# taz.de -- Nachtzüge durch Europa: Eingehüllt in fremdes Bettzeug
       
       > Wenn man den Nachtzug inmitten der Dunkelheit wechseln muss, wird das
       > Fremde plötzlich hautnah.
       
       Das war aufregend! Wie so oft in den letzten Monaten saß ich neulich wieder
       im Nachtzug von Österreich nach Berlin. Diese Strecke habe ich in meinem
       Leben wohl schon Hunderte Male zurückgelegt, und meist trägt sie jene
       eigentümliche Romantik in sich, die dem Unspektakulären innewohnt – ruhig,
       gleichmäßig, fast schon vertraut. Meistens.
       
       Doch es gab auch Nächte, in denen mich der Schlaf abrupt verließ. Wie jenes
       eine Mal, als wir ohne rechte Erklärung aufgefordert wurden, den Zug zu
       verlassen, um mitten im winterlichen Tschechien in einen bereitstehenden
       Bus umzusteigen. Ich trug noch meinen Schlafanzug, warf nur hastig den
       dicken Wintermantel darüber, griff nach meinen Sachen und reihte mich in
       die verwirrte Menge ein, die in die Dunkelheit hinaus einem Bus
       entgegengelotst wurde.
       
       Auf meinem Handy verfolgte ich unsere Route, ohne zu wissen, wohin man uns
       eigentlich brachte. Es hatte etwas Gespenstisches. Am Ende bestiegen wir
       einen Zug, der, aus Berlin kommend, wegen einer gesperrten Strecke nicht
       hatte weiterfahren können. Eingehüllt in das bereits benutzte Bettzeug
       fremder Menschen, fuhren wir mit ebenjenem Zug wieder gen Berlin zurück –
       während die eigentlichen Fahrgäste unseren, aus Wien kommenden Zug
       bestiegen.
       
       Auch die Fahrt vor wenigen Tagen endete mit einem nächtlichen Umstieg,
       diesmal jedoch nur um einige Waggons versetzt. Die Klimaanlage war
       ausgefallen. Nach langem Gezeter der Reisenden und ratlosem Achselzucken
       des Bahnpersonals fiel schließlich die Entscheidung: Eine Weiterfahrt bei
       35 Grad ohne Kühlung sei zu riskant. Also schnürten wir unsere Sachen samt
       Bettzeug und wechselten den Wagen: ein stiller Abstieg vom Liege- zum
       Sitzplatz. Kaum hatten wir uns dort eingerichtet, hieß es plötzlich, die
       Klimaanlage funktioniere nun doch wieder. Ob sie aber halten würde, blieb
       ungewiss – und mit ihr die bange Frage, ob uns nicht bald ein weiterer
       Umzug bevorstünde.
       
       12 Aug 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Sophia Zessnik
       
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