# taz.de -- Typologie der Buchkäufer*innen: Sag mir, was du liest
       
       > Sommerzeit ist Bücherzeit. Unsere Autorin arbeitet als Buchhändlerin –
       > und hat über die Jahre ganz verschiedene Lesende kennengelernt.
       
       Eine Stimme reißt mich aus den Welten der frisch eingetroffenen Bücher, in
       denen ich seit einer halben Stunde blättere. Ich war so vertieft, dass ich
       die Kundin nicht gehört habe, als sie die Tür öffnete. Sie ist eine der
       wenigen Menschen, die an diesem heißen Samstagnachmittag in die
       Buchhandlung kommen und die alle dasselbe sagen: „Kühl hier.“ Wenn es
       draußen nicht 34 Grad hätte, wäre mehr los, dann könnte ich nicht so lange
       in einer dunklen Ecke sitzen und lesen – außer vielleicht im Winter bei
       minus 15 Grad und Schneesturm. Dann würden die Leute beim Reinkommen
       wahrscheinlich sagen: „Warm hier.“
       
       An normalen Tagen passiert es leider ziemlich selten, dass ich viel Zeit
       zum Lesen habe. Jedenfalls nicht so oft, wie ich es mir vorgestellt hatte,
       als ich schon als Teenagerin davon träumte, Buchhändlerin zu sein. Vor
       meinem inneren Auge sah ich mich auf einer Fensterbank liegen, mit einer
       Tasse Kaffee in der einen Hand und einem offenen Buch in der anderen. Um
       mich herum Büchertürme und eine in der Sonne schlafende Katze.
       
       Ein ähnliches Bild scheinen viele Kund*innen im Kopf zu haben, wenn sie an
       diesen Beruf denken. Oft höre ich Sprüche wie: „Schön, den ganzen Tag lesen
       und so …“. „Schön wäre es“, denke ich, nicke aber nur, denn ich möchte ihre
       Fantasie nicht zerstören.
       
       Umgekehrt romantisiere ich sie als Lesende. Ich ordne sie alle der
       selbsterfundenen Kategorie der Genussleser*innen zu und, weil ich von ihnen
       gelernt habe, dass „jedes Wetter Lesewetter ist“, stelle ich sie mir lesend
       in jeder Lebenslage vor: am Kaminfeuer, mit den Füßen im See oder an einem
       regnerischen Tag in einem Café. Als müsste niemand von ihnen arbeiten, als
       hätten sie keine Sorgen oder als wollten sie in ihrer Freizeit nichts
       anderes tun als zu lesen.
       
       Dabei gibt es genauso viele Arten von Leser*innen und Buchkäufer*innen wie
       Bücher, Buchläden und Buchhändler*innen. Einige der prägnantesten Typen
       habe ich nach Jahren intensiver Beobachtung in zwei Buchhandlungen
       folgendermaßen kategorisiert:
       
       Die Ernsten
       
       Sie lieben die bunten Bände der Edition-[1][Suhrkamp]-Reihe zu politischer
       Bildung, linker Theorie, Philosophie und literarischen Debatten. Sie
       bleiben an den Sachbuchtischen und -regalen, setzen ihre Brille auf, machen
       handschriftliche Notizen und brauchen fast nie Tipps oder Hilfe. Sie wissen
       immer genau, was sie wollen. Am Ende kommen sie mit ihrem Bücherstapel zur
       Kasse: „Die“, sagen sie, und fragen nach der Quittung. Sie sind nett, aber
       distanziert. Sie unterhalten sich nur so viel wie nötig. Manche kommen
       direkt mit einem Zeitungsausschnitt in der Hand zur Kasse und sagen: „Ich
       möchte das.“ Oder ohne Zeitung: „Ich hätte gerne [2][das neue Buch von
       Illies].“ Die Romanabteilung besuchen sie normalerweise nicht.
       
       Die Wiederlesenden
       
       „Jetzt habe ich Urlaub und kann endlich wieder lesen“, ist einer der Sätze,
       die ich in dieser Jahreszeit am häufigsten höre. Genauso wie: „Bitte etwas
       Leichtes, Fröhliches, ohne allzu viele Tiefschläge.“ Ich empfehle dann oft
       außergewöhnliche Liebesgeschichten wie [3][„Jahre mit Martha“ von Martin
       Kordić], unterhaltsame Bücher wie [4][„Iowa“ von Stefanie Sargnagel] oder
       kluge, absurde Geschichten wie [5][„Auf allen vieren“ von Miranda July].
       
       Einige Kund*innen lesen im Alltag weniger, weil sie zu viel arbeiten
       müssen, erzählen sie mir. Andere geben zu, zu viele Stunden mit dem Handy,
       auf Instagram oder in den sozialen Medien zu verbringen. Wieder andere
       haben stapelweise Bücher zu Hause. Sie fangen eines an, kommen nicht
       weiter, kaufen ein neues. Aus verschiedenen Gründen verspüren sie alle
       denselben Wunsch: wieder in die Welten der Bücher einzutauchen und so auf
       dem Balkon oder am Strand für eine Weile ihren Realitäten zu entfliehen.
       
       Die Tourist*innen
       
       Mit grünen Getränken in der Hand kommen sie herein: sehr junge Menschen in
       kleinen Gruppen. Sie tragen einen langen Rock über einer breiten Hose und
       Crocs, unterhalten sich auf Englisch und hören auch beim Betreten des
       Ladens nicht auf zu reden. Wenn ich „Hallo“ sage, bekomme ich irgendwann
       ein leises „Hi“ als Antwort. Oft setzt sich eine*r von ihnen in den Sessel
       und scrollt durch das Handy, während die anderen herumspazieren. Manchmal
       kommen sie nur kurz rein, und sind im nächsten Augenblick schon wieder
       verschwunden, als ob sie sich verirrt und gedacht haben, die Buchhandlung
       sei einer der vielen Secondhandläden der Straße. Oft vergessen sie, die Tür
       wieder zu schließen.
       
       Die Insta-Tiktok-Crew
       
       Ungefähr gleich alt wie die Tourist*innen, aber ohne Getränke, dafür in
       weißem Hemd und Schnürschuhen aus Leder, sind jene jungen Menschen, die
       sich erstaunlich gut mit Büchern – vor allem mit Sachbüchern – auskennen.
       Sie geben sich gegenseitig Tipps und erzählen, was sie darüber gehört,
       gelesen oder auf Instagram oder Tiktok gesehen haben. „Hey, hast du ‚Dieser
       Drang nach Härte‘ von Eva von Redecker schon gelesen?“ „Nein, noch nicht.
       Aber ich hab das andere von ihr gelesen, ‚Revolution für das Leben‘. Fand
       ich super.“
       
       Lange habe ich mich gefragt, woher dieses Interesse und das viele Wissen
       kommen. Dann erzählte mir jemand [6][von Booktok] und [7][Bookstagram], wo
       Bücher empfohlen, diskutiert und zu Trends gemacht werden. Dabei gehe es
       nicht nur, aber oft um Bücher, die große Emotionen auslösen, schön
       gestaltet sind und sich gut in Videos präsentieren lassen. Ich bewundere
       ihre Begeisterung, auch wenn sie mich oft gar nicht brauchen. Falls ich
       doch mal eine Empfehlung geben darf, antworten sie mit einem „Ja, safe,
       safe!“ auf jeden Vorschlag.
       
       Die Schenkenden
       
       Welche Menschen besonders oft mit Büchern beschenkt werden? Die Freundin,
       die fünfzig wird und „alles“ liest. Arbeitskolleg*innen, die den Job
       wechseln oder in Rente gehen. Das gerade eingeschulte Kind. Mit großem
       Abstand an der Spitze meiner ganz persönlichen Statistik stehen aber
       Mütter. Sie zufriedenzustellen, scheint eine Herausforderung zu sein.
       
       „Meine Mutti liest gern Klassiker“, fängt ein Kunde an. „Aber nicht
       Klassiker-Klassiker. Keinen Thomas Mann oder Max Frisch. Klassiker aus den
       70ern oder 80ern, von Autorinnen.“ Ich versuche es mit Elfriede Jelinek,
       Simone de Beauvoir oder Sylvia Plath. Überzeugt wirkt er aber nicht. Er
       müsse in sich gehen. Konkrete Beispiele für die Lieblingslektüre seiner
       Mutter habe er auch nicht parat.
       
       Ein anderer Kunde sagt: „Ich brauche eine Mutti für meine Mutti“, und
       bestellt ein Buch über Angela Merkel. Und eine Kundin meint, sie brauche
       ein Buch für ihre Mutter, die nach dreißig Jahren als Witwe zum ersten Mal
       wieder frisch verliebt sei. Die Geschichte berührt mich und ich will mehr
       wissen. „Sie hat ihn auf einer Reise kennengelernt und ist gerade zu ihm
       gezogen.“ Die Kundin entscheidet sich für Isabel Allende. Nicht, weil sie
       die Autorin besonders möge, aber diese komme aus Chile – dem Land, in dem
       ihre Mutter gerade mit ihrer neuen Liebe lebt. Außerdem gebe es bei Allende
       Kitsch und Epos, „was gerade gut zu meiner Mama passt“.
       
       Die Stammkund*innen
       
       Es gibt auch diejenigen, die alles kaufen, was wir im Schaufenster oder auf
       unserem Neuheitentisch präsentieren. Sie vertrauen blind unseren Tipps und
       sind immer auf dem neuesten Stand. Und es gibt jene, die es auf Titel
       abgesehen haben, die manchmal nicht einmal antiquarisch zu bekommen sind,
       oder die wir bei Universitätsverlagen außerhalb Europas bestellen müssen.
       Es gibt Mütter mit vielen Kindern, die regelmäßig unseren Pixi-Ständer
       plündern, Südostasienspezialist*innen, die jedes Jahr Zeit dort verbringen
       und Bücher zu den unterschiedlichsten Ländern und Themen suchen, Kund*innen
       mit einer Leidenschaft für Pädagogik oder Psychologie, für Punk oder für
       die DDR, Nachbar*innen und sogar einige tazler*innen.
       
       Manche unterhalten sich gern über Literatur und lassen sich beraten. Andere
       stöbern lieber stundenlang und lesen in aller Ruhe die ersten Seiten ihrer
       Vorauswahl auf einem Sessel neben der Lampe. Sie alle sind unterschiedlich.
       
       Was sie verbindet: Sie kommen immer wieder und bestellen und kaufen ihre
       Bücher lieber bei uns als bei Onlineplattformen. Sie sind Stammkund*innen –
       also das Herz jeder Buchhandlung. Ohne sie gäbe es kleine Buchhandlungen
       schon längst nicht mehr.
       
       Die Genießer*innen
       
       Und ja, auch wenn längst nicht alle Leser*innen zu dieser Kategorie gehören
       – es gibt sie natürlich auch. Eine Standardantwort auf meine Frage: „Soll
       ich es als Geschenk einpacken?“, lautet: „Es wird sofort gelesen.“ „Also to
       go“, sage ich, und die Kund*innen lachen. Oder: „Nein, danke, das ist für
       mich.“ Dann ziehe ich ein Ass aus dem Ärmel und biete an, das Buch trotzdem
       in Papier einzuschlagen. Die meisten lachen überrascht, winken dann aber
       ab: „Nein, danke, das ist Verschwendung“, oder: „Behalten Sie das schöne
       Papier lieber für andere.“
       
       Die Kundin, die ich nicht hereinkommen gehört hatte, reagiert auf mein „Ich
       kann das auch für dich einpacken“ mit einem Lächeln. Sie überlegt einen
       Moment lang. „Ja! Warum nicht?“, antwortet sie schließlich. Also packe ich
       das Buch besonders schön ein: mit Schleife, Lesezeichen und allem, was
       dazugehört. Sie bedankt sich und dreht sich auf dem Weg zur Tür noch ein
       paar Mal nach mir um. Das Buch hält sie fest an ihre Brust gedrückt, ihre
       Augen glänzen.
       
       25 Aug 2026
       
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