# taz.de -- Kyjiw unter russischem Beschuss: Verschlossene Räume und kein Gefühl für Sicherheit mehr
       
       > Kyjiwer Behörden kommen nicht hinterher, ausreichend Schutzräume bereit
       > zu stellen und verstricken sich in Kompetenzgerangel. Die Menschen
       > verzweifeln.
       
 (IMG) Bild: Ein Schutzraum in Kyjiw: Die Plätze sind begehrt auf der Flucht vor russischen Bomben
       
       Die U-Bahn in der ukrainischen Hauptstadt Kyjiw ist so überfüllt, dass man
       keinen Schritt tun kann, ohne auf jemandes Decke zu treten. Oben über Kyjiw
       heulen russische Raketen. Unten in der Station suchen Tausende Kyjiwer
       Schutz vor der Gefahr. Die Menschen schlagen zwischen den Bahnsteigen
       Campingzelte auf und breiten Isomatten aus. Da der Platz nicht für alle
       reicht, ist jeder Zentimeter belegt. Die Menschen sitzen und schlafen sogar
       auf den Rolltreppen.
       
       Marina Sobtschenko breitet eine Decke über den Handlauf der Rolltreppe,
       damit sich ihre Kinder dort hinsetzen können. Für sie selbst bleibt kein
       Platz. „Der Beschuss wird immer schlimmer. Wenn wir zu Hause bleiben,
       überleben wir das womöglich nicht. Die Kinder haben gerade erst aufgehört
       zu weinen. Die vielen Menschen machen ihnen Angst. Aber hier ist es
       wenigstens sicher“, sagt die 44-Jährige und umarmt ihren Nachwuchs. Ihr
       Mann schläft ganz in der Nähe, direkt auf dem Boden. Er ist Busfahrer,
       morgens um fünf Uhr ist Dienstbeginn. Immer mehr Menschen strömen an der
       Familie vorbei hinunter in die Station.
       
       [1][Schon in den ersten Tagen des vollumfänglichen Krieges wurde die U-Bahn
       zu einem Zufluchtsort.] Doch in diesem Sommer, da die russischen Angriffe
       stärker geworden sind und es der Ukraine an Flugabwehrraketen mangelt, sind
       die Stationen überfüllter denn je.
       
       Nach Angaben der Kyjiwer Metro suchten in der Nacht zum 30. Juli während
       eines massiven russischen Angriffs mehr als 56.000 Menschen gleichzeitig in
       den Stationen Schutz – die höchste Zahl der vergangenen Jahre. Die
       zunehmende Intensität der Angriffe hat ein ernstes Problem offengelegt:
       Kyjiw verfügt nicht über eine ausreichende Menge an Schutzräumen.
       
       ## Feuchte Keller und kein Strom
       
       In den vergangenen zwölf Jahren hat Sobtschenko vergessen, wie es sich
       anfühlt, vollkommen sicher zu sein. Nachdem sie aus einem besetzten Teil
       der Region Donezk evakuiert worden war, hat sie ihr Zuhause zwei Mal
       verloren.
       
       „Eine Wohnung ist im besetzten Horliwka zurückgeblieben. Eine zweite haben
       wir in Kyjiw mithilfe eines Kredits gekauft. Doch im Winter ließen
       Stromausfälle die Rohre platzen, wodurch die Wohnung überflutet wurde.
       Zudem gab es Beschuss in der Nähe. Jetzt können wir dort nicht wohnen und
       haben eine andere Wohnung gemietet. Doch der Schutzraum des Gebäudes ist
       unbrauchbar. Den Kredit zahlen wir übrigens trotzdem ab“, erzählt Marina.
       
       Unter dem Wohnhaus, in dem ihre Familie lebt, befindet sich ein Keller.
       Doch der ist feucht, wie bei vielen alten Gebäuden aus der Sowjetzeit in
       Kyjiw und eignet sich nicht als verlässlicher Schutzraum.
       
       Derzeit gibt es in Kyjiw offiziell rund 4.400 Schutzräume, obwohl laut
       Stadtverwaltung fast 7.900 nötig wären. Allerdings gelten nur etwa 500 der
       vorhandenen Einrichtungen als voll ausgestattet. Die überwiegende Mehrheit
       besteht aus Kellern, Parkhäusern und sogenannten Basisschutzräumen, die
       zwar Schutz vor Splittern bieten, aber nicht dafür ausgelegt sind, einem
       direkten Raketentreffer standzuhalten.
       
       ## Schutzräume sind häufig verschlossen
       
       Trotz regelmäßiger russischer Angriffe sind seit Beginn des umfassenden
       Krieges nur vier neue Schutzbauten des Zivilschutzes hinzugekommen. Zudem
       zeigen Inspektionen häufig, dass Schutzräume verschlossen sind oder es
       weder Strom und Beleuchtung noch sonst angemessene Bedingungen gibt.
       
       „Während der Angriffe in der Nacht zum 1. August wurde von mehr als
       viertausend Schutzräumen nur bei dreien gemeldet, dass sie geschlossen
       waren. Das gesamte Personal, das sich nicht an die Vorschriften hält und
       die Schutzräume nicht öffnet, wird zur Rechenschaft gezogen“, so Kyjiws
       Bürgermeister Vitali Klitschko gegenüber der taz am Ort eines russischen
       Angriffs im Stadtbezirk Solomjanskyj. Es herrsche Mangel an Schutzräumen,
       daher sollten mobile Schutzräume in der Nähe von Wohngebäuden aufgestellt
       werden, wo es keine anderen sicheren Zufluchtsorte gebe.
       
       Das Problem bleibt jedoch aufgrund von Kompetenzstreitigkeiten innerhalb
       der Stadtverwaltung ungelöst. Es gibt jedoch noch eine weitere
       Herausforderung: Bisweilen vergehen [2][zwischen dem Luftalarm und den
       ersten Raketeneinschlägen in Kyjiw] nur wenige Minuten. Nachts bleibt den
       Menschen schlicht nicht genug Zeit, um von ihren Wohnungen zur U-Bahn, in
       Tiefgaragen oder in Schutzräume von Schulen und Krankenhäusern zu gelangen.
       
       Genau eine solche Tragödie ereignete sich in der Nacht zum 1. August, als
       zwei Frauen bei einem russischen Angriff an einem Fußgängerüberweg getötet
       wurden, als sie sich von ihrem Zuhause auf den Weg zu einem Schutzraum
       machten.
       
       ## Größere Sprengköpfe und weniger Zeit
       
       „In diesem Sommer setzen die Russen verstärkt auf ballistische Raketen. Es
       ist nicht nur ein Anstieg der Angriffe zu verzeichnen, sondern auch eine
       größere Vielfalt an Waffensystemen, die gegen Kyjiw eingesetzt werden.
       Zudem vergrößern sie gezielt die Sprengköpfe der Waffen, um schwerere
       Schäden zu verursachen. Manchmal ist die Luftschutzsirene kaum verstummt
       und schon erfolgen die ersten Explosionen. Die Menschen haben keine Zeit,
       einen Schutzraum zu erreichen“, sagt Pawlo Petrow, ein Vertreter des
       staatlichen Katastrophenschutzdienstes von Kyjiw.
       
       Die Taktik der russischen Streitkräfte, mehrfach dieselbe Stelle
       anzugreifen, verschärft den Mangel an Schutzräumen in Kyjiw weiter. Ein
       Signal zur Entwarnung bedeutet nicht mehr zwangsläufig, dass die Gefahr
       vorüber ist.
       
       „Sie führen zum Beispiel Raketenangriffe auf Wohngebiete durch. Sanitäter,
       Rettungskräfte und Journalisten treffen am Ort des Geschehens ein. Kurze
       Zeit später greifen sie dieselbe Stelle erneut an“, sagt Pawel Petrow, der
       selbst bei einem solchen Folgeangriff verletzt wurde. Er erklärt, man solle
       sich bereits im Vorfeld in einen Schutzraum begeben und dort auch nach der
       Entwarnung noch eine Zeit lang ausharren.
       
       Zudem könne sich in Kyjiw angesichts massiver Raketenangriffe niemand mehr
       auf die „Zwei-Wände-Regel“ verlassen. Während viele Bewohner der Hauptstadt
       früher in den Fluren und Badezimmern ihrer Wohnungen Schutz suchten, böten
       diese Orte heute keine Sicherheit mehr.
       
       ## Schlaflose Nächte in der U-Bahn
       
       Am 13. August erklärte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj,
       Russland habe die Zahl der monatlich einsetzbaren ballistischen Raketen in
       etwa verdoppelt. „In der vergangenen Nacht wurde nur eine einzige
       ballistische Rakete abgeschossen, weil für die Patriot-Systeme keine
       Raketen mehr übrig sind.“ Genau dieser Mangel an Abfangraketen ermutige
       Russland zu Angriffen auf Menschenleben, merkte er auf seinen offiziellen
       Social-Media-Kanälen an.
       
       Während die Behörden in Kyjiw beim Bau neuer Schutzräume zurückhaltend sind
       und die westlichen Partner die Lieferung von Flugabwehrraketen an die
       Ukraine hinauszögern, bringt Marina Sobtschenko ihre Kinder wegen
       schlafloser Nächte in die U-Bahn. „Früher haben wir im Hauseingang Schutz
       gesucht, aber die Angriffe sind inzwischen so heftig, dass ich fürchte, wir
       könnten unter den Trümmern begraben werden. Deshalb warten wir nicht erst
       auf den Alarm: Sobald eine Angriffswarnung eingeht, gehen wir direkt zur
       U-Bahn. Mir fällt auf, dass es jedes Mal mehr Menschen sind“, sagt die
       zweifache Mutter.
       
       Aus dem Russischen: Barbara Oertel
       
       16 Aug 2026
       
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