# taz.de -- Kommunalwahlkampf in Niedersachsen: Kleinkunst, Käse, Cancel-Culture
> In Garbsen gibt es einen Skandal, weil ein Comedian von der städtischen
> „Kultour“ ausgeladen wurde. Er hatte zuvor den Bürgermeister verspottet.
(IMG) Bild: Wenn Niedersachsens Landesregierung zum Sommerfest lädt: 2024 durfte Garbsens Bürgermeister Claudio Provenzano (2. v. r.) aufs Foto
Der [1][Kommunalwahlkampf in Niedersachsen] tritt in die heiße Phase ein
und in Garbsen (das ist da, wo die Hannover Stadtbahnlinie mit der Nummer 4
endet) treibt er gerade ein paar besonders unterhaltsame Blüten.
Die Vorgeschichte beginnt schon im Jahr 2021. Damals kandidierte hier
Claudio Provenzano (SPD) zum ersten Mal als Bürgermeister, und zwar mit
Erfolg. In der Stichwahl gelang es ihm, seinen Mitbewerber von der CDU
auszustechen und damit den Posten für die SPD zurückzuerobern.
Seine Kampagne war, nun ja, auf sehr sozialdemokratische Art und Weise
ambitioniert. Der ehemalige leitende Angestellte bei VW Nutzfahrzeuge
präsentierte sich meist im dunkelblauen Anzug und weißem Hemd – manchmal
ohne Krawatte, mit hochgekrempelten Ärmeln oder dem Jackett über der
Schulter.
Die gesamte Ästhetik erinnerte vage an Obama, bevor er grau wurde – nur
eben in der Garbsener Variante. Wenn ich mich recht erinnere, gab es sogar
ein [2][Pop-Art-Motiv – auch das war zuletzt im Obama-Wahlkampf 2008]
aufregend und cool.
Zentraler Slogan war „Machen wird mehr möglich machen“. Der aktuelle lautet
„Machen. Machen. Weitermachen.“ Nun sind solche Wahlkampagnen halt eh ein
sehr undankbares Genre, vor allem in der Provinz. Sie wirken entweder
bieder und langweilig oder überkandidelt und dazwischen gibt es nicht viel.
Auftritt: [3][Dittmar Bachmann]. Der Comedian war früher mal mit Oliver
Pocher unterwegs, hat jetzt aber eher in Garbsen, Wunstorf und Hambühren
seine Fanbase.
## Nicht komisch, weil die Fallhöhe fehlt
In einem Video, das Bachmann über seine Social-Media-Kanäle streut, macht
er sich über Wahlwerbespots von Provenzano lustig – im Stil der legendären
Sendung „Kalkofes Mattscheibe“, nur nicht ganz so brillant. Er lästert
dabei vor allem über die aufgesetzt und pathetisch wirkende Körpersprache
Provenzanos in dem Spot, verballhornt seinen Namen zu Parmesano und zieht
über die unbeholfenen Testimonials seiner Unterstützern her – inklusive
Mafia-Anspielung beziehungsweise Der-Pate-Persiflage. Nun ja.
Das ist alles schon deshalb nicht so brüllend komisch, weil halt leider die
Fallhöhe fehlt. Das Werbevideo an sich ist schon so unfreiwillig komisch
und cringe, dass man eigentlich nicht unbedingt jemanden braucht, der
komische Perücken überzieht und einem aufgeregt in die Kamera krähend
erklärt, warum das so ist. Aber gut, letztlich Geschmackssache.
Ursprünglich war Bachmann – trotz des Videos – für mehrere Auftritte bei
der städtischen „Kultour“ angefragt worden. Einem Format, bei dem mehrere
Künstler in verschiedenen Ortsteilen spielen und das Publikum von Bühne zu
Bühne tourt.
Doch kurz bevor der Vertrag fertig ist, wird Bachmann mit ein paar sehr
fadenscheinigen Ausreden wieder ausgeladen. Der vermutete schon damals den
Bürgermeister dahinter und tut das in einem offenen Brief in der
Lokalpresse auch kund.
Und Bachmann erwies sich als einigermaßen nachtragend. Im November 2025
kündigte er plötzlich an, nun selbst als Bürgermeister kandidieren zu
wollen – unter anderem mit einem Musikvideo, in dem er aus [4][Rio Reisers
„König von Deutschland“], den „König von Garbsen“ macht.
Sieben Monate später zieht er seine Kandidatur allerdings schon wieder
zurück. Die originelle Begründung: Er hätte unterschätzt, wie viel Geld und
Manpower für so einen Wahlkampf nötig sind. Immer noch besser, als wenn er
erst im Rathaus gemerkt hätte, wie viel Arbeit die Führung einer
600-köpfigen Verwaltung macht.
Stadt log bei der Ausladung tatsächlich
Aus genau dieser Verwaltung werden dem Comedian nun aber – mit vier Jahren
Verspätung, pünktlich zur heißen Wahlkampfphase – Dokumente zugespielt, die
belegen, dass die Stadt bei der Ausladung tatsächlich gelogen hat – und
zwar nicht nur Bachmann, sondern auch der Öffentlichkeit gegenüber.
Allerdings fehlt weiter ein Beleg dafür, dass der Bürgermeister selbst dies
angewiesen hat. Die CDU, der das hervorragend in den Kram passt, springt
sofort auf diesen Zug auf und beantragt eine Sondersitzung des Rates. Die
lief bei Redaktionsschluss noch. Aber man muss kein Prophet sein, um
festzustellen, dass der verhinderte Kandidat Bachmann zumindest ein
Wahlversprechen locker gehalten hat: „Mit mir würde nicht alles besser,
aber auf jeden Fall unterhaltsamer“, sagte er dem lokalen Anzeigenblatt.
Update des Textes: In der erwähnten Sondersitzung des Rates hat
Bürgermeister Claudio Provenzano (SPD) die Verantwortung für die Ausladung
übernommen. Er begründete dies vor allem damit, dass er nicht nur sich,
sondern vor allem städtische Mitarbeiter habe schützen wollen. Der Comedian
habe schon 2015 – also lange vor Provenzanos Amtszeit – eine Mitarbeiterin,
die es gewagt hatte, ihm einen Strafzettel auszustellen, in einem Video
aufs Übelste beschimpft und beleidigt. Damals habe die Stadt auch Anzeige
erstattet. Das Verfahren wurde gegen eine Geldauflage eingestellt. Der
Antrag der CDU, die Ratsversammlung möge das Verhalten des Bürgermeisters
und seines Pressesprechers öffentlich missbilligen, wurde mit knapper
Mehrheit abgelehnt.
13 Aug 2026
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