# taz.de -- Stuttgarter Ausstellung „Das kalte Herz“: Hauffs Märchen in die Gegenwart geholt
> Das Kunstmuseum Stuttgart deutet Wilhelm Hauffs Erzählung „Das kalte
> Herz“ mit Gegenwartskunst. Zentral sind Fragen nach Identität und
> Zugehörigkeit.
(IMG) Bild: In der Ausstellung „Das kalte Herz“ mit einer von Kader Attias Holzskulpturen der Reihe „Culture, Another Nature Repaired“
Der Oberkörper der von hinten fotografierten Frau im roten Kleid
verschwindet ganz hinter der sie weit überragenden, aus dünnem
Obstkistenholz gebauten Dorfsilhouette. Wie einen Rucksack trägt sie diese
auf dem Rücken, in der Hand hält sie eine mit roten Geranien bepflanzte
Obstkiste. „Buggelkraxen“ heißt die großformatige Fotoserie von Gabriela
Oberkofler. Sie zeigt die Künstlerin, wie sie eine Miniatur ihres
Heimatdorfes auf dem Rücken durch die Welt trägt.
Es ist die erste Arbeit, die in der Ausstellung „Das kalte Herz“ des
Stuttgarter Kunstmuseums zu sehen ist. Die Schau verbindet [1][Wilhelm
Hauffs gleichnamiges Schwarzwaldmärchen von 1827 mit zeitgenössischer]
Kunst und fragt: Welche Themen der Erzählung reichen bis in die Gegenwart?
Es ist ein interessanter kuratorischer Ansatz, vor allem da, wo er an seine
Grenzen kommt.
Hauff erzählt von einem Köhler, der sein lebendiges Herz gegen eines aus
Stein austauscht. Den gesellschaftlichen Aufstieg und Reichtum, den er
dafür bekommt, bezahlt er mit dem Verlust seiner Gefühle. Die Geschichte
beschreibt die Schattenseiten von Gier und Selbstsucht und ist ein frühes
Zeugnis der tiefen, existenziellen Umbrüche, die die Industrialisierung für
Mensch und Natur bedeutete. Um eine Brücke zwischen Märchen und Gegenwart
zu schlagen, liest Kurator Dierk Höhne Hauffs Erzählung entlang von vier
Leitmotiven: „Identität“, „Affekt“, „Gewalt und Heilung“ sowie „Ökologische
Ausbeutung“. Jede Arbeit in der Ausstellung wird diesen Kategorien
zugeordnet.
Oberkoflers Fotoserie erschließt sich in diesem Kontext sofort. Das
Heimatdorf auf dem Rücken der Künstlerin erinnert an die starke Bindung an
einen Herkunftsort, die auch Hauffs Märchen prägt. Die
Rucksack-Bildhauerarbeit wirkt wie Schutzraum und Last zugleich und knüpft
an aktuelle Diskurse an: Fragen nach Identität und Zugehörigkeit sind in
einer globalisierten Welt aktueller denn je.
## Grob geschnitzte Deformationen
Ein paar Räume weiter stehen zwei Skulpturen der Serie „Culture, another
nature repaired“ des [2][französischen Künstlers Kader Attia]. Es sind
wuchtige Holzbüsten mit grob geschnitzten Deformationen. Bei einer ist die
Nase plattgedrückt, anstelle des Mundes sind zwei unförmige Vertiefungen zu
sehen. Der anderen wurde ein Auge herausgerissen, die rechte Seite des
Mundes ist schartenartig nach oben gezogen. Die Bilder von verwundeten
Soldaten, aber auch von Opfern rassistischer Lynchmorde kommen einem in den
Sinn. Genauso wie die Frage: Was hat das mit Hauff zu tun?
Die kuratorische Lesart hilft: Sie ordnet Attias Skulpturen dem Kapitel
„Gewalt und Heilung“ zu. Hauffs Protagonist verliert mit seinem steinernen
Herzen nicht nur seine Gefühle, sondern der Mord an seiner Ehefrau macht
ihn auch selbst zum Täter. Aus dieser Verbindung von emotionaler Verrohung
und körperlicher Aggression zieht die Ausstellung eine Linie zu Attias
Auseinandersetzung mit den Folgen kolonialer Gewalt.
In der Rotunde des Stuttgarter Kunstgebäudes hängen weiß gerahmte DIN A3
große Bilder an der Wand. Von Weitem sehen sie wie von Hand beschriebene,
vergilbte Buchseiten aus. Erst aus der Nähe werden die Poren und feinen
Härchen sichtbar. Nicht Papier, sondern Haut ist die Unterlage für so
verstörende Texte wie: „Your awful language is in the Air by my head“, „She
acts like an animal left for cooking“ oder „I am awake in the place where
women die“.
Die Fotoserie „Lustmord“ [3][der US-amerikanischen Künstlerin Jenny Holzer
entstand 1993/94] und ist eine Reaktion auf die sexualisierten Gewalttaten,
die während der Jugoslawienkriege systematisch gegen Frauen und Mädchen
verübt wurden. Wieder steht die Frage im Raum: Wo ist hier der Zusammenhang
zu Hauffs Märchen? Und hier kommt die kuratorische Lesart an ihre Grenzen,
denn Holzers Arbeit wird gleich drei Themen aus Hauffs Märchen zugeordnet:
„Identität“, „Affekt“ sowie „Gewalt und Heilung“. Dabei entzieht sie sich
eigentlich solchen Deutungen.
Denn Holzers Arbeit stellt die Möglichkeit infrage, Gewalt überhaupt einer
sinnstiftenden Erzählung unterordnen zu können. Die Texte stammen mal von
Tätern, mal von Opfern, mal von Zeugen. Wer spricht, bleibt oft unklar.
Gewalt erscheint hier nicht benennbar, sondern dringt in Sprache und Körper
ein. Es geht um ihre Unbegreiflichkeit, um etwas, das sich nicht mehr
erzählen lässt.
Und bei Jenny Holzer wird auch wieder die Stärke von „Das kalte Herz“
deutlich. Die Ausstellung zeigt, wie produktiv es sein kann, Hauffs Themen
mit zeitgenössischer Kunst weiterzudenken, dass es sich aber immer nur um
Deutungsangebote handeln kann. Weder Hauffs Text noch die Kunst gehen
vollständig in diesen Einordnungen auf. Sie erzählen dort am meisten, wo
das kuratorische Raster sie nicht mehr erfasst.
17 Aug 2026
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## AUTOREN
(DIR) Verena Harzer
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