# taz.de -- Kunst gegen Rechts: Weil Schweigen keine Option ist
> Eine Gruppenausstellung in Berlin-Friedrichshain positioniert sich vor
> den Wahlen in Sachsen-Anhalt, Meck-Pomm und Berlin gegen
> Rechtsradikalismus.
(IMG) Bild: „Wir sind hier“ – an dieser Brücke in Merseburg wurde 1979 der kubanische Vertragsarbeiter Delfín Guerra erschlagen
Was tun, wenn es brennt? Am besten zur Alten Feuerwache nach
Berlin-Friedrichshain gehen, in deren ehemaliger Spritzenwagenhalle – heute
eine kommunale Galerie –, läuft gerade eine Ausstellung mit klarer Setzung:
„Kunst gegen Rechts“. Aufhänger sind die im September anstehenden
Landtagswahlen von Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern sowie der Wahl
zum Abgeordnetenhaus von Berlin.
Anlass sei die akute Gefahr, dass dann „die demokratischen Parteien nicht
in der Lage sein werden, die nächste Regierung zu bilden“, warnen die
beiden Kurator:innen Anne Mundo und Dirk Teschner im Booklet
vorsorglich. Und schicken durchaus plakativ hinterher: „Kunst macht da
nicht mit! Kunst schlägt dazwischen!“ Bereits 2017 hatten die beiden
erstmals eine Ausstellung mit dem Titel „Kunst gegen Rechts“ konzipiert,
damals zog zum ersten Mal seit 1960 eine rechtsradikale Partei in den
Bundestag ein. Seither sind viele weitere Tabus gebrochen worden.
Intervention ist ganz bestimmt ein Motiv, das einigen der 17 Arbeiten der
beteiligten Künstler:innen aus dem In- und Ausland zugrunde liegt. Und
doch wirkt die Schau insgesamt vielschichtig und kaum alarmistisch, sondern
feinfühlig, auch nüchtern-dokumentarisch und manchmal mit hintersinnigem
Humor zusammengestellt.
Man muss nur den gläsernen Baseballschläger des Dresdner Künstlers Thomas
Judisch betrachten, der an einer Säule in einem Holzverschluss angebracht
ist, um zu wissen, was die Stunde geschlagen hat. Von weitem sieht sein
Glasobjekt aus wie eine kunstvoll geschliffene Karaffe. Erst wenn man „Die
Rüpel von Rostock“ genauer betrachtet, entdeckt man ins Glas eingravierte
Tags und Logos, die wie Klograffiti aussehen.
## Symbol rechtsradikaler Gewalt
[1][Der Baseballschläger ist im Kontext der deutschen Wiedervereinigung] in
den frühen 1990ern zu einem Symbol rechtsradikaler Gewalt geworden. Judisch
nimmt das US-Sportgerät wieder aus diesem Bezugsrahmen, lässt es
transparent aussehen und stellt Bezüge zur antiken Mythologie her, etwa zur
Keule des tragischen Helden Herakles. Latent gewalttätig wirkt der Schläger
trotzdem.
An einer Wand um die Ecke leistet der Berliner Musiker und Künstler Moritz
Sturm dringend benötigte Aufklärung und beurkundet Vorgänge, die staatliche
Institutionen fatalerweise unterlassen haben. Seine 45-teilige
Tusche-Porträtserie „Todesopfer rechter Gewalt“ erinnert an Menschen, die
seit 1990 von Neonazis in den drei Bundesländern (in denen die Wahlen
stattfinden) ermordet wurden. Von manchen existiert nicht mal ein Foto,
sodass Tatorte abgebildet werden.
Mit einem QR-Code lassen sich die Biografien der Opfer interaktiv
nachlesen. Etwa die von Dragomir Christel, einem aus Rumänien stammenden
18-jährigen Geflüchteten, der im März 1992 in der Nähe von Rostock von
Neonazis erschlagen wurde. „Schweigen ist keine Option“, erklärt Moritz
Stumm in einem Statement und weist auf Diskursverschiebungen im
gesellschaftlichen Dialog hin, wobei er nicht nur die fatale Popularität
der AfD benennt, sondern auch, dass ihr toxischer Parolenschrott wie
Nervengift in den allgemeinen Sprachduktus des Mainstreams eingesickert
ist.
Wenn faktenbasierte und wissenschaftliche Erkenntnisse von irrationalen
Ängsten verdrängt werden, logische Argumente völkischer Ideologie Platz
machen sollen und menschenverachtende Verlautbarungen als Politik
fungieren, muss sich der Wind wieder drehen. Schon jetzt flattern die
beiden großformatigen Fantasie-Fahnen von [2][Raul Walch], die außen an der
Feuerwache an Masten hängen und die feierliche Beflaggung öffentlicher
Gebäude, wie sie in Deutschland seit der Kaiserzeit üblich ist, spielerisch
kommentieren.
## Poster zum Mitnehmen
Walch hat eine rote und eine schwarze Fahne jeweils mit dezenten farblichen
Abstufungen versehen und dazu Streifen aus Haushalts- und
Bekleidungstextilien hinzugefügt. Sie erinnern an Balken und Achsen von
Diagrammen aus den Massenmedien. Zudem hat Walch knallige
Pop-Art-Plakatmotive mit roten Buchstaben auf blauem Grund designt, die
Besucher:innen auch als Poster mitnehmen können: „Keine Demokratie ohne
Antifaschismus“ lehnt sich in Schrifttypus und Farbgebung selbstbewusst an
Robert Indianas berühmte Skulptur „Love“ an.
Die Ausstellung bekennt sich ausdrücklich zu einem Deutschland als
„postmigrantische Gesellschaft der Vielen“. Ein Land, das vielfältiger ist
als der Jägerzaun im Kopf und die braune Bratensoße auf dem öden
Heimatteller der AfD es suggerieren.
Auf den staatlich verordneten autoritären Antifaschismus in der DDR und die
halbherzige Entnazifizierung in der BRD nimmt die Schau eher indirekt
Bezug. Zwar wurde nach 1945 die Aufarbeitung der NS-Zeit begonnen, aber in
keinem der beiden deutschen Staaten wurde bis 1989 rechtsradikalen
Umtrieben von den Behörden mit Nachdruck begegnet. Altnazis waren in Ost
und West in Amt und Würden, neue Nazis durften sich ausprobieren.
Umso eindrucksvoller ist das Kartografieprojekt „Wir sind hier“ von
[3][Talya Feldman]. Die US-Künstlerin hat damit nicht nur ein Kunstwerk
erschaffen, sondern beleuchtet auch wenig bekannte Orte der Erinnerung und
Dunkelfelder: Sie macht Tatorte von faschistischen Übergriffen sichtbar, so
etwa eine Brücke in Merseburg, von der aus 1979 ein kubanischer
Vertragsarbeiter in der DDR nach einer Hetzjagd ermordet wurde.
Antifaschismus sei für sie „Einstehen für andere“, erklärt Kuratorin Anne
Mundo der taz, erwähnt die Dringlichkeit, die den Arbeiten in ihrer
Ausstellung zu eigen ist und zeigt lakonisch auf ein großes Banner, auf dem
„Kunst kann Kampf“ steht.
16 Aug 2026
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## AUTOREN
(DIR) Julian Weber
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