# taz.de -- Getreideernte in Niedersachsen: Auf Dieselschock folgt Hitzeschock
       
       > Das Landvolk in Niedersachsen schlägt Alarm: Niedrige Getreidepreise und
       > steigende Produktionskosten führen zu Liquiditätsengpässen bei
       > Landwirten.
       
 (IMG) Bild: Hatten es dieses Jahr schwer: Getreideähren auf einem Feld im Landkreis Oldenburg
       
       Die Frühernte sei noch in Ordnung gewesen, sagt Landwirt Konrad Westphale.
       Doch bei der Späternte habe sich gezeigt, dass in manchen Regionen
       Niedersachsens bis zu 25 Prozent Ertrag fehlen. Die Trockenheit dieses Jahr
       habe den Pflanzen [1][mehr zugesetzt als erwartet]. Zusätzlich habe die
       Hitzewoche im Juni zu Notreifeprozessen geführt. Der Weizen habe deshalb an
       Qualität eingebüßt.
       
       Westphale ist Vorsitzender des Ausschusses für pflanzliche Erzeugnisse im
       Landvolk Niedersachsen und bewirtschaftet in einer Betriebsgemeinschaft mit
       drei weiteren Landwirten 450 Hektar im Hildesheimer Land. Ein noch größeres
       Problem als die Hitze seien die gestiegenen Lohn- und Materialkosten, sagt
       Westphale. Durch den Irankrieg seien die Energie- und Düngemittelpreise
       stark gestiegen. Besonders der Dieselpreis falle ins Gewicht: Aufgrund des
       hohen Dieselbedarfs beim Getreideanbau wirke sich der besonders auf die
       Produktionskosten aus. Dazu kämen aktuell niedrige Getreidepreise auf dem
       Weltmarkt.
       
       Also hat das Landvolk Niedersachsen Alarm geschlagen – ebenso wie der
       Bauernverband auf Bundesebene. Die aktuelle schlechte Getreideernte
       betrifft Landwirte in Niedersachsen allerdings besonders, weil in
       Niedersachsen nach Bayern bundesweit am meisten Getreide angebaut wird.
       Rund 5,8 Millionen Tonnen Getreide wurden 2025 in Niedersachsen geerntet.
       
       Schlechte Jahre aufgrund niedriger Preise oder geringer Ernten seien in der
       Landwirtschaft nichts Ungewöhnliches, sagt der Präsident des Landvolks
       Niedersachsen, Holger Hennies. Im Getreidebereich drohe das Problem
       chronisch zu werden. Die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Landwirtschaft
       habe in den letzten Jahren abgenommen. Neben steigenden Energie- und
       Düngekosten seien [2][Umweltschutzauflagen und Bürokratie ein
       Kostentreiber.]
       
       Also weniger Auflagen für Landwirte? Der Vorsitzende der
       Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) Niedersachsen, Ottmar
       Ilchmann, hält das für keine Lösung. Der Verband vertritt größtenteils
       Betriebe, die ökologisch wirtschaften. Weniger Auflagen würden darauf
       hinauslaufen, noch mehr und billiger zu produzieren, ohne das eigentliche
       Problem zu lösen. Das liegt für Ilchmann woanders: „Wir haben nicht die
       Möglichkeit, [3][steigende Preise weiterzugeben.“]
       
       „Landwirtschaftliche Betriebe haben nur geringen Einfluss auf die Preise,
       die vor allem am Weltmarkt bestimmt werden“, sagt auch Anne Margarian. Die
       Wirtschaftswissenschaftlerin arbeitet im Institut für Marktanalyse am
       Thünen-Institut in Braunschweig. Weil die Landwirtschaft auf kurzfristige
       Angebotsschwankungen kaum reagieren könne, schwankten auch Preise und
       Einkommen stark, so Margarian.
       
       ## Globale Zusammenhänge, regionale Lösungen
       
       Landvolk-Chef Hennies erwartet, dass die Getreidepreise ab Herbst steigen.
       Aber das Problem sei, dass viele Betriebe das Geld jetzt brauchen würden.
       Für die nächste Aussaat müssten die Landwirte jetzt Saatgut, Dünger und
       Diesel kaufen, sagt Landwirt Westphale.
       
       Deshalb fordern das Landvolk Niedersachsen und der Bauernverband eine
       Ausweitung von bestehenden Liquiditätshilfen für Bauern. Aktuell stellt die
       Landwirtschaftliche Rentenbank Sonderkredite zur Verfügung, um betroffenen
       Landwirten die Möglichkeit zu geben, auf steigende Preise zu warten.
       
       Außerdem fordern die Verbände, dass Landwirt:innen steuerfreie
       Risikorücklagen bilden dürfen. Auf lange Sicht müsse die Politik die hohen
       Produktionspreise angehen, die politisch getrieben seien, sagt Hennies.
       Eingriffe in den Markt dagegen lehnt der Verband ab: Langfristig würden
       diese zum Nachteil für die Bauern, sagt Hennies.
       
       Ottmar Ilchmann von der AbL hält solche Maßnahmen nicht für zielführend.
       Von der Politik erwarte er, dass sie die Marktposition der Landwirte
       verbessere: „Das würde uns in die Lage versetzen, die steigenden Kosten
       weiterzugeben.“ Dabei geht es ihm auch um Grundsätzliches. Landwirtschaft
       für den Weltmarkt im Tausch für Exportchancen zu öffnen, hält er für den
       [4][falschen Weg]. „Wir können die Standards nie so weit zurückfahren wie
       Länder im Globalen Süden.“
       
       Die Landwirtschaftliche Rentenbank erklärt auf Nachfrage der taz, dass sie
       die Einschätzung der Verbände zur schwierigen wirtschaftlichen Situation
       vieler Betriebe teile. Eine Ausweitung der Liquiditätshilfen werde derzeit
       geprüft.
       
       Landwirt Konrad Westphale blickt trotz der angespannten Lage optimistisch
       in die Zukunft. Die Getreideernte sei zwar abgeschlossen, doch die
       Landwirte hoffen, dass die Erlöse durch Kartoffeln, Zuckerrüben und Mais
       einen Ausgleich schaffen werden. Ihre Ernte stehe noch aus.
       
       9 Aug 2026
       
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