# taz.de -- Eziden in Niedersachsen: Anerkennen, gedenken, abschieben
> In Hannover haben Tausende Eziden des zwölften Jahrestags des
> Völkermordes gedacht. Doch die Anerkennung des Genozids bringt ihnen
> wenig.
(IMG) Bild: Sind schon 2016 auf die Straße gegangen: Und noch immer gibt es für Ezid*innen aus dem Irak keine sichere Rückkehr in die Heimat
Hannovers Steintorplatz war voll. Schon von Weitem sah man das: die
rot-weißen Flaggen mit der Sonne, die blass lila Tücher der Frauen. Von
vier- bis fünftausend Teilnehmern sprechen die Veranstalter. Niedersachsen
hat vor allem im Großraum Hannover und in Celle große ezidische
Gemeinschaften.
Am 3. August jährt sich zum zwölften Mal der [1][Völkermord an den Eziden
in Shingal]. Und ab hier könnte man jeden Satz mit „immer noch“ beginnen.
Immer noch tragen hier viele die groß kopierten Fotos der
Familienangehörigen vor sich her, deren Verbleib ungewiss ist. Immer noch
gibt es keine sichere Rückkehr in die Heimat, obwohl auch Niedersachsen
längst wieder abschiebt in den Irak.
Immer noch sind die Dörfer zerstört, immer noch sitzen große Teile der
ehemaligen Bewohner in Flüchtlingslagern fest, immer noch fordern sie die
Öffnung der Massengräber, die Identifizierung der Toten, die tausendmal
versprochenen Wiederaufbauprogramme, das Ende der Diskriminierung und
Verfolgung, das Ende der endlosen Gemetzel und Scharmützel unter den
marodierenden Milizen in der Region.
In diesem Jahr bleibt auch das Gedenken eine weitgehend interne
Veranstaltung. Von den großen Medien ist niemand da, wie Michael Fürst, der
Präsident des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden in Niedersachsen, in
seinem Grußwort empört vermerkt. Zwar sind Politiker und Politikerinnen
aller Couleur aus Stadt, Region, Land und Bund gekommen, aber die meisten
sind Stellvertreter für irgendwen anderen und richten erst einmal die Grüße
der eigentlich Eingeladenen aus.
Und dann stellt sich jeder und jede Einzelne auf die Bühne und zählt noch
einmal auf, was da passiert ist: Wie der IS die Männer tötete, die Frauen
vergewaltigte, die Kinder verschleppte. Als ob das hier nicht jeder wüsste.
Natürlich bedeutet die Anerkennung des erlittenen Leides trotzdem etwas.
Und natürlich war die Aufmerksamkeit schon einmal größer: Vor zwei Jahren,
[2][als sich der Völkermord zum zehnten Mal] jährte, vor drei Jahren, als
sich der Bundestag endlich dazu durchrang, dieses Verbrechen als Genozid
anzuerkennen.
Aber man möchte es denjenigen, die jetzt leidenschaftlich darum streiten,
ob in Gaza nun ein Genozid oder bloß Kriegsverbrechen stattfinden,
gelegentlich als mahnendes Beispiel empfehlen: Nur weil einer Genozid sagt,
heißt das noch nichts.
## Immer weniger Asylanträge anerkannt
Die ezidische Gemeinschaft hat weiter damit zu kämpfen, dass die
Anerkennungsquoten bei den Asylanträgen zurückgehen und in den
Abschiebefliegern Richtung Bagdad schon lange nicht mehr nur irakische
Straftäter sitzen.
Immer wieder dokumentieren der Flüchtlingsrat und Pro Asyl Fälle [3][von
Genozid-Überlebenden], erneut auseinandergerissenen Familien, gut
integrierten jungen Männern mit Arbeits- und Ausbildungsverträgen. Genaue
Zahlen bekommt man dazu aber natürlich nicht: Das Innenministerium
versteckt sich dahinter, dass bei Abschiebungen keine
Religionszugehörigkeit erfasst wird.
[4][2024 hatte Niedersachsen den Versuch unternommen], einen Abschiebestopp
für Eziden zu bewirken. Doch der für ein halbes Jahr verhängte
Abschiebestopp lief aus, weil das Gesetz eine solche Ausnahmeregelung auf
Landesebene nur ausnahmsweise und befristet vorsieht.
Die Vorstöße der Innenministerin, eine langfristige, bundesweite Regelung
zu schaffen, scheiterten am Widerstand in den CDU-regierten Ländern und im
damals noch von Nancy Faeser (SPD) geführten Bundesinnenministerium.
Man wolle, so lautete das zentrale Argument, keine Gruppensonderrechte,
sondern das über die individuelle Einzelfallprüfung im Asylrecht oder die
[5][Härtefallkommissionen] der Länder regeln. Nun regelt das der dringende
Wunsch nach mehr Abschiebungen.
4 Aug 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Ezidinnen-ueber-den-Voelkermord/!6027492
(DIR) [2] /Verfolgte-Jesidinnen/!6024286
(DIR) [3] /Ezidische-Familie-in-Irak-abgeschoben/!6099147
(DIR) [4] /Abschiebestopp-von-zidInnen/!6016857
(DIR) [5] https://www.asyl.net/themen/aufenthaltsrecht/von-der-duldung-zum-bleiberecht/das-haertefallverfahren
## AUTOREN
(DIR) Nadine Conti
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