# taz.de -- Wahlkampfauftakt in Brasilien: Lulas letzte Runde
       
       > Mit Großkundgebungen beginnen Brasiliens Präsident Lula da Silva und
       > Herausforderer Flávio Bolsonaro den Wahlkampf. Es wird eine
       > Richtungsentscheidung.
       
 (IMG) Bild: Lula auf Abschiedstour, ein letztes Mal im (Wahl)kampf gegen Bolsonaro
       
       Bei strahlender Sonne spricht der brasilianische Präsident Lula da Silva an
       diesem Sonntag in São Bernardo do Campo im Großraum São Paulo vor einer
       begeisterten Menge von mindestens 20.000 Menschen. Weiß gekleidet und mit
       Panamahut durchmisst der 80-Jährige federnden Schrittes den roten Laufsteg
       durch die Massen. Genau hier wurde Lula Ende der 1970er Jahre als großer
       Streikführer landesweit bekannt.
       
       Einen Großteil seiner Rede widmet er vergangenen Erfolgen. Seine 21 Jahre
       jüngere Ehefrau Janja singt im Duett mit dem evangelikalen Sänger und
       Pastor Kleber Lucas ein Stück über den Aufstieg des Mannes aus dem Volk.
       Danach tritt eine Hip-Hop-Tanzgruppe zu einem Kampagnenrap auf: geschickte
       Signale an Pfingstkirchler und Jungwähler – Gruppen, bei denen Lula bisher
       nicht so gut abschneidet.
       
       Rund 400 Kilometer entfernt lauschen bei bedecktem Himmel über dem Strand
       von Copacabana einige Tausend Anhänger den Worten von Lulas wichtigstem
       Herausforderer, Flávio Bolsonaro. Der 45-Jährige wechselt zwischen
       Opferrolle und demonstrativem Selbstbewusstsein, mit Aussagen wie „Ihr habt
       schon gemerkt, alle sind gegen mich!“ einerseits und Behauptungen wie „Ich
       bin mehr als bereit dafür, dieses Land zu kommandieren!“ andererseits.
       
       Auch gegen ihn sei ein Messerattentat geplant gewesen, ähnlich wie einst
       gegen seinen Vater, behauptet der Senator in Rio de Janeiro, nennt die
       amtierende Regierung eine „Gefahr für die Demokratie“ und die bevorstehende
       Wahl eine „Entscheidung für die nächsten 45 Jahre“.
       
       ## Richtungskampf zwischen Mitte-links und extrem rechts
       
       Am 4. Oktober wird in Brasilien gewählt, und seit diesem Sonntag tobt nun
       ein politischer Richtungskampf zwischen Mitte-links und der extremen
       Rechten. Auf der einen Seite steht der aus armen Verhältnissen im Nordosten
       stammende Lula, der sich trotz geringer formaler Schulbildung bis ins
       höchste Staatsamt hochgearbeitet und seine Nähe zum Volk zum zentralen Teil
       seiner politischen Identität gemacht hat.
       
       Auf der anderen der politische Erbe Flávio Bolsonaro, mit dessen Kandidatur
       die Familie versucht, die Marke Bolsonaro trotz der Verurteilung des
       ehemaligen Präsidenten am Leben zu halten. Der ultrarechte Jair Bolsonaro
       wurde für den Putschversuch im Januar 2023 [1][zu 27 Jahren und drei
       Monaten Haft verurteilt] und sitzt zurzeit im Hausarrest. Bei seiner
       Nominierung zeigte Flávio den Erzeuger deswegen als KI-Avatar auf einem
       Bildschirm, nun wird gerichtlich geprüft, ob das legal war.
       
       Von den weiteren 11 Kandidaten sind nur eine Handvoll als eventuelle
       Bündnispartner bei einer wahrscheinlichen Stichwahl relevant. Für den
       ersten Wahlgang konnte Lula mit seiner Arbeiterpartei PT ein weites
       Spektrum der Parteien links der Mitte hinter sich versammeln. Trotz
       erheblicher Spannungen innerhalb der Regierung hat zudem die Partnerschaft
       mit seinem früheren konservativen Kontrahenten Geraldo Alckmin gehalten,
       der 2026 als Vize bereitsteht und schon 2022 mit Lula eine breite
       demokratische Front gegen Jair Bolsonaro gebildet hatte.
       
       Der Bolsonaro-Sohn wird dagegen nur von der eigenen Partei PL unterstützt:
       Ein Streit mit der bei Pfingstkirchlern und konservativen Frauen beliebten
       Stiefmutter Michelle, sowie die Nähe zum inhaftierten Masterbank-Gründer
       Daniel Vorcaro haben ihre Schatten geworfen. Nachdem Bolsonaro junior
       zeitweise in Umfragen vorne lag, zeigen neueste Werte des Instituts Quaest
       Lula im ersten Wahlgang mit 38 gegen 31 Prozent vor Flávio und im zweiten
       mit 43 gegen 40 Prozent.
       
       Vor allem punktet Lula unter Wählern mit Einkommen von maximal zwei
       Mindestlöhnen, Absolventen eines mittleren Schulabschlusses, Schwarzen und
       anderen nichtweißen Wählern, Katholiken und generell im Norden, Nordosten
       und mittleren Westen. Bei Pfingstkirchlern, Besserverdienenden sowie im
       Süden und Südosten ist Flávio Bolsonaro weiterhin beliebter.
       
       ## Einflussnahme der USA auf Brasiliens Wahl?
       
       Die brasilianische Richtungswahl ist nicht nur innenpolitisch wichtig: In
       Lateinamerika gehört das Land unter Lula neben Mexiko zu den wichtigsten
       verbliebenen links regierten Staaten. [2][Venezuela] steht seit der
       US-Intervention und der Festnahme Maduros unter massivem Einfluss
       Washingtons, auch in [3][Ecuador] und [4][Chile] regiert die Rechte. In
       [5][Argentinien] und Paraguay haben die USA unter Trump dazu beigetragen,
       dass sich in den letzten Wahlen die rechten Populisten Milei und
       [6][Santiago Peña] ins Amt wählen lassen konnten. In Peru gewann soeben die
       konservative [7][Keiko Fujimori] und in [8][Kolumbien] ist seit 7. August
       Abelardo da Espriella im Amt – damit hat sich der politische Schwerpunkt in
       süd- und mittelamerikanischen Ländern innerhalb weniger Jahre [9][deutlich
       nach rechts verschoben].
       
       Die Lula-Regierung befürchtet auch in Brasilien eine indirekte
       [10][US-Einflussnahme] auf die Wahlen, etwa über die verhängten
       [11][Strafzölle] oder die Aberkennung des Visums der brasilianischen
       Botschafterin in Washington. Das Nachrichtenportal [12][„The Intercept“]
       berichtet außerdem über Treffen von US-Diplomaten mit bolsonarotreuen
       InfluencerInnen und dem Plan Washingtons, Abgesandte nach Brasilien zu
       schicken, um das System, der elektronischen Urnen [13][vor der Wahl
       anzugreifen].
       
       Der Aufstieg der Rechten in Lateinamerika gilt vor allem als Antwort auf
       die wachsende Kriminalität und die scheinbare Unfähigkeit der Linken, damit
       umzugehen. Wie schon sein Vater sucht Flávio Bolsonaro die Nähe Trumps. Er
       war ursächlich daran beteiligt, dass Trump die brasilianischen
       Drogenkartelle PCC und Comando Vermelho zu terroristischen Vereinigungen
       erklärte. Eine Kategorisierung, die im Extremfall ein militärisches
       Eingreifen der USA in Brasilien rechtfertigen könnte.
       
       Und so präsentiert sich Lula heute als Retter der nationalen Souveränität
       gegenüber dem Gegner, der Brasilien „den USA aushändigen will“, und steht
       ansonsten für den Sozialstaat, für multilaterale Außenpolitik und
       pragmatische Wirtschaftspolitik.
       
       ## Fake News werden eine Rolle spielen
       
       Bolsonaro verspricht das Ende von Kriminalität und Korruption, obwohl er
       selbst im Zusammenhang mit Zahlungen des Masterbank-Gründers Vorcaro unter
       Korruptionsverdacht steht. Ansonsten geht es bei beiden um Wirtschaft und
       Inflation. Und bei Lula außerdem um Bildung, Gesundheit, Versorgung von
       Senioren, Schutz für Frauen und soziale Gerechtigkeit.
       
       Innenpolitisch kann Lula trotz der ständigen Grabenkämpfe mit einem von der
       Agrarlobby dominierten Kongress greifbare Erfolge vermelden. Dass die
       Entwaldungsraten im Amazonasgebiet und in der brasilianischen Savanne
       [14][drastisch gesunken] sind, interessiert womöglich Europa mehr als die
       Brasilianer. Doch die von 9,3 im Jahr 2022 auf den historischen Tiefstand
       von 5,4 Prozentpunkten im Juni 2026 gefallenen Arbeitslosenquoten und die
       Steuerbefreiung für Einkommen von bis zu 5.000 Real monatlich betreffen
       weite Teile der Bevölkerung.
       
       Im Auftakt am Sonntag beschränkte sich Lula auf die Aufzählung seiner
       Erfolge, Bolsonaro wetterte einigermaßen sanft gegen den „unfähigen,
       korrupten“ Gegner. Dreckige Wäsche wird wohl erst später gewaschen. Im
       Wahlkampf 2022 hatte vor allem der zweite Bolsonaro-Sohn Carlos über Social
       Media massenweise Fake News über Lula verbreitet. Etwa, dass Lula
       Pfingstkirchen verbieten oder in Schulen pornografisches
       Unterrichtsmaterial verbreiten würde, um Homosexualität zu fördern.
       
       Fake News sind auch in diesem Wahlkampf eine große Herausforderung, das
       oberste Wahlgericht hat bereits strenge Richtlinien dazu aufgelegt. Das
       seit 2022 kursierende Gerücht, Lula sei gestorben und durch Doppelgänger
       oder Klone ersetzt worden, ist wohl nicht mehr auszurotten: In einer
       aktuellen Umfrage von Meio/Ideia sind weniger als 60 Prozent der Befragten
       sicher, dass es sich dabei um eine Falschmeldung handelt.
       
       17 Aug 2026
       
       ## LINKS
       
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