# taz.de -- Die Wahrheit: Endlich wieder Schießbefehl
> Der MDR hat kein Geld mehr für „Polizeiruf“ und „Tatort“. Nun besetzen
> Alternativmedien die TV-Nische.
(IMG) Bild: Der Kabarettist Uwe Steimle will endlich wieder auf Streife gehen
Der ostdeutsche Kabarettist Uwe Steimle ist in Rotkäppchensektlaune, als er
in der Loschwitzer Bierschwemme „Zur weichgespülten Erinnerung“ der
Systempresse gegenüber tritt. Nach über 15-jähriger Abstinenz vom
„Polizeiruf“ des Mitteldeutschen Rundfunks ist der rechtsoffene Grantler
aus dem Elbflorenz erneut als Bildschirmkommissar gefragt.
„Endlich wieder Schießbefehl!“, kräht der hochsensible Ostalgiker, der
nicht einmal leichtesten Westwind verträgt, den Osten aber rauf bis Moskau
wie seine eigene Westentasche kennt.
Kurz nachdem die für Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen zuständige
Rundfunkanstalt MDR angekündigt hat, aus Kostengründen in den nächsten drei
Jahren keine „Tatort“- und „Polizeiruf“-Folgen zu produzieren, schickt sich
eine Initiative illustrer Medienschaffender an, die ostdeutsche
Repräsentationslücke zu füllen.
## Dicht im Dickicht
„Von der Neiße bis an die Elbe wird jetzt gegen die da oben ermittelt“,
agitiert Steimle im nölenden Zungenschlag des Freistaats, nachdem er die
Büttel der Maulkorbpresse als „Ganaljen un Varäddr“ begrüßt hat. In der
Zeit der Verbannung sind flachsblonder Vollbart und Dialekt zu einem
undurchdringlichen Dickicht verwachsen, das sogar die gestandenen
Lokalreporter des Pieschener Anzeigers verstört.
Im neuen „Volkspolizeiruf Tatort Ost“, der zunächst nur auf ausgesuchten
Telegram-Kanälen zu sehen sein soll, übernimmt Steimle die Rolle des
kauzigen Kommissars Bemme, der mit Assistentin Sahra (Tino Chrupalla) und
der tatkräftigen Hilfe des schrulligen DDR-Faktotums Egon aus der
Asservatenkammer (Tino Chrupalla) Kriminalfälle aufklärt, die von Wessis
oder Migranten am ostdeutschen Volkskörper begangen werden. Ganz schlimme
Taten wie Zwangsimpfungen oder Genderverbrechen werden sogar von
westdeutschen Migranten verübt.
Als Executive Producer fungiert Holger Friedrich, bislang Verleger der
Berliner Zeitung und der Ostdeutschen Allgemeinen Zeitung, der die
Ausbeutung ostdeutscher Empfindlichkeiten und reaktionärer Reflexe zu
seiner Lebensaufgabe gemacht hat.
„Eigentlich wollte ich die ganze Bumsbude kaufen“, berichtet der bärtige
Medientycoon von abgebrochenen Verhandlungen mit dem MDR. „Aber ich kann
auch warten, bis künftige AfD-Landesregierungen den Staatsfunk zerschlagen
und die Trümmer günstig an mich verscherbeln. Alternativ gründen wir einen
Streamingdienst für den Osten. So wie Netflix, aber normal.“
Doch bislang kann sich das Ostflix-Konsortium nicht einmal einigen, wo die
Grenzen seines Internet-Sendegebiets liegen sollen. Friedrichs
Kooperationspartner aus der Reichsbürgerszene („in den Grenzen von 1937“)
haben andere Vorstellungen als Investoren mit Verbindungen nach Russland
(„von Lissabon bis Wladiwostok“).
## 11.000 Seiten
Probleme bereiten aber auch die anspruchsvollen Drehbücher der Serie. Zwar
konnte Friedrich eine prominente literarische Stimme Ostdeutschlands als
Autor gewinnen, doch umfasst allein das Skript der Pilotfolge „Mord unterm
Windrad“ elftausend Seiten, auch wenn das Windrad (aus dem Westen) gleich
auf der ersten Seite als Mörder des enthaupteten Freifräuleins von Ostmulle
(Tino Chrupalla) überführt wird. Doch dann verschwindet Ermittler Bemme aus
ungeklärten Gründen in einem unterirdischen Labyrinth, wo er von einer
geheimnisvollen Behörde mit regenerativen Stromschlägen gleichgeschaltet
werden soll. Gerettet wird der Kommissar von einem allwissenden Oktopus mit
Winzermütze, der die übrigen Seiten mit innerem Monolog füllt, obwohl er
„überhaupt nichts mehr sagen darf“.
Diesen Vorwurf pflegt auch Kabarettist Uwe Steimle bei seinen Auftritten
gegenüber den Mainstreammedien zu erheben, doch beim heutigen Pressetermin
sind diese Organe klar in der Unterzahl. Da der MDR sparen muss, hat nur
der Pieschener Anzeiger Vertreter geschickt, die von Sicherheitsleuten in
Anglerhüten längst des Lokals verwiesen wurden.
Ins Wort fällt dem Hauptdarsteller der Serie nur ihr Drehbuchautor. Saß der
leicht erregbare Heimatdichter bislang schweigend am Katzentisch für
mehrfach preisgekrönte Dissidenten des Literaturbetriebs, erhebt er seine
wohlklingend nuschelnde Stimme, als Steimle Änderungen am Drehbuch fordert:
Der unverfrorene Hauptdarsteller will doch tatsächlich eine Sprechrolle.
Zwar sind auch Vollbart und Dialekt des verfemten Schriftstellers zu
undurchdringlichem Dickicht verwachsen, doch ist seinen erhobenen Fäusten
abzulesen, dass er Zensur seiner Schreibe eher ablehnend gegenüber steht.
Die beiden sächsischen Rebellen stürmen aus dem Lokal, um die Machtfrage
von Uwe zu Uwe zu klären. Über den Ausgang des Scharmützels wird der
Pieschener Anzeiger oder Uwe Tellkamp in seinem nächsten Schlüsselroman
„Der Schlumpf in den Ohren“ berichten. Den Sendetermin der Pilotfolge
findet man vermutlich ebendort.
15 May 2026
## AUTOREN
(DIR) Christian Bartel
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