# taz.de -- Unfaire Handelspraktiken: Wenn der Preis nicht mal die Produktion deckt
       
       > Bäuer*innen weltweit können vom Verkauf ihrer Waren nicht leben.
       > Zivilorganisationen fordern ein Verbot von Dumpingpreisen.
       
 (IMG) Bild: Trocknende Kakaobohnen bei einem Anbaubetrieb in Ghana
       
       Nach dem Börsenboom von Kakao Ende 2024 kam der Crash. Von einem Rekordhoch
       von fast 13.000 US-Dollar für eine Tonne Kakaobohnen fiel der Preis bis
       Anfang 2026 auf 3.000 US-Dollar. Und während von dem Plus beim Höhenflug
       nur ein geringer Teil bei den Bäuer*innen angekommen war, spürten sie den
       Absturz umso mehr. Kakao-Bauer Stevis Owuso aus Berekum in Ghana [1][sagte
       der Ghana News Agency] im April, er könne seine Arztrechnungen nicht
       bezahlen, nicht mehr für den Unterhalt der Familie aufkommen und sich die
       Schulgebühren für seine Kinder nicht leisten.
       
       In Ghana regelt die staatliche Behörde Cocobod den Export. Sie soll die
       Preise stabilisieren, indem sie die Bohnen von den Bauern zu einem
       garantierten Preis abnimmt. Nach dem Crash blieb sie auf den teuren Bohnen
       sitzen und konnte die Bäuer*innen nicht auszahlen. Die Händler kauften
       den Kakao hingegen zu Preisen, die meist sogar [2][unter den
       Produktionskosten lagen].
       
       Ob Kakao aus Ghana, Baumwolle aus Indien oder Milch aus Deutschland – dass
       Bäuer*innen gezwungen sind, ihre Waren billiger zu verkaufen, als sie sie
       produziert haben, ist weltweit ein gängiges Problem. Während in der EU ein
       hochsubventioniertes System eingreift, dass [3][Marktkonzentration
       begünstigt] und zu Höfesterben führt, ist die Realität vieler Bäuer*innen
       im Globalen Süden ein Leben in Armut. Hinzu kommt: Sie haben wenig
       Spielraum, um den Ursachen von Ernteausfällen etwa durch Investitionen in
       Klimaanpassung entgegenzuwirken.
       
       ## Problem Konzentration
       
       Dabei geht es nicht nur um Nachfrage und Angebot. [4][Vergangene Krisen]
       haben gezeigt, dass eine hohe Marktkonzentration in vielen Bereichen zu
       einer Übermacht der Lebensmittelhersteller führt, die Profit aus den hohen
       Preisen schlagen – sei es infolge der Pandemie, Russlands Überfall auf die
       Ukraine oder zuletzt des Irankriegs.
       
       In Deutschland [5][kritisierte die Monopolkommission] vergangenes Jahr,
       dass während der Pandemie Abnehmerpreise geringer stiegen als
       Verbraucherpreise. Sie führte dies auch auf die Marktkonzentration zurück:
       Hier kontrollieren vier Unternehmensgruppen – Edeka, Rewe, Schwarz (Lidl)
       und Aldi – rund 85 Prozent des Marktes und damit die Preise.
       
       Mit dem [6][Agrarorganisationen-und-Lieferketten-Gesetz] gibt es seit 2021
       eine Regulierung, die unlautere Handelspraktiken verbieten soll, auch wenn
       sie Lieferanten aus Ländern außerhalb der EU betrifft. Das Gesetz setzt
       eine entsprechende Richtlinie der EU um und verbietet etwa verspätete
       Zahlungen oder kurzfristige Stornierungen.
       
       ## Zementierte Machtverhältnisse
       
       Aber bei der Umsetzung werden wieder die Abhängigkeitsverhältnisse
       deutlich. Lieferanten können Beschwerde beim Bundesanstalt für
       Landwirtschaft und Ernährung (BLE) einlegen. Seit 2021 sind 21 Beschwerden
       eingegangen – keine einzige von Lieferanten außerhalb der EU, teilt das BLE
       der taz mit. Im [7][Evaluierungsbericht 2025] begründet die Behörde die
       wenigen Beschwerden mit der „Sorge der betroffenen Lieferanten, dass sich
       eine Beschwerde bei der Durchsetzungsbehörde negativ auf ihre
       Lieferbeziehung auswirken könnte“. Viele zögen Beschwerden später zurück.
       
       Einige Umwelt- und Entwicklungsorganisationen, die Arbeitsgemeinschaft
       bäuerliche Landwirtschaft, die vor allem kleinere Höfe vertritt, sowie
       Handelsorganisationen für fairen Handel wie Fairtrade kritisieren eine
       entscheidende Lücke im Gesetz: [8][Sie fordern ein Verbot von Preisen unter
       Produktionskosten]. Der Vorstoß wird derzeit wieder stärker diskutiert,
       weil die EU-Kommission die Richtlinie zu unlauteren Handelspraktiken
       reformieren will. Die Erfahrungen bislang zeigen: Einzelne unfaire
       Geschäftspraktiken zu verbieten, reicht allein nicht aus, im Kern des
       Problems steht der Preis.
       
       „Landwirtinnen und Landwirte in Deutschland, Europa und weltweit müssen von
       ihrer Arbeit leben können“ und auch Landarbeiter*innen
       existenzsichernde Löhne zahlen, schreiben die Organisationen in einem
       Appell. Bäuer*innen müssten zudem in ihre Betriebe investieren können,
       „um nachhaltiger, produktiver und damit zukunftsfähig zu wirtschaften“.
       
       ## Vorreiter Spanien
       
       Auf eine [9][kleine Anfrage der Fraktion der Linken] hin verweist die
       Bundesregierung im Juli auf eine [10][Studie des Thünen-Instituts], die
       2023 „keinen nachweisbaren Nutzen für ein solches Verbot feststellen
       konnte“. Das Institut hatte darin das spanische und italienische Verbot des
       Einkaufs unterhalb der Produktionskosten untersucht. Die Bundesregierung
       folgt stattdessen den Forderungen der großen Verbände, die
       Verhandlungsposition der Erzeuger in der Wertschöpfungskette zu verbessern.
       
       Die konventionellen Landwirtschaftsverbände, etwa der Deutsche
       Bauernverband oder die Bundesvereinigung der deutschen
       Lebensmittelindustrie, [11][lehnen ein Verbot] als Eingriff in die
       „Preissetzungsfreiheit der Vertragsparteien“ ab. Sie fürchten unter anderem
       „erhebliche bürokratische und administrative Kosten“ und
       Wettbewerbsnachteile, wenn Produktionskosten offengelegt würden. Auch die
       Monopolkommission lehnte in ihrem Sondergutachten ein Verbot für
       Deutschland aus diesen Gründen ab.
       
       „Faire Erzeugerpreise sind die Voraussetzung für eine zukunftsfähige
       Landwirtschaft, hier wie weltweit“, hält Claudia Brück, Vorständin bei
       Fairtrade Deutschland dagegen.
       
       12 Aug 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://gna.org.gh/2026/04/government-isnt-sensitive-to-our-plight-visually-impaired-cocoa-farmer/
 (DIR) [2] /Kakao-Markt/!6155965
 (DIR) [3] /Landwirtschaft-im-Norden/!6199993
 (DIR) [4] https://www.imf.org/en/publications/wp/issues/2023/06/23/euro-area-inflation-after-the-pandemic-and-energy-shock-import-prices-profits-and-wages-534837
 (DIR) [5] /Warnung-der-Monopolkommission/!6131534
 (DIR) [6] https://www.gesetze-im-internet.de/agrarmsg/BJNR091710013.html
 (DIR) [7] https://www.ble.de/SharedDocs/Downloads/DE/Marktorganisation/Unlautere-Handelspraktiken/Taetigkeitsbericht_2025.pdf?__blob=publicationFile&v=2
 (DIR) [8] https://www.openpetition.de/petition/online/landwirtschaft-braucht-fairness
 (DIR) [9] https://dserver.bundestag.de/btd/21/071/2107134.pdf
 (DIR) [10] https://literatur.thuenen.de/digbib_extern/dn066667.pdf
 (DIR) [11] https://www.ernaehrungsindustrie.de/stellungnahme/evaluierung-der-utp-richtlinie-und-einfuehrung-eines-verbots-des-einkaufs-unter-produktionskosten/
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Leila van Rinsum
       
       ## TAGS
       
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