# taz.de -- Dekolonisierung in Mexiko: Ein Mangel an Differenzierung
> Ein mexikanischer Gebirgspass soll statt des Kolonisators Cortés künftig
> pauschal „die indigenen Völker“ ehren. Eine zweifelhafte Homogenisierung.
(IMG) Bild: Ein Wandgemälde in Mexiko City zeigt den spanischen Eroberer Hernán Cortés und den mexikanischen Herrscher Moctezuma
Sollte man einen Mann ehren, der auf seinem Weg Tausende unbewaffnete
Zivilisten hinrichten ließ? Der 3.000 Frauen und Kinder mit einem Eisen als
Sklavinnen und Sklaven brandmarken ließ? Ganz zu schweigen von den
unzähligen Toten, die seine Kämpfe zur Eroberung Tenochtitláns, der
Hauptstadt des Aztekenreichs, verursacht haben. Sollte man natürlich nicht,
findet Mexikos [1][Präsidentin Claudia Sheinbaum] und informierte Anfang
August darüber, dass der Paso de Cortés nun in den „Paso de los Pueblos
Indígenas“ umbenannt werden soll.
Der Gebirgspass vor den Toren von Mexiko-Stadt, zwischen den Vulkanen
Popocatépetl und Iztaccíhuatl, soll also künftig nicht mehr an den
[2][Kolonisator Hernán Cortés,] sondern an die indigenen Völker erinnern.
Schließlich hätten die Ureinwohner Mexikos den Weg schon viel früher
genutzt – lange bevor der spanische Eroberer 1519 mit seinen Truppen über
den Pass in die Aztekenstadt einmarschiert ist. Mit der Änderung wolle man
die historische Bedeutung der indigenen Völker hervorheben, erklärte die
Staatschefin von der linken Partei Morena.
Natürlich gibt es keinen Grund, Cortés zu ehren. Sogar die spanische Krone
kritisierte ihn damals für seine mörderischen Taten. Und die historische
Rolle der Indigenen, die je nach Zählweise zwischen 10 und 19 Prozent der
Bevölkerung ausmachen, wird zweifellos zu wenig wahrgenommen. In der
mexikanischen Geschichtsschreibung dominieren immer noch im Wesentlichen
die Nachfolgerinnen und Nachfolger der Kolonisatoren, und an den
Universitäten, anthropologischen Instituten oder Museen haben weiterhin vor
allem sie das Sagen. Wie in allen anderen gesellschaftlichen Bereichen gilt
auch hier: Je weißer, desto privilegierter.
Dennoch stellt sich die Frage: Wer genau sind denn nun die „indigenen
Völker“, die künftig Cortés als Namensgeber des Gebirgspasses ersetzen
sollen? Moctezumas und Cuauhtémocs „Mexicas“, besser bekannt als
[3][Azteken], die ziemlich brutal von Tenochtitlan aus gegen andere
Stadtstaaten vorgingen und deshalb mit vielen im Krieg waren? Oder die
Menschen aus Tlaxcala, die mit Cortés den Übergang zwischen den Vulkanen
passierten, um die Hauptstadt ihrer Rivalen zu erobern?
Ohne die Tausenden von Kriegern und, ja, auch Kriegerinnen, aus Tlaxcala
und anderswo, ohne deren Ortskenntnisse sowie logistische Hilfe hätten die
400 Männer aus Europa gegen Cuauhtémocs Kämpfer ziemlich alt ausgesehen.
Sowohl die Indigenen als auch die europäischen Eroberer hatten ihre
Interessen, gegen die Mexicas vorzugehen. Dass die Spanier später auch
Tlaxcala und ihre anderen indigenen Alliierten unterjochten, nun ja, das
steht auf einem anderen Blatt.
Aber das alles zu berücksichtigen, würde einen differenzierten Blick auf
die koloniale Geschichte voraussetzen. Und das ist ja nicht Sheinbaums
Anliegen in Sachen Dekolonialisierung. Man wolle deutlich machen, dass ihre
Regierung einen anderen Blick auf die Indigenen habe, sagte sie. Dieser
„andere Blick“ braucht Helden und Bösewichter. Die damit einhergehende
Homogenisierung indigener Völker bringt zwar wenig für die Analyse
kolonialer Zeiten, bestätigt aber das Bild der [4][Morena] als Vertreterin
der Gedemütigten und Entrechteten. Und darum geht es.
## Gegensätzliche Interessen führen zu Konflikten
Man kann der linken Regierung nicht vorwerfen, sie kümmere sich gar nicht
um die Belange der ursprünglichen Bevölkerung. So wurden zum Beispiel
indigene Völker 2024 in der Verfassung als kollektive Rechtssubjekte
festgeschrieben. Dennoch führen gerade gegensätzliche Interessen in den
Gemeinden auch heute zu schwierigen Konflikten.
Die einen erhoffen sich von einer Düngemittelanlage eine Zukunft für ihre
Kinder, die anderen fürchten ein Ende ihrer Fischbestände. Manche glauben,
ein Bahnprojekt bringe Touristen und damit Geld ins Dorf, während andere
die Zerstörung ihrer Lebensgrundlage beklagen. Nicht selten führen solche
Konflikte zu tödlichen Angriffen etwa auf Umweltschützerinnen oder
Menschenrechtsaktivisten. Am Ende verlieren beide Seiten – so wie die
Bewohnerinnen und Bewohner von Tenochtitlán und Tlaxcala.
19 Aug 2026
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## AUTOREN
(DIR) Wolf-Dieter Vogel
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