# taz.de -- Kampf um den Donbass: Im Schützengraben bei Pokrowsk
> Ukrainische Soldaten der 25. Brigade halten an der östlichen Front
> russischen Angriffen stand. Sie gehen von einer neuen russischen
> Offensive aus.
(IMG) Bild: Auf dem Weg Richtung Pokrowsk – ein Aufkleber weist darauf hin, die elektronische Kampfführung auszuschalten
Eine holprige Landstraße im Gebiet Donezk im Osten der Ukraine. Maksym
manövriert das Fahrzeug mit dem Presseoffizier und dem Journalisten gekonnt
über die Unebenheiten und bremst an einer Bushaltestelle. Überlandbusse
halten hier schon seit Jahren nicht mehr. Die Umgebung ist schmutzig und
verwüstet. Der Oberfeldwebel des Aufklärungs- und Eingreiftrupps des
Bataillons für unbemannte Systeme der 25. Selbstständigen Luftlandebrigade
Sicheslaw ist etwas wortkarg, hin und wieder jedoch lächelt er.
Maksym befiehlt den Mitfahrern, kugelsichere Westen anzulegen und Helme
aufzusetzen. Denn der letzte, jedoch gefährlichste Streckenabschnitt – die
10 Kilometer bis zu den Stellungen in Richtung Pokrowsk, liegt jetzt vor
ihnen. Laut Generalstab der ukrainischen Armee war dieses Gebiet im Jahr
2025 mit am häufigsten russischen Angriffen ausgesetzt.
Maksym öffnet eine Militär-App. Dort ist ein Dutzend roter Punkte zu sehen
– feindliche Drohnen, unter anderem Aufklärungsdrohnen und möglicherweise
auch russische Kamikazedrohnen vom Typ Molniya. Sie kreisen nur wenige
Kilometer von der Straße entfernt, Maksym und seine Begleiter werden
wahrscheinlich durchkommen.
## Das beängstigende Surren der Drohnen
Die zahlreichen Glasfaserdrohnen des Feindes werden in der App nicht
angezeigt. Maksym aktiviert das elektronische Kampfführungssystem, was ein
leises Summen im Auto und das Aufleuchten einer Kontrollleuchte unter dem
Sitz verursacht. Der Allradantrieb wird zugeschaltet und es geht weiter.
Bei geöffneten Fenstern ist das laute Surren der Drohnen zu hören. Ein
Blick in den Himmel macht Angst. Doch es sind nur Vögel, die einzeln über
der Steppe von Donezk kreisen. Sie ähneln manchmal den Molniya-Drohnen.
Nach der Ankunft steigen alle drei schnell aus und gehen in Deckung. Das
Geräusch von Drohnen ist ständig zu hören. Ukrainische und russische
Artillerie feuert fast ununterbrochen.
Die Ausstattung des Stützpunktes des Zuges der 25. Brigade muss den
Soldaten traumhaft vorkommen: Mit Eisenplatten bedeckte und verstärkte
Schützengräben sowie ein tief im Boden eingegrabener Betonbunker mit einer
Lampe und einem Schlafbereich. Es gibt sogar eine feste Toilette, aber sie
wird nicht benutzt, um unangenehme Gerüche zu vermeiden. Die Schützengräben
sind warm, trocken und fast frei von Nagetieren, die die Armee noch vor
einem Jahr plagten.
Kurz vor der Ankunft von Maksyms Fahrzeug hätten die Russen mit einer
Leleka-Abfangdrohne eine Aufklärungsdrohne der 25. Brigade abgeschossen,
erzählen die Soldaten. Pokrowsk ist nun aus der Luft nicht mehr zu sehen.
Russische Truppen haben die Stadt noch nicht vollständig eingenommen, in
der Umgebung befinden sich noch einige Stellungen der ukrainischen
Streitkräfte.
## Russische Armee rückt vor – mit immensen Verlusten
Die Invasionsarmee rückt langsam vor, aber unter immensen Verlusten.
Derzeit versuchen die Russen, das Dorf Hryshyne bei Pokrowsk einzunehmen.
„Sie patrouillieren ununterbrochen. Die Russen haben mehr Abfangjäger, sie
haben mehr von allem“, sagt Maksym. Er fügt hinzu, dass das gesamte
russische Luftverteidigungssystem an der Front auf Abfangdrohnen basiere –
genau wie bei den ukrainischen Streitkräften. Weiter im russischen
Hinterland befänden sich jedoch auch Flugabwehrraketen vom Typ Strela aus
sowjetischer Zeit.
Anton, ein Aufklärungsdrohnenpilot der 25. Brigade, ist seit etwa zwei
Jahren im Krieg. Der hagere, blasse Mann in den Dreißigern ist
zurückhaltend, aber genießt unter den Anwesenden absolute Autorität. Er
habe in den vergangenen sechs Monaten keine neuen russischen Drohnen
gesehen. „Doch sie modernisieren die alten sehr effektiv. Sie rüsten die
FPV- und Molniya-Drohnen besser aus, sodass diese eine größere Reichweite
haben und besser kommunizieren können. Vielleicht haben sie weitere
Frequenzen hinzugefügt, auf die die Drohnen umschalten können“, sagt Anton.
Laut Maksym verfügten die Russen derzeit über zwei- bis dreimal so viele
Aufklärungsdrohnen wie die ukrainischen Streitkräfte. Dies ermögliche es
den Besatzern, Transporte und die Logistik im unmittelbaren Hinterland der
Ukraine aktiv zu zerstören.
## Unterschiedliche Ansichten zur Starlink-Abschaltung
[1][Die russische Armee habe nach einer kurzen Pause ihre Angriffe in
Richtung Pokrowsk wieder aufgenommen], sagt Anton. Die fehlende
Kommunikation der Russen mit dem amerikanischen Unternehmen Starlink habe
den Einsatz von Molniya- und Shahed-Drohnen jedoch nur geringfügig
beeinträchtigt.
Maksym hingegen berichtet, dass die Russen [2][nach der Abschaltung von
Starlink] den Beschuss der Autobahn zwischen Pawlohrad und Petropawliwka an
der Grenze zwischen den Gebieten Dnipropetrowsk und Donezk eingestellt
hätten. In letzter Zeit setze der Feind Shahed-Drohnen vermehrt gegen die
Frontlinie ein, anstatt tiefer ins ukrainische Hinterland vorzudringen.
Der Kommandeur der Drohnenangriffskompanie der 25. Brigade mit dem
Kampfnamen „Bourgeois“ wirkt erschöpft. Er erklärt, die Lage bei Pokrowsk
sei im vergangenen Jahr katastrophal gewesen. Er behauptet, der Ausfall des
Starlink-Netzwerks habe die russische Kommunikation beeinträchtigt. „Wir
zerstören ständig ihre WLAN-Verbindungen und stören sie so weit wie
möglich. Infolgedessen funktionieren ihre FPV-Drohnen immer schlechter. Das
eröffnet uns logistische Möglichkeiten, um zumindest mit Bodenrobotern zu
unseren Posten vorzudringen und Infanterie bereitzustellen“, sagt er.
## Anzeichen für neue russische Offensive
Trotz Berichten über eine angebliche Mobilisierungskrise in Russland geht
das ukrainische Militär nicht davon aus, dass dem Aggressor die personellen
Ressourcen ausgehen könnten. Die Soldaten der 25. Brigade erkennen
Anzeichen für die Vorbereitung einer weiteren russischen Offensive in
Richtung Pokrowsk. Die Russen ziehen dort Personal, Ressourcen und Waffen
zusammen.
Der Kommandeur„Bourgeois“ bezweifelt jedoch, dass ein Großangriff
bevorstehe. Vielmehr könnte es sich auch um ein Ablenkungsmanöver handeln.
„Ich glaube nicht, dass sich die Situation in den nächsten ein bis zwei
Monaten ändern wird. Es wird Druck und Infiltration geben, aber ich erwarte
keine massive Offensive“, sagt er.
## Allein unter Männern
Die Frage, was kommen könnte, treibt auch Lisa um – die einzige
Drohnenpilotin in der 25. Brigade. Eine Diskriminierung vonseiten der
Männer gebe es nicht, im Gegenteil: Alle seien bereit, ihr zu helfen. Die
junge Frau, die mehrere Tattoos und Piercings hat, arbeitet im Bereich der
Entschlüsselung. Sie identifiziert aus der Luft erfasste Ziele und bestimmt
deren Koordinaten.
Noch vor wenigen Jahren studierte Lisa Kriminalistik und arbeitete nebenbei
als Tätowiererin. Dann beschloss sie, sich freiwillig zur Armee zu melden.
Ihr Vater, ebenfalls Soldat, wollte sie davon abhalten, doch sie blieb
stur.
Auf einer Hand hat sie ihr wichtigstes Tattoo – eine Botschaft ihres
Vaters: „Geliebte Tochter, ich werde immer für dich da sein. Papa“, steht
da. Lisa ruft die ukrainischen Bürger zur Mobilisierung auf, um den Staat
zu verteidigen und die Armee nach Kräften zu unterstützen. „Ihr müsst
verantwortungsbewusster sein. Wenn ihr nicht beim Militär seid, spendet
wenigstens“, sagt sie. Und dann wird sie zynisch: „Wartet ihr nur darauf,
dass die Russen zu euch nach Hause kommen? Das wird bald der Fall sein,
denn ihr tut ja nichts!“
Aus dem Russischen Barbara Oertel
24 Mar 2026
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