# taz.de -- MDR vor den Landtagswahlen: Eine ruckelnde Talfahrt
> Die AfD Sachsen-Anhalt will den öffentlich-rechtlichen Rundfunk abbauen.
> Doch der MDR steht schon jetzt unter massivem Druck. Was wird aus dem
> Sender?
(IMG) Bild: Dass beim MDR super Menschen mit interessanten Zugängen, Ideen und mit Haltung arbeiten, hört man immer wieder
Fünf Sekunden Stille in der Sendung „MDR Sachsen-Anhalt heute“. Dann eine
Stimme aus dem Off: „Wie Sie hören, hören Sie nichts. Keinen MDR mehr in
Sachsen-Anhalt? Das könnte passieren.“
Auch auf den MDR-Social-Media-Kanälen ersetzte [1][eine schwarze Kachel]
die Bilder regionaler Beiträge. Nach vielen Beiträgen werden schwarze
Banner mit Informationen eingeblendet. Mit dieser Aktion hat der
Mitteldeutsche Rundfunk (MDR) diese Woche sichtbar gemacht, was sonst vor
allem in Staatsverträgen, Haushaltsplänen und Rundfunksitzungen verhandelt
wird: Was passiert mit dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk in
Sachsen-Anhalt, wenn die AfD nach der Landtagswahl am 6. September regieren
sollte und an den Grundregeln des öffentlich-rechtlichen Rundfunks rüttelt?
Der AfD ist der öffentlich-rechtliche Rundfunk ein Dorn im Auge. Björn
Höcke versprach bereits 2024 im Wahlkampf, die Medienstaatsverträge zu
kündigen, sobald er Regierungschef in Thüringen sei. In Sachsen-Anhalt
könnte das bald Realität werden. In Umfragen liegt der in Sachsen-Anhalt
als gesichert rechtsextremistisch eingestufte Landesverband der AfD mit 42
Prozent deutlich vor der CDU. Die Partei hat angekündigt, im Fall einer
Regierungsübernahme die Medienstaatsverträge in den ersten 100 Tagen zu
kündigen. In ihrem Regierungsprogramm heißt es, man wolle „als erste
Amtshandlung die Rundfunkstaatsverträge kündigen, um echten Reformdruck zu
erzeugen“.
„Wir gehen davon aus, dass die AfD eine Kündigung versuchen wird“, sagt der
Juristische Direktor des MDR, Jens-Ole Schröder, im Gespräch mit der taz.
Der MDR hatte bereits im Juli angekündigt, im Falle einer Kündigung
juristisch dagegen vorzugehen. Was kann der Sender tun? Dafür muss man
zunächst verstehen, was eine Kündigung der Staatsverträge bedeuten würde.
## Sich juristisch wappnen
„Nach einer wirksamen Kündigung würde der MDR nicht mehr verpflichtet sein,
aus Sachsen-Anhalt zu berichten. Dafür gäbe es eine zweijährige Frist. Das
könnte also frühestens ab 2029 der Fall sein. Gleichzeitig würde eine
solche Kündigung nicht bedeuten, dass dem MDR die Berichterstattung aus dem
Land grundsätzlich verboten wäre“, sagt Schröder. Das MDR-Angebot und auch
die Sendestätten, etwa in Magdeburg und Halle, können also nicht von einem
auf den anderen Tag von der AfD gekappt werden. Eine Sprecherin des MDR
schreibt auf Anfrage der taz: „Die Infrastruktur würde weiter dem MDR
gehören und die Mitarbeitenden haben ihre Arbeitsverträge mit dem MDR,
diese hätten weiter Gültigkeit.“
Wäre eine Kündigung rechtmäßig, ginge es auch ums Geld. Dem MDR würden dann
„ab 2029 möglicherweise die Rundfunkbeiträge aus Sachsen-Anhalt fehlen, was
rund 150 Millionen Euro entsprechen würde. Dies hätte Konsequenzen für das
programmliche Angebot des MDR sowie den Umfang von Beschäftigung im
gesamten MDR“, schreibt der MDR der taz.
Weil eine mögliche Kündigung so weitreichende Folgen haben kann, ist es
wichtig, sich juristisch zu wappnen. Eine feste Säule des ÖRR ist sein
Programmauftrag. „Die Rechtsprechung sieht vor, dass ein Sender ein
vollständiges Angebot an Information, Bildung, Beratung, Kultur und
Unterhaltung geben muss“, so Schröder. Die AfD müsse also, wenn sie
kündigt, ein gleichwertiges Programm aufstellen, sei es durch den MDR oder
einen neuen Sender.
Das hat die Partei laut ihrem Wahlprogramm aber nicht vor. Sie will einen
„Grundfunk“ einführen mit einem schlankeren Programm und „zubuchbaren und
freiwilligen Abonnement-Optionen“. Der Medienrechtler Hubertus Gersdorf
sagt dazu gegenüber BR24, dass das nicht mit der Rundfunkfreiheit vereinbar
sei. Denn alle müssten mit den gleichen Inhalten versorgt werden,
unabhängig von den finanziellen Möglichkeiten. Auch MDR-Jurist Schröder
nennt den „Grundfunk“, den die AfD vorschlägt, „nebulös“.
## Über 160 Millionen sparen
Der zweite wichtige Punkt, den die AfD in Sachsen-Anhalt verändern will,
ist der Rundfunkbeitrag. In ihrem Programm schreibt sie, dass eine
Finanzierung durch Steuermittel und Werbeeinnahmen geprüft werden soll.
Dass das möglich wäre, sei sehr unwahrscheinlich, sagt Schröder. „Eine
wichtige Säule des Beitrags ist das Bundesverfassungsgericht.“ Das hat 2021
beschlossen, dass der derzeitige Rundfunkbeitrag von 18,36 Euro gültig ist.
Sachsen-Anhalt hatte nämlich zuvor die von der Kommission zur Ermittlung
des Finanzbedarfs der Rundfunkanstalten (KEF) empfohlene Beitragserhöhung
2020 nicht mitgetragen. Durch die Entscheidung des
Bundesverfassungsgerichts ist das Land dennoch dazu verpflichtet. Damit der
heutige Beitrag nicht mehr gilt, müssten alle 16 Bundesländer gemeinsam
einen neuen Staatsvertrag über den Rundfunkbeitrag schließen.
Als hätte der MDR mit den anstehenden Wahlen nicht genug zu tun, ist der
Rundfunksender auch von den ÖRR-weiten Kürzungen stark betroffen. Bis 2028
muss der MDR über 160 Millionen sparen. Weitere 10 Millionen sind im
laufenden Jahr 2026 notwendig, weil die Bundesländer die Beiträge nicht wie
von der KEF empfohlen erhöht haben. Die Einsparungen betreffen Verwaltung,
Immobilien, Technik und das Programm des MDR. Die Devise sei dabei, „so
programmschonend wie möglich vorzugehen. Dennoch sind Auswirkungen auch auf
die bisher gewohnte Programmvielfalt unvermeidbar“, schreibt der MDR der
taz.
Die Auswirkungen im Programm sind schon jetzt zu spüren. Dazu gehört, dass
der MDR die Produktion des „ARD-Mittagsmagazins“ 2027 abgibt. Die
Produktion von „Tatort“ und „Polizeiruf 110“ pausiert für drei Jahre. Der
Jugendradiosender MDR Sputnik soll ab 2027 nicht mehr über UKW laufen. Dazu
kommt eine geplante Reduzierung der Social-Media-Aktivitäten um 30 Prozent.
Die Gewerkschaft Verdi bezeichnete diese Maßnahmen als einen „massiven
Einschnitt in die publizistische Vielfalt des MDR“.
Das macht auch den Mitarbeiter*innen zu schaffen. „Der MDR hat bereits
öffentlich kommuniziert, dass im Rahmen des Strategie- und Sparpakets bis
2030 rund 300 feste Stellen wegfallen sollen. Dies soll durch einen
Nachbesetzungsstopp bei Renteneintritten erfolgen“, schrieb der MDR der
taz.
Aber auch jetzt spüren die Mitarbeiter*innen die Kürzungen. Ein großer Teil
der Beschäftigten im ÖRR arbeitet als sogenannte feste Freie. Sie haben
häufig keine Vollzeitstellen, sondern bekommen Schichten zugeteilt. Fällt
eine Sendung weg, muss nicht zwingend gekündigt werden, damit jemand
weniger verdient. Es reicht, wenn die Zahl der Einsatztage sinkt. „Noch vor
ein paar Jahren konnten wir uns beim MDR unseren Lebensunterhalt verdienen,
heute kommen viele nicht mehr auf ihre Schichten“, sagt eine Person aus der
MDR-Redaktion in Sachsen-Anhalt. Es herrsche Angst vor Jobverlust, die dazu
führe, dass Leute sich an ihre verbleibenden Stellen klammerten, anstatt
sich zu beschweren.
In einer Sitzung des Rundfunkrats im März dieses Jahres sagte eine
Vertreterin der Freien des MDR, dass bereits Programmstunden verschwunden
seien, die früher im Wesentlichen von Freien erstellt worden seien. Es gebe
eine „bedrückende Unsicherheit“ für die Freiberufler*innen, zitiert das
Portal Flurfunk. [2][Zum Teil seien die Kolleg*innen von Kürzungen
bisheriger Dienste von 15 bis 25 Prozent betroffen,] die ohne Ankündigung
weggefallen seien. Schon in früheren Sparrunden trafen sie feste Freie
unmittelbar. 2012 wandten sich MDR-Info-Redakteur*innen an die damalige
Intendantin Karola Wille: Wer zuvor zehn Tage im Monat gearbeitet habe,
komme nur noch auf acht Arbeitstage.
Das bedeutet auch heute: Der MDR verliert in Sachsen-Anhalt seine
journalistischen Kräfte, ganz ohne die AfD. [3][Verdi forderte von den
Senderleitungen, „nun notwendige Veränderungen sozial verantwortlich zu
gestalten. Strukturreformen dürfen nicht einseitig zulasten der
Beschäftigten gehen."]
„Viele suchen sich bereits andere Stellen, denn mit dem Geld wird es
knapp“, sagt eine Person der Redaktion in Sachsen-Anhalt. Wer gute
Journalist*innen verliert, kann sie nicht beliebig später zurückholen.
Regionale Expertise entsteht über Jahre. Kontakte, Ortskenntnis und
Vertrauen lassen sich nicht einfach mit einem neuen Budget wieder
einkaufen. Eine Mitarbeiterin äußert ihre große Sorge darüber, dass die
Region Sachsen-Anhalt schleichend abgehängt werde, wenn nicht mehr die
Ressourcen da sind, über die Region zu berichten.
Dass beim MDR super Menschen mit interessanten Zugängen, Ideen und mit
Haltung arbeiten, hört man immer wieder. Aber diese Qualität reibe sich an
den Strukturen des MDR, erzählt eine Person aus Redaktionskreisen. Sie
berichtet von Unzufriedenheit darüber, dass man – je nach Vorgesetzter oder
Vorgesetztem – bestimmte Themen nicht anfassen könne. Und dass unklar sei,
warum.
„Es herrscht zwar kein Verbot, aber die Strukturen sind hierarchisch“, sagt
eine andere Person. In der Leitungsebene hätten viele Leute Angst, ihre
Nutzer*innen zu verärgern, indem sie sie belehrten. Auch gebe es die
Wahrnehmung in der Redaktion, dass keine sensible Strategie bestehe, wie
man mit und über die AfD berichtet. Dazu kämen die Intransparenz und
Unklarheit, so ein Redaktionsmitglied. „Wir sitzen da manchmal nach
Mitarbeiterversammlungen zusammen, schauen uns an und fragen uns: Worüber
wurde hier eigentlich gerade geredet?“ Der MDR sagt auf Anfrage dazu, dass
er seine Mitarbeitenden grundsätzlich fortlaufend über aktuelle
Entwicklungen informiere und mit ihnen im Austausch stehe.
Von innen und von außen steht der MDR unter Druck. Dabei bräuchte es gerade
jetzt einen starken Sender. Was dafür nötig ist? Ein mutiges Aufbegehren,
ein stärkerer Zusammenschluss der Mitarbeitenden und ein Korrektiv für die
Leitungsebene.
Und auch wir alle können etwas tun. Angefangen damit, immer wieder zu
betonen, dass eine demokratische Öffentlichkeit darauf angewiesen ist, dass
es journalistische Institutionen gibt, die regional berichten,
recherchieren, einordnen und auch dort präsent sind, wo sich private
Medienangebote wirtschaftlich nicht lohnen; und aufgehört damit, nicht nur
bei anstehenden Landtagswahlen auf den MDR zu schauen.
28 Aug 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.deutschlandfunk.de/schwarze-bildschirme-und-stille-im-radio-mdr-warnt-vor-kuendigungsplaenen-der-afd-in-sachsen-anhalt-102.html
(DIR) [2] https://www.flurfunk-dresden.de/2026/03/23/bericht-von-der-233-sitzung-des-mdr-rundfunkrat/
(DIR) [3] https://sat.verdi.de/presse/pressemitteilungen/++co++3f3291c0-4ddd-11f1-8df8-777f08aad8ea
## AUTOREN
(DIR) Ann-Kathrin Leclere
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