trotz allen Leids
       
       > Viele Ukrainerinnen sind nicht nur vor den Angriffen der russischen Armee
       > geflüchtet. Oft ist er eine Chance, um häuslicher Gewalt zu entkommen.
       
 (IMG) Bild: Flucht: Überwiegend Frauen kommen in den EU-Staaten an. Szene aus dem Berliner Hauptbahnhof 2022
       
       Das berichtet mir Olga: „Als ich in Berlin ankam, wurde mir klar, dass ich
       mich und meine Kinder nicht nur vor dem Krieg gerettet hatte, sondern auch
       vor einem gewalttätigen Ehemann.“ Mit ihren beiden Söhnen lebt Olga heute
       in Deutschland. In der Ukraine blieb nicht nur ihr Zuhause zurück, sondern
       auch ihr inzwischen von ihr geschiedener Mann.
       
       Olga stammt aus [1][Charkiw]. Dort arbeitete sie als Ökonomin, heute
       reinigt sie in Berlin fremde Wohnungen. Sie sei glücklich, sagt sie. Denn
       in ihrem Leben vor dem Krieg in der Ukraine war sie eine typische
       Betroffene häuslicher Gewalt: mit einem zerstörten Selbstwertgefühl,
       geprägt von Schuldgefühlen und erlernter Hilflosigkeit. In ihrem Leben
       danach unternimmt Olga Schritt für Schritt, um das Vertrauen in sich selbst
       zurückzugewinnen. Es gelingt ihr.
       
       „Mein damaliger Mann hat mich ständig schikaniert“, erzählt sie. „Aber ich
       hatte große Angst, ihn zu verlassen. Mir fehlten dafür sowohl die
       seelischen als auch die finanziellen Kräfte. In den ersten Wochen der
       Angriffe lief mein Mann aus dem Haus weg, weil er [2][Angst vor den
       Raketen] hatte. Ich weiß bis heute nicht, wo er damals war. Ich versteckte
       mich mit meinen Kindern mehrere Tage in einem U-Bahnhof. Dann stieg ich in
       einen Zug und fuhr weg. So bin ich am Ende auch meinem Mann entkommen.“
       
       ## Das Chaos des Kriegs nutzen
       
       Hinter solchen Berichten über Flucht steht oft eine Geschichte radikaler
       Rettung: Für viele Frauen wurde das Chaos des Krieges zur einzigen
       Möglichkeit, der [3][häuslichen Gewalt] zu entkommen.In manchen Fällen
       gerieten Männer, die ihre Frauen jahrelang kontrolliert und jeden ihrer
       Schritte überwacht hatten, in den ersten Monaten der großangelegten
       Invasion selbst in völliges Chaos. Ihre Frauen haben die Ukraine verlassen,
       um ihre Kinder in Sicherheit zu bringen. Zum ersten Mal erlangen sie
       finanzielle und psychische Unabhängigkeit. Später reichen sie aus der Ferne
       die Scheidung ein. Solche Geschichten gibt es viele.
       
       Auch eine zweite Art von Geschichten wird oft erzählt: Die von Frauen, die
       das Chaos der Massenevakuierungen an den Bahnhöfen genutzt haben, um
       buchstäblich zu verschwinden. Sie steigen einfach in Züge oder Busse und
       verlassen ihr Zuhause. Sobald sie es sicher in ein EU-Land geschafft haben,
       brechen sie jeden Kontakt zu ihren gewalttätigen Partnern ab.
       
       Eine dritte Gruppe von Geschichten sind die Berichte von Frauen, die unter
       häuslicher Gewalt gelitten hatten und nach ihrer Flucht erstmals mit
       Psycholog:innen und Jurist:innen in Kontakt kamen. Dort begannen sie
       zu erkennen, dass sie in einer missbräuchlichen Beziehung gelebt hatten.
       Schritt für Schritt lösten sie sich von ihren Selbstvorwürfen. Nach einer
       Therapie oder Rehabilitation haben sie sich ein neues Leben aufgebaut. Zu
       ihren gewalttätigen Partnern in den Heimatstädten kehren sie nicht mehr
       zurück.
       
       ## Angst vor der Rache des Ex-Mannes
       
       „Als der Krieg begann, war ich mit meinem Kind allein zu Hause. Mein Mann
       verbüßte gerade eine Haftstrafe wegen eines schweren Gewaltverbrechens“,
       erzählt Viktoria aus der Region Dnipropetrowsk. „Ich hatte große Angst vor
       dem Tag, an dem er freikommen würde. Das Scheidungsverfahren hatte ich
       bereits eingeleitet.“
       
       Heute lebt Viktoria mit ihrer Tochter, die im Teenageralter ist, in
       [4][Polen]. Sie sagt, der Krieg habe ihr buchstäblich das Leben gerettet
       denn er habe sie vor der unausweichlichen Rache ihres Mannes für die
       Scheidung bewahrt. „Ich wusste, dass ich mich nach der Scheidung in der
       Ukraine hätte verstecken müssen. Mein inzwischen geschiedener Mann hätte
       mich nicht in Ruhe gelassen. Doch der Krieg gab mir die Möglichkeit, das
       Land zu verlassen und unterzutauchen. Ich ließ mich aus der Ferne scheiden,
       änderte alle meine Kontaktdaten und legte neue Profile in den sozialen
       Netzwerken an. Hier kann ich endlich frei atmen, auch wenn ich weiterhin
       vorsichtig bin.“
       
       Die Geschichten der Frauen sind keine Einzelfälle. Offizielle Daten der
       [5][Generalstaatsanwaltschaft] der Ukraine zeigen, wie sehr der Krieg die
       Dynamik häuslicher Gewalt im Land verändert hat. Vor der russischen
       Vollinvasion wurden zwischen 2015 und 2021 jährlich durchschnittlich 2.171
       Strafverfahren wegen häuslicher Gewalt mit Anklageschrift an ein Gericht
       übergeben. In den Jahren 2022 bis 2025 lag dieser Durchschnitt bereits bei
       5.966 Fällen pro Jahr. Psycholog:innen erklären den dramatischen
       Anstieg damit, dass Menschen mit einer geringen Fähigkeit zur emotionalen
       Selbstregulation die durch den Krieg angestaute Aggression eher an ihren
       Familien auslassen.
       
       Zugleich hat der Krieg und die durch ihn entstandene chaotische Situation
       Frauen die Chance eröffnet, diesen Gewaltbeziehungen zu entkommen.
       
       [6][Oksana Puhachova] wurde im ukrainischen Charkiw geboren. Seit Beginn
       des russisch-ukrainischen Krieges lebt sie mit ihrer Familie in Lettland.
       Sie arbeitet für lettische Medien wie lsm.lv und chayka.lv sowie für
       estnische Medien, etwa Estonian Radio 4. Sie hat sich auf soziale Themen
       vor dem Hintergrund der Kriegshandlungen in der Ukraine spezialisiert. Sie
       ist Teilnehmerin eines [7][Osteuropaworkshops] für Journalist:innen der
       taz panterstiftung. 
       
       Aus dem Russischen von [8][Tigran Petrosyan]. 
       
       Durch Spenden an die [9][taz panterstiftung] werden unabhängige und
       kritische Journalist:innen vor Ort und im Exil im Rahmen des Projekts
       „Tagebuch Krieg und Frieden“ finanziell unterstützt.
       
       7 Aug 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Tagebuch-aus-der-Ukraine/!6090811
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 (DIR) [5] https://www.slovoidilo.ua/2026/03/13/infografika/suspilstvo/skilky-vypadkiv-domashnoho-nasylstva-fiksuvaly-ukrayini-protyahom-10-rokiv
 (DIR) [6] /Unser-Fenster-in-die-Ukraine/!6158744
 (DIR) [7] /taz-Panter-Stiftung/!v=e4eb8635-98d1-4a5d-b035-a82efb835967/
 (DIR) [8] /Tigran-Petrosyan/!a22524/
 (DIR) [9] /Panter-Stiftung/Spenden/!v=95da8ffb-144e-4a3b-9701-e9efc5512444/
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Oksana Puhachova
       
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