# taz.de -- Krieg in der Ukraine: Menschenjagd mit Drohnen
       
       > Ein Gemüsehändler in Cherson wird von einer russischen Drohne
       > angegriffen. Ein Video des Angriffs geht viral. Für viele Ukrainer ist
       > das längst Alltag.
       
 (IMG) Bild: Ukrainische Einheit im Gebiet Charkiw, die russische FPV-Drohnen eliminieren soll
       
       Ein Gemüsehändler aus der südukrainischen Stadt Cherson wird von einer
       russischen Drohne verfolgt. Sie kreist um sein Fahrzeug und explodiert
       anschließend in unmittelbarer Nähe des Mannes. Das Video, das am Dienstag
       veröffentlicht wurde, verbreitete sich rasch in den internationalen Medien.
       
       Der 52-jährige Juri überlebte, musste jedoch mit einem Schädel-Hirn-Trauma,
       einer Explosionsverletzung, einer Gehirnerschütterung sowie Splitterwunden
       ins Krankenhaus eingeliefert werden. Für viele Zuschauer außerhalb der
       Ukraine waren diese Bilder ein Schock. Viele Ukrainer wiederum waren
       überrascht, dass solche Szenen im Westen nach wie vor als etwas Neues
       wahrgenommen werden.
       
       Tatsächlich ist der Angriff in Cherson nur einer von vielen derartigen
       Vorfällen. Gezielte [1][Angriffe russischer Drohnen] auf Zivilisten in
       Frontnähe werden seit 2024 dokumentiert. Drohnenpiloten spüren Menschen auf
       Straßen und Wegen sowie in Innenhöfen auf. Sie verfolgen Autos, Fahrräder
       sowie öffentliche Verkehrsmittel.
       
       Zu den Opfern zählen Passanten, Dorfbewohner bei der Arbeit auf ihren
       Grundstücken, Autofahrer, Bus-Insassen, Sanitäter, Rettungskräfte und
       Mitarbeiter kommunaler Dienste. Derartige Angriffe werden nicht nur in der
       Region Cherson verzeichnet, sondern auch in den Gebieten Charkiw, Sumy,
       Donezk, Saporischschja und anderen frontnahen Regionen.
       
       ## 1.200 Kilometer Frontlinie
       
       Die Frontlinie in der Ukraine erstreckt sich über rund 1.200 Kilometer. Das
       entspricht der Strecke von Berlin nach Rom. Entlang dieser Linie setzen
       russische Einheiten täglich FPV-Drohnen ein. FPV steht für „First Person
       View“ – also die Sicht aus der Ich-Perspektive. Der Bediener empfängt das
       Kamerabild in Echtzeit, sieht das gewählte Ziel und steuert die Drohne
       anhand dieser visuellen Informationen.
       
       Das kleine Fluggerät kann Geschwindigkeiten von bis zu 150 Kilometer pro
       Stunde erreichen, im Tiefflug operieren, zwischen Häusern und Bäumen
       manövrieren und ein bestimmtes Ziel ins Visier nehmen. Solche Drohnen
       können mit einem Gefechtskopf von einem bis fünf Kilogramm Gewicht
       ausgestattet werden und Personen oder Fahrzeuge entweder durch einen
       direkten Treffer oder durch eine Explosion in unmittelbarer Nähe
       ausschalten.
       
       [2][In Russlands Krieg gegen die Ukraine] haben sich FPV-Drohnen zu einer
       der am weitesten verbreiteten Waffenarten entwickelt – sie sind
       vergleichsweise kostengünstig, manövrierfähig und schwer abzufangen. Im
       Durchschnitt greifen russische Streitkräfte die ukrainische Seite täglich
       mit 7.000 FPV-Drohnen an.
       
       Herkömmliche FPV-Drohnen werden über Funk gesteuert – eine Verbindung, die
       durch Maßnahmen der elektronischen Kampfführung gestört werden kann.
       Allerdings setzen russische Truppen zunehmend Drohnen ein, die über ein
       Glasfaserkabel gesteuert werden, über das sowohl Steuerbefehle als auch
       Bilddaten übertragen werden. Solche Fluggeräte lassen sich mit
       herkömmlichen Mitteln nur sehr schwer stören.
       
       ## Ständiger psychischer Druck
       
       Ganze Straßenzüge in Sumy, Cherson, Saporischschja und anderen Städten nahe
       der Front sind mit Anti-Drohnen-Netzen überspannt. Sie bieten zwar keinen
       hundertprozentigen Schutz, üben jedoch einen ständigen psychischen Druck
       aus: Selbst in der eigenen Straße fühlt man sich wie in einem Käfig – aus
       dem herauszublicken man dennoch Angst hat.
       
       In verschiedenen Stadtteilen von Sumy wurden bereits russische FPV-Drohnen
       gesichtet. Ziel der Angriffe sind Wohnviertel, private Grundstücke,
       Straßen, zivile Fahrzeuge und Infrastruktureinrichtungen. Im vergangenen
       Juni griff eine russische FPV-Drohne einen Trauerzug am Stadtrand von Sumy
       an – ein Mensch, dem die Beine abgerissen wurden, kam ums Leben.
       
       Mehrere weitere Personen wurden verletzt. Autofahrer aus Sumy müssen bis zu
       30 Kilometer aus der Stadt hinausfahren, um zu tanken, da ein Großteil der
       Tankstellen in Sumy bereits durch Angriffe von FPV-Drohnen beschädigt oder
       zerstört wurde.
       
       FPV-Drohnen haben die Wahrnehmung von Gefahr grundlegend verändert. Bei
       einem Raketenangriff, einem Einschlag einer gelenkten Fliegerbombe oder
       einem Anflug von „Schahed“-Drohnen bleibt den Menschen oft zumindest eine
       Minute Zeit, um Schutz zu suchen. Im Juli herrschte in Sumy
       zusammengenommen 25 Tage und sechs Stunden Luftalarm.
       
       Und dennoch fahren die Menschen weiterhin zur Arbeit, nutzen
       Verkehrsmittel, bestellen die Felder und halten das Leben in den frontnahen
       Gebieten aufrecht. Nicht, weil sie keine Angst hätten, sondern weil ein
       Stillstand des Alltagslebens entlang der 1.200 Kilometer langen Front das
       allmähliche Verschwinden ganzer Regionen bedeuten würde.
       
       Glücklicherweise hat Juri aus Cherson den Drohnenangriff überlebt –
       Hunderte andere Menschen in der Ukraine haben das hingegen nicht. Und es
       wird weitere Opfer geben, denn nahezu täglich werden Ukrainer bei
       derartigen Angriffen verletzt oder getötet. Und ein Ende dieses Krieges ist
       derzeit nicht abzusehen.
       
       Aus dem Russischen von Barbara Oertel
       
       5 Aug 2026
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
 (DIR) Anna Klochko
       
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