# taz.de -- Schutz vor Unwettern: Wie Städte klimaresilienter werden können
       
       > Es gibt Lösungen, Städte resilient gegen Unwetter infolge der globalen
       > Erwärmung zu machen – zum Beispiel in Kopenhagen, Amsterdam und New York.
       
 (IMG) Bild: New York City: Es geht darum, Städte vor den Unwettern zu schützen, ohne sie wie eine apokalyptische Festung zu verbarrikadieren
       
       Es brennt in diesem Sommer. Rund um die südfranzösische Großstadt Bordeaux
       standen vor kurzem die Wälder in Flammen. Zu lang war es dort zu heiß und
       zu trocken, wie an vielen Orten Südwesteuropas. Küsten- und Flussmetropolen
       wiederum drohen jetzt Wasserfluten.
       
       Aber wie können Städte die vom Klimawandel aufgewühlten, extremen
       Wetterlagen überhaupt auffangen? Die Frage beschäftigt derzeit Planung,
       Politik und Forschung – Stichwort „resiliente Stadt“. Es geht darum, Städte
       vor den Unwettern zu schützen, ohne sie wie eine apokalyptische Festung zu
       verbarrikadieren. Und zumindest dort, wo Wasserfluten drohen, zeigt sich,
       dass die Stadtplanung dafür nicht gegen die klimagewandelte Natur arbeiten
       sollte, sondern mit ihr.
       
       Entscheidend für ein breiteres, öffentliches Umdenken im Sinne der
       klimaresilienten Stadt war das Jahr 2012. Das zweite Mal innerhalb von
       sieben Jahren hatte damals gerade ein [1][Hurrikan zunächst New Orleans]
       und dann New York verwüstet. Nach Hurrikan „Katrina“ von 2005 vertraute man
       noch auf traditionelle Schutzmaßnahmen und errichtete in New Orleans hohe
       Dämme, obwohl viele Experten an ihrer Wirksamkeit zweifelten.
       
       ## Naherholungsgebiet beim East River Park
       
       Nach Hurrikan „Sandy“ aber, sieben Jahre später, leitete Präsident Obama
       die Trendwende ein. Daran [2][erinnert sich auch der Niederländer Henk
       Ovink], seinerzeit führender Berater der Hurricane Sandy Rebuilding Task
       Force, in einem Interview mit dem Deutschlandfunk (DLF). „Hurrikan ‚Sandy‘
       bewies, dass der Klimawandel real ist und ganze Städte und Regionen
       bedroht, auch in den Vereinigten Staaten. Obama drang auf neue Lösungen für
       die Zeit vor dem nächsten Sturm.“
       
       Das 2013 beschlossene Regierungsprogramm „Hurricane Sandy. Rebuilding
       Strategy – Stronger Communities, a Resilient Region“ brachte den Wandel.
       Henk Ovink leitete das „Rebuild by Design“-Programm und schrieb für New
       York einen Architekturwettbewerb aus. Ein Jahr später kam das Kopenhagener
       BIG-Team um Bjarke Ingels zum Zuge und stellte seine Vision eines „Big U“
       vor, einer U-förmigen Umschließung von Manhattan.
       
       Kai-Uwe Bergmann, der deutsche Projektleiter, erklärte ebenfalls dem DLF:
       „Die nach Hurricane ‚Katrina‘ gebauten Dämme tragen dazu bei, Stadt und
       Meer voneinander abzuschotten. In Manhattan dagegen wollen wir den gleichen
       Schutz ohne trennende Mauern erreichen. Uns geht es darum, die städtischen
       Einrichtungen vor Überschwemmungen zu schützen, die Küste für die Menschen
       attraktiver zu gestalten. Das nennen wir ‚soziale Infrastruktur‘ –
       Infrastruktur zum Wohle der Stadtbewohner.“
       
       Kürzlich, mehr als zehn Jahre nach Hurrikan „Sandy“, konnte ein wichtiges
       Teilstück [3][des BIG U am East River] fertiggestellt werden. Für den jetzt
       entstandenen East River Park, an dem 110.000 New Yorker leben, entwarfen
       Bergmann und sein Team eine grüne, terrassenförmige Böschung, die als
       Naherholungsgebiet dient: Mit Fußgänger- und Radwegen, mit Spiel- und
       Sportplätzen, mit Restaurants und Kultureinrichtungen. Die öffentlichen
       Gebäude wurden so ertüchtigt, dass bei Sturmwarnungen automatisch
       Schutzabsperrungen heruntergelassen werden, die fugendicht abschließen.
       
       Es handelt sich um Klimaschutzmaßnahmen, die in den Niederlanden und in
       Dänemark längst als Standard gelten. Das beweist [4][etwa der neue
       Kopenhagener Park] Grønningen-Bispeparken, nördlich von BIGs sehr populärem
       Superkilen-Park mit seinem bunten Stadtmobiliar, vom marokkanischen Brunnen
       bis zur chinesischen Palme. Entworfen wurde er von SLA, einem der führenden
       Landschaftsarchitekten-Teams in Dänemark. Die sich zwischen traditionellen
       Häuserzeilen erstreckende Grünanlage kann bis zu 3.000 Kubikmeter
       Regenwasser aufnehmen.
       
       Wie gut die Anwohner jetzt gegen überschwemmte Keller und Wohnungen
       gewappnet sind, bewies ein schwerer Sturm kurz nach Eröffnung des
       Grønningen-Bispeparken. Eigens für Starkregen-Ereignisse ausgewählte
       Pflanzen, Bäume und grüne Regenwassersenken leiteten das Wasser ab und
       verwandelten ihn in ein üppig blühendes Gartenreich.
       
       Natürlich geht es nicht darum, nur Kopenhagen resilienter zu machen. An der
       gesamten dänischen Küste finden sich unterschiedlichste Orte, [5][die sich
       der sponge city verschrieben haben]. Beispielsweise der ehemalige
       Industriehafen von Køge südlich von Kopenhagen. Die am Øresund gelegene
       Kommune gehört zu den am stärksten von Überschwemmungen betroffenen
       Gebieten in Dänemark.
       
       SLA verwandelte einen 15 Hektar großen Küstenabschnitt, der bislang von der
       Ortschaft abgeschnitten war: durch Anpflanzung von Bäumen, Stauden und
       Gräsern, eine 1,4 Kilometer lange Uferpromenade, eine als
       Überschwemmungszone und Deich dienende Graslandschaft, schließlich durch
       ein Wegesystem für abfließendes Wasser sowie halb öffentliche
       Gemeinschaftsflächen. Tobias Theill Konishi, Projektleiter in Køge,
       kommentiert im taz-Gespräch: „Wenn wir das Projekt 2030 abgeschlossen
       haben, ist die Stadt nicht mehr vom Meer abgetrennt, sondern wesentlich
       besser mit der Küste verbunden.“
       
       ## Niederländische Vorbilder
       
       Das dänische Klimamanagement hat maßgeblich von den Niederländern
       profitiert, denen der Kampf gegen Überflutungen in die Gene eingeschrieben
       ist. Dabei ist nicht zufällig, dass internationale Experten wie die
       Niederländer Henk Ovink, das Office for Metropolitan Architecture (OMA)
       oder die Dänen von der Bjarke Ingels Group nun die resilient cities an der
       amerikanischen Ostküste errichten.
       
       Auch das niederländische Kampen ist mittlerweile stark von Flutkatastrophen
       bedroht. Die mittelgroße Stadt ist umgeben von den Gewässern des
       Ijsselmeers und der Ijssel. Sie gehört zu den 26 Prozent der Niederlande,
       die unterhalb des Meeresspiegels liegen. Wenngleich die Kampener um das
       permanente Risiko wissen, das sich durch zunehmenden Starkregen und
       anschwellenden Meeresspiegel verstärken wird, lehnen sie sich entspannt
       zurück und stimmen in die holländische Redensart ein: „Gott hat die Welt,
       aber die Holländer haben die Niederlande geschaffen.“ In Kampen denkt man
       radikal um und baut Uferzonen nicht weiter zu Forts aus. „Weil wir mit dem
       Wasser leben, lautet unsere Grundeinstellung: Nicht das Wasser bekämpfen,
       sondern es umfangen“, meint Wasserexperte Henk Ovink.
       
       ## Städtisches Leben im Ausgleich mit dem Wasser
       
       Wie sich das neue Denken auswirkt, erläutert Hydroingenieur Stan Vergeer im
       taz-Gespräch. Die Wasserläufe südwestlich von Kampen bilden eine
       beeindruckende Landschaft, die sich aus den Ausläufern des Ijsselmeers und
       einem renaturierten Arm der Ijssel speist. An den Ufern erstrecken sich
       weite Flutungsräume. Ausgerechnet hier, erzählt Vergeer, plant man den Bau
       von Reevedelta, einer Gemeinde ohne Schutzwälle: „Die Siedlung ist zwar von
       Wasser umgeben, aber durch die Flutungszonen resilient. Wir bauen hier
       3.200 Wohneinheiten für 8.000 Menschen und beweisen, dass städtisches Leben
       im Ausgleich mit Wasser sehr gut möglich ist.“
       
       Das Areal gehört zu den 500.000 Hektar Land, die die Regierung im „Room for
       the River“-Programm als Überschwemmungsgebiet ausgewiesen hat, um besser
       mit den Folgen des Klimawandels umgehen zu können – dem steigenden
       Meeresspiegel und dem sinkenden Bodenniveau, entstanden durch die
       Trockenlegung der Polder für die Landwirtschaft.
       
       Am deutlichsten wird der Sinneswandel in Amsterdam-Noord, wo sich in den
       vergangenen Jahren das Shell-Areal am Ij in eine Post-Oil-City verwandelte,
       mit modernen Zeilenbauten und viel Grün in den Zwischenräumen. Für
       Jahrzehnte war der Stadtteil nördlich des Ij eine „verbotene Stadt“, doch
       mittlerweile wandelt sich das flussnahe Viertel, zu dem auch das
       spektakuläre Filmmuseum Eye gehört, zu einem regelrechten Boomtown, die die
       Regeln der Schwammstadt konsequent umsetzt.
       
       ## Barcelonas neuer Ökodistrikt
       
       Das Konzept der [6][klimagerechten Stadterweiterung hat auch die
       mediterrane Metropole Barcelona] beherzigt. Einst waren die natürlichen
       Stadtgrenzen, der Rio Llobregat im Süden und der Rio Besòs im Norden
       veritable Industriekloaken. Doch nach dem Plan de Barris der früheren
       Bürgermeisterin Ada Colau wurden die Flüsse in ein grünes Erholungsgebiet
       mit parkähnlichen Zügen eingebunden. Das Flussufer wandelte sich in ein
       beliebtes Naherholungsgebiet für Jogger, Radfahrer und Spaziergänger.
       
       Dabei reiben sich noch immer viele die Augen, wenn sie plötzlich problemlos
       bis zum Grund des Rio Besòs blicken können. Maßgeblich profitiert haben
       davon die angrenzenden Viertel Bon Pastor und Sant Andreu, die einstigen
       Armenhäuser der Metropole. Die ökologische Offensive, gepaart mit einer
       Wohnraumoffensive, führte dazu, dass es zwischen den Häuserzeilen grünt und
       blüht. Geplant ist in dem neuen „Ökodistrikt“ eine fußgängergerechte Stadt
       mit nachhaltigen Mobilitätsangeboten sowie 1.300 Wohneinheiten, von denen
       40 Prozent preisgedämpft sind.
       
       Barcelona, das vor nicht langer Zeit über zu wenig schattige Grünflächen
       verfügte, dürfte ausgerechnet in den Randzonen zum ökologischen
       Transformationsmotor werden. Sie setzen nicht nur der Wasserflut, sondern
       auch den jetzigen Hitzewellen viel entgegen.
       
       10 Aug 2026
       
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