# taz.de -- Roman „Verlorene Schäfchen“: Gott und der freie Markt
> Gelungene US-Komödie: In Madeline Cashs Debütroman lauert hinter jedem
> Witz eine Kränkung. Und hinter jeder Kränkung eine Sehnsucht.
(IMG) Bild: Schreibt klar und unprätentiös, aber mit einem feinen Gespür für absurde Details und soziale Dynamiken: Madeline Cash
Familie Flynn steckt in einer Krise. Keiner monumentalen, eher einer, die
aus der Banalität des Lebens heraus entsteht. Mutter Catherine versucht,
durch ein „Arrangement“ ihre Ehe vor dem Verfall zu retten, dessen Vorzüge
Vater Bud nach anfänglicher Skepsis mit der Leiterin seiner
Selbsthilfegruppe genießt, während seine Frau erst einmal auf sich gestellt
bleibt.
Die drei Töchter Abigail, Louise und Harper navigieren derweil auf ihre je
eigene Art durch das Chaos: Abigail, die Schönheit der Familie mit einer
Vorliebe für fragwürdige Männerbekanntschaften; Louise, das ewige
Mittelkind, das sich online in gefährliche Gefilde verirrt; und Harper, das
Wunderkind, das sechs Sprachen spricht, sich aber zu Tode langweilt.
Madeline Cashs „Verlorene Schäfchen“ ist eine dieser seltenen Komödien, bei
der man lacht und gleichzeitig bangt, da sie so nah an der Wirklichkeit
kratzt. Im englischsprachigen Raum scheint man sich aktuell auf Cash
einigen zu können: Sowohl im New Yorker, im Guardian als auch im Interview
Magazine wird der Debütroman gelobt.
In der liebevollen Präzision, mit der Cash ihre Figuren beschreibt,
erinnert sie an John Irving und [1][Meg Wolitzer:] Wie Irving schreibt die
1996 in Kalifornien geborene Autorin ohne zu beschönigen: Ihre Figuren
müssen nicht liebenswert sein – sie müssen wahrhaftig sein. Mit Wolitzer
verbindet Cash, wie sie in scheinbar beiläufigen Details das Innenleben
einer Person freizulegen vermag. Wenn Louise als „in einem Gefängnis ihrer
eigenen Mittelmäßigkeit“ gefangen beschrieben wird, dann lacht man – und
erkennt gleichzeitig jemanden wieder.
## Ein milliardenschwerer Longevity-Jünger
Im Mittelpunkt steht nicht nur die dysfunktionale Familie Flynn, sondern
auch die kleine amerikanische Stadt, in der sie lebt, umgeben von
„Reklametafeln für Mormonentempel […], Plakatwänden, die vor häuslicher
Gewalt warnen und zu Casino-Buffets“ einladen. Regiert wird diese sonst
eher langweilige Kleinstadt von Paul Alabaster, einem selbstverliebten
Milliardär und Reeder, der Gott und den freien Markt für dasselbe hält und
sich, ohne, dass er als solcher benannt würde, dem Longevity-Trend hingibt.
Ihm gegenüber steht Miss Winkle, die Leiterin der dem Buch seinen Titel
gebenden Selbsthilfegruppe und Buds Geliebte: eine Figur von fast schon
altmodischer Güte. Während alle anderen nach Orientierung suchen, hat sie
sie schon gefunden.
Und dann gibt es noch Tibet, Abigails beste Freundin und eingefleischte
Verschwörungstheoretikerin, die den anderen Figuren in der zweiten Hälfte
des Romans beinahe die Show stiehlt. Sie ist davon überzeugt, dass
Alabasters Gier nach ewiger Jugend ihn zu einem vampirartigen Bluttrinker
macht. In einer Zeit, in der Verschwörungstheorien und Wirklichkeit
manchmal nur schwer auseinanderzuhalten sind, fragt Cash, was es überhaupt
noch bedeutet, die Wahrheit zu kennen. Das klingt nach viel, was da auf
knapp 300 Seiten verhandelt wird. Ist es auch. Aber Cash trägt das leicht.
Beinahe kippt der Roman zwischenzeitlich in einen Thriller über, fängt sich
jedoch rechtzeitig, um dem eigentlichen Zentrum der Geschichte Raum zu
geben: den Beziehungen zwischen seinen Figuren. Zum Glück, denn diese
tragen, was an Handlung zeitweise allzu abstrus wirkt. Statt für den großen
gesellschaftlichen Befund interessiert sich Cash dann doch mehr für die
Einsamkeit ihrer Charaktere, für deren Wunsch, gesehen und geliebt zu
werden oder wenigstens irgendeine Form von Bedeutung zu erlangen.
## Gespür für absurde Details
Dabei verliert die Autorin nie das Gespür für Tempo und Komik. Ihre Dialoge
sind pointiert, ohne geschniegelt zu wirken, ihre Beobachtungen präzise.
Immer wieder kippen Szenen unvermittelt vom Komischen ins Traurige und
zurück – etwa wenn Bud versucht, in der Selbsthilfegruppe eine Form von
spiritueller Erneuerung zu finden, dabei aber vor allem seine eigene
Mittelmäßigkeit offenbart. Oder wenn Harper, die allen intellektuell
überlegen scheint, an einer Welt verzweifelt, die ihr nichts Überraschendes
mehr zu bieten hat.
Dass der Roman leichtfüßig bleibt, liegt auch an Cashs Sprache. Sie
schreibt klar und unprätentiös, aber mit einem feinen Gespür für absurde
Details und soziale Dynamiken. Über Catherine und Bud heißt es etwa: „Die
Liebe, die sie einst verbunden hatte, fühlte sich fern und ungreifbar an.
[…] In der Küche gingen sie häufig aneinander vorbei wie Fremde im
Einkaufszentrum.“ Hinter jedem Witz lauert eine kleine Kränkung, hinter
jeder Kränkung eine Sehnsucht nach Nähe oder Bedeutung. „Verlorene
Schäfchen“ ist deshalb nicht nur ein Familienroman oder eine
Gesellschaftssatire, sondern auch ein Buch über die verzweifelte Hoffnung,
im Chaos des eigenen Lebens doch noch so etwas wie Sinn zu finden.
14 Jul 2026
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