# taz.de -- Landwirtschaft im Norden: Wenn der Milchpreis fällt, bis der Bauer nicht mehr jammert
       
       > Molkereien zahlen aktuell so wenig Milchgeld wie seit Jahren nicht. Das
       > lässt die kleinen Höfe verschwinden und zwingt zur Automatisierung.
       
 (IMG) Bild: Heute sieht diese Kuh noch einen Bauern, morgen vielleicht schon einen Melkroboter
       
       Es sind idyllische Bilder, mit denen die Werbeabteilungen der Molkereien
       noch immer gerne für ihre Produkte werben: gesunde Kühe auf grünen Wiesen
       und familiengeführten Höfen, wo Kinder auch mal eine Kuh füttern dürfen.
       Doch wer die Stalltüren im Jahr 2026 öffnet, blickt in eine völlig andere
       Realität. Die Romantik hat den Kampf gegen die nackte Ökonomie längst
       verloren.
       
       „Wenn der Bauer aufhört zu jammern, dann wird’s gefährlich – dann stehen
       Leib, Seele und Hof auf dem Spiel“, sagt Milchviehhalter Peter Habbena aus
       Krummhörn. Soweit ist es bei dem Ostfriesen noch nicht. Er jammert noch und
       die aktuelle Milchpreisentwicklung gibt ihm allerhand Anlass dazu.
       
       Im ersten Quartal 2026 erhielten die Landwirte im Durchschnitt nur noch
       49,1 Cent je Kilogramm Milch. Das ist ein herber Rückschlag im Vergleich zu
       den 61,5 Cent, die noch im Vorjahr erzielt wurden. Bis zum Frühjahr 2026
       rutschte der Grundpreis im Bundesgebiet zeitweise auf gut 35 Cent ab.
       
       Für die Bauern bedeutet das den Ernstfall. Denn die Produktionskosten
       liegen laut Branchenangaben bei rund 44,45 Cent je Liter. Wer darunter
       ausbezahlt wird, macht unweigerlich Verlust. Haupttreiber dieses
       Preissturzes ist ein Überangebot: Seit dem Herbst 2025 erzeugen die Bauern
       rund sechs Prozent mehr Milch als im Vorjahr, auch begünstigt durch
       Verschiebungseffekte wie die Blauzungenkrankheit, durch die viele Kühe erst
       verspätet kalbten.
       
       ## Ein Konzern, keine Alternative
       
       Inmitten dieser volatilen Marktbedingungen vollzog sich ein
       Zusammenschluss, der den europäischen Milchmarkt erschüttert hat. Im Juni
       2025 gaben die Vertreterversammlungen der dänisch-schwedischen
       Genossenschaft Arla Foods und des deutschen Branchenprimus Deutsches
       Milchkontor (DMK) mit überwältigender Mehrheit [1][grünes Licht für eine
       Fusion]. Zum 1. Juni 2026 wurde der Deal nach der Freigabe durch die
       EU-Kommission offiziell vollzogen.
       
       Die Fusion stieß von Beginn an auf [2][Widerstand von Agrarverbänden] und
       Vertretern der bäuerlichen Landwirtschaft. Sie fürchten, dass die ohnehin
       schon eklatante Machtasymmetrie in der Lieferkette weiter zementiert wird,
       wie etwa Ottmar Ilchmann, niedersächsischer Landesvorsitzender der
       [3][Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL)] warnt. Aus zwei
       ohnehin schon gewaltigen Genossenschaften entstand so die Nummer eins im
       europäischen Milchgeschäft.
       
       Das fusionierte Schwergewicht firmiert unter dem Namen Arla, wird weiterhin
       genossenschaftlich geführt und hat seinen Hauptsitz im dänischen Viby.
       Während Marken wie Milram, Humana, Oldenburger und Alete erhalten bleiben,
       verschwindet der Name DMK.
       
       Auch Peter Habbena, der als Landesvorsitzender in Niedersachsen für den
       [4][Bundesverband Deutscher Milchviehhalter (BDM)] mit der taz spricht,
       sieht den Zusammenschluss kritisch. Er warnt vor den Folgen der
       schwindenden Konkurrenz: „Mit dieser Fusion wird den Erzeugern der größte
       Teil ihrer Verhandlungsmacht genommen.“
       
       Wenn sich die Monopolisierung in der Molkereibranche fortsetze, schwänden
       die Handlungsspielräume der Erzeuger drastisch. Wer mit den Konditionen
       eines marktbeherrschenden Konzerns unzufrieden sei, habe im Umkreis von 200
       Kilometern, in etwa der Grenze für einen wirtschaftlichen Milchtransport,
       kaum noch eine Alternative.
       
       Tatsächlich schrumpft die Zahl der Molkereien in Deutschland seit
       Jahrzehnten drastisch. Gab es zur Jahrtausendwende noch ein dichtes Netz
       regionaler Verarbeiter, hat sich deren Zahl bis heute fast halbiert.
       Besonders hart trifft es jene, die das Bild der norddeutschen
       Kulturlandschaft über Generationen geprägt haben: die kleineren und
       mittleren Betriebe.
       
       Gab es im Jahr 2010 in Deutschland noch rund 94.000 Milchviehbetriebe, so
       schrumpfte deren Zahl bis zum Jahr 2024 auf gerade noch 50.000 – ein
       Verlust von rund 47 Prozent in 14 Jahren.
       
       In dieser ausweglosen Lage verschwinden jedoch nicht nur die kleinen Höfe
       und damit auch ihre Stimme. Die verbleibenden Betriebe sind gezwungen, sich
       durch massive Investitionen zu vergrößern und durch Robotisierung und
       Automatisierung immer effektiver zu werden, um überhaupt noch eine
       Überlebenschance zu haben. Größere, automatisierte Ställe holen aus jeder
       einzelnen Kuh mehr Milch heraus, Melkroboter etwa ermöglichen häufigeres
       Melken und steigern so den Ertrag pro Tier.
       
       Diese Investitionen sind über Jahre auf Kredit finanziert. Die Raten laufen
       unabhängig vom Milchpreis weiter, und wer einmal in neue Ställe,
       Fütterungsanlagen und Milchkühltanks investiert hat, kann sich einen
       Ausstieg kaum noch leisten.
       
       ## Die Roboter im Stall
       
       Ilchmann bringt dieses Dilemma auf den Punkt. „Die Schulden zwingen zum
       Wachstum, das Wachstum zur Automatisierung. Aus dem Bauernhof wird ein
       durchgetakteter Betrieb mit Melkroboter, und die alten Strukturen im Norden
       verschwinden dabei.“
       
       Dass dieses System den Erzeugern am Ende kaum noch etwas übrig lässt, zeigt
       ein Blick auf die langfristige Preisentwicklung. Im Jahr 2014 kostete ein
       Liter Milch im Laden im Schnitt 70 Cent, wovon 40 Cent an die Bauern
       gingen. 2023 war der Ladenpreis im Supermarkt auf 1,05 Euro gestiegen –
       doch beim Bauern kamen weiterhin nur rund 40 Cent an.
       
       4 Aug 2026
       
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