# taz.de -- Queere HBO-Serie „Tip Toe“: Eine TV-Show als Mahnung
       
       > Russell T Davis, bekannt von „Queer as Folk“, hat eine neue Serie
       > gedreht. „Tip Toe“ zeigt, wie Hetze gegen Queers wieder zugenommen hat.
       
 (IMG) Bild: Alan Cumming (Leo) und David Morrissey (als sein aggressiver Nachbar Clive) in der Serie „Tip Toe“
       
       Vorsichtig und auf den titelgebenden Zehenspitzen ist Leo (Alan Cumming),
       Protagonist des britischen Fünfteilers „Tip Toe“, eigentlich nicht
       unterwegs. Als schwuler und HIV-positiver Mann um die 60 Jahre erinnert er
       sich noch allzu gut an die Zeiten, in denen man sich verstecken und über
       die Schulter gucken musste, als dass er nicht heute – zumal als Betreiber
       einer queeren Bar auf Manchesters LGBTQ-Partymeile Canal Street – out and
       proud, laut und unübersehbar er selbst wäre. Dass sich nach Jahren des
       gesellschaftlichen Fortschritts in Sachen Akzeptanz und Gleichberechtigung
       der Wind wieder gedreht hat, will er dabei nicht so wirklich wahrhaben.
       
       Die von Russell T Davies verantwortete und ab dem 13. August bei HBO Max
       verfügbare Serie, in deren Zentrum Leo steht, nimmt ein ungemein
       tragisches, bis ins Mark erschütterndes Ende. Dass darf an dieser Stelle
       verraten werden, weil „Tip Toe“ selbst damit nicht lange hinterm Berg hält:
       Gleich in den ersten Sekunden wird der drastische Schluss vorweggenommen,
       bevor die eigentliche Handlung dann zehn Tage zuvor damit einsetzt, dass
       Leo sich nach einem verkorkst geendeten One-Night-Stand aus dem eigenen
       Reihenhäuschen ausgeschlossen hat.
       
       In Boxershorts und ohne Telefon klingelt er nebenan – und löst damit eine
       verhängnisvolle Kettenreaktion aus. Denn obwohl Nachbar Clive (David
       Morrissey), der da mit Ehefrau und zwei Söhnen lebt, eigentlich nicht viel
       übrig hat für Leo und „seinesgleichen“, bietet der meist schlecht gelaunte
       Elektriker an, künftig einen Ersatzschlüssel zu bunkern.
       
       Die erste Idee zu „Tip Toe“ kam Davies bereits vor vielen Jahren, als er
       selbst einen zweiten Hausschlüssel bei der Familie nebenan deponierte. „Das
       dräuende Gefühl, jemand Fremdes könne sich auf diese Weise unbemerkt und
       immer wieder Zugang zu meinem Zuhause verschaffen, erschien mir idealer
       Stoff für einen Thriller. Nur bin ich eben anders als die Harlan Cobens
       dieser Welt niemand, der ein Händchen für dieses Genre hat“, sagt der
       Serien-Macher in einem Gespräch mit der taz.
       
       ## Wut und Besorgnis sind Antrieb
       
       Er wurde als „Doctor Who“-Showrunner berühmt, schrieb mit [1][„Queer as
       Folk“] TV-Geschichte, entwarf zuletzt erst eine Near-Future-Dystopie
       („Years & Years“) und nahm dann Großbritanniens Umgang mit Aids in den 80er
       Jahren unter die Lupe („It’s a Sin“).
       
       Mehr als zehn Jahre lang trug er die Schlüsselidee mit sich herum, bevor
       der Knoten platzte, wie er im Video-Interview berichtet: „Irgendwann kam
       ich darauf, dass der Thriller-Plot ein trojanisches Pferd sein könnte für
       etwas ganz anderes. Nämlich für meine wachsende Wut und ehrliche Sorge mit
       Blick auf die sich in westlichen Gesellschaften rapide verändernde Lage für
       queere Menschen und deren Rechte.“
       
       Wut und Besorgnis sind gleichermaßen spürbar in Davies' neuer Serie, die
       davon erzählt, wie Verschwörungstheorien und soziale Netzwerke
       zwischenmenschliche Kommunikation erschweren, online Hass geschürt und
       verbreitet wird und Gewaltbereitschaft aus dem Netz zusehends
       herüberschwappt in den realen Alltag.
       
       „Ich kann nicht leugnen, dass ‚Tip Toe‘ eine wütende Geschichte erzählt und
       düsterer ist als alle meine bisherigen Serien“, sagt der 63-Jährige auf die
       Frage, welche der beiden Gefühle ihn als Autor mehr umtreibt. „Wut ist ein
       hervorragender Antrieb, um etwas in Bewegung zu setzen. Aber sie ist
       nichts, was dauerhaft meine Kreativität am Laufen hält. Echte Sorge und die
       Hoffnung, etwas bewirken und verändern zu können, sind für mich persönlich
       ergiebiger.“
       
       ## Psychologisch nuanciert
       
       Von emotionaler Einseitigkeit kann in „Tip Toe“ nicht die Rede sein,
       gleichwohl Davies zu keinem Zeitpunkt einen Hehl daraus macht, dass seine
       von Peter Hoar inszenierte Miniserie auch ein lautstarker Weckruf sein will
       – nämlich gegen einen Rückfall in queerfeindlichere Zeiten und für ein
       menschlicheres Miteinander. Es geht hier nicht nur um die Befindlichkeiten
       alter weißer Cis-Männer, sondern um ein Nebeneinander von Erfahrungen und
       eine uneindeutige Gleichzeitigkeit von Gemütszuständen.
       
       Leos Weltsicht wird nicht nur von Stammgast Melba (Paul Rhys)
       herausgefordert, der die Entwicklung der Welt deutlich pessimistischer
       betrachtet, sondern auch von vielen jungen Mitarbeitenden, deren queerer
       Horizont ein ganz anderer ist. Insbesondere der von Iz Hesketh gespielten
       trans Frau Zee kommt im Verlauf der Geschichte eine Schlüsselrolle zu.
       
       Gleichzeitig wird Clive nicht einseitig zum Teufel verdammt, sondern wird
       psychologisch durchaus nuanciert betrachtet. Und auch seinen beiden sehr
       unterschiedlichen, 25 und 16 Jahre alten Söhnen wird genug Raum in der
       Handlung eingeräumt, in dem verschiedene Facetten männlicher Existenz im
       Jahr 2026 zwischen [2][OnlyFans], [3][Dating-Apps] und postpubertärem
       Gruppenzwang durchgespielt werden.
       
       Die Frage, ob es vielleicht zu viele Themen sind, die Davies aufs Tapet
       bringt, ist nicht unberechtigt. Von Generationskonflikten innerhalb der
       queeren Community bis hin zu den Existenzängsten der britischen
       Arbeiterklasse werden allerlei große Diskurse aufgegriffen, es geht um
       Pronomen und um [4][Terfs], aber auch um den Brexit und den Coronalockdown.
       
       ## Sichtbarkeit macht auch angreifbar
       
       Alles hängt miteinander zusammen, wenn es um den immer eklatanteren Riss
       geht, der sich heute, begleitet von einem zusehends verschärften Tonfall,
       durch unsere Gesellschaft zieht, lautet das Fazit der Serie. Was nicht
       heißt, dass mancher Nebenschauplatz wie etwas Leos inzwischen mit einer
       Frau liierte Ex-Mann nicht doch verzichtbar gewesen wäre.
       
       „Tip Toe“ ist ebenso spannender Thriller (nicht trotz, sondern gerade wegen
       des vorweggenommenen Endes) wie eindringliches Drama, aber eben auch als
       mahnende Warnung zu verstehen. Manch mitunter pamphletartigem Dialogsatz
       zum Trotz: Dass er allgemeingültige Antworten oder Lösungsansätze zu bieten
       habe, gibt Davies nie vor.
       
       „Früher dachte ich immer, Sichtbarkeit sei für die LGBTQ-Community der
       Schlüssel. Nach dem Motto: Je präsenter wir sind, desto weniger kann man
       uns unsere Rechte vorenthalten“, konstatiert er einigermaßen ratlos. „Heute
       ist unsere Sichtbarkeit so groß wie nie – und zumindest in den sozialen
       Netzwerken das, was am meisten gegen uns verwendet wird. Je sichtbarer wir
       uns aktuell machen, desto angreifbarer werden wir auch.“
       
       Nur in einem ist er sich sicher und dabei ganz auf der Linie von Leos
       Stammgast Melba: „Ich habe es schon 1999 mit Blick auf meine Arbeit bei
       ‚Queer As Folk‘ gesagt, heute gilt es mehr denn je: Offensiv und
       selbstverständlich queer zu sein ist ein politischer Akt!“
       
       14 Aug 2026
       
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