# taz.de -- Êzîd:innen in NRW: Zwischen Anerkennung und Abschiebung
> Êzîd:innen droht die Abschiebung – vor allem in Nordrhein-Westfalen.
> Dort fordern Abgeordnete jetzt ein Schutzprogramm für die Minderheit.
(IMG) Bild: Sie wollen einfach nur bleiben: Hungerstreik von Êzîd:innen gegen Abschiebungen, hier im Oktober 2023 vor dem Reichstagsgebäude
Fast genau drei Jahre ist es her, dass [1][der Deutsche Bundestag die
Verbrechen des IS gegen Êzîd:innen im Irak als Genozid anerkannte]. Doch
Êzîd:innen, die in den letzten Jahren nach Deutschland gekommen sind, droht
inzwischen oft die Abschiebung. In Nordrhein-Westfalen (NRW) gehen die
Behörden derzeit wohl besonders hart gegen Angehörige der Minderheit vor.
Die Online-Beratungsstelle [2][Pena.ger e.V.] berichtet der taz, dass sich
über die Weihnachtstage insgesamt 10 Êzîd:innen aus der ganzen
Bundesrepublik an sie gewendet haben. Einer der Hilferufe stammt von Dleer
Dhakeel aus Baden-Württemberg. Ihm und seiner Frau drohe akut eine
Abschiebung in den Irak, da das Klageverfahren bereits abgeschlossen sei,
berichten sie der taz. Sie befinden sich seit November 2022 in Deutschland.
Dem jungen êzîdischen Paar aus der irakischen Region Shingal wird eine
unzureichende Mitwirkung bei der Passbeschaffung vorgeworfen, obwohl viele
Êzîd:innen in ihrem Herkunftsland faktisch keinen Zugang zu gültigen
Ausweisdokumenten haben.
Dleer hebt hervor: „Als Êzîden sind wir historisch wie auch aktuell
schwerer Verfolgung, Gewalt und Diskriminierung ausgesetzt.“ In Deutschland
hätten seine Frau und er versucht, sich ein neues Leben aufzubauen. Doch
die unsichere Aussicht, die ständige Angst vor einer Abschiebung und die
Bedrohung in der Heimat führten zu starken psychischen Belastungen.
## Viel zu kurze Fristen und dann auch noch die Feiertage
Der Fall stehe stellvertretend für viele weitere, vor allem auch in
Nordrhein-Westfalen, sagt Soniya Alkis, stellvertretende Vorsitzende von
Pena.ger. 14 Nachrichten hätten sie allein aus diesem Bundesland erreicht.
Die Betroffenen, denen nun Abschiebungen angedroht wurden, hätten durch die
Feiertage und Winterpause die Beratungs- und Unterstützungsstrukturen nur
eingeschränkt erreichen können. Zusätzlich seien sie mit sehr kurzen
Fristen und Maßnahmen konfrontiert, die kaum umsetzbar seien.
Von den 230.000 in Deutschland lebenden Êzîd:innen wohnen mehrere
Zehntausend in NRW. Die Abschiebungen in NRW betreffen einen großen Teil
der êzîdischen Schutzsuchenden.
Das Integrationsministerium NRW teilt auf Anfrage der taz zu den
Abschiebefällen mit, es „liegen zu dem beschriebenen Vorgehen keine
Erkenntnisse vor“. Angaben zu Zahlen oder Daten hinsichtlich des Merkmals
„jesidisch“ könnten an dieser Stelle nicht gemacht werden, da „die
Statistik zu Rückführungsmaßnahmen lediglich Angaben zum Zielland und zur
Staatsangehörigkeit enthält“.
Tatsächlich wären es nicht die ersten Abschiebungen von Êzîd:innen. Nachdem
lange Zeit ein genereller [3][Abschiebestopp] galt, lief dieser in NRW im
Juni 2024 aus. Er galt nur für êzîdische Frauen und Minderjährige. Das
Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) bescheidet Asylanträge von
Êzîd:innen seitdem immer öfter negativ und argumentiert, dass ihnen im
Irak keine Verfolgung und Unterdrückung mehr drohe.
Menschenrechtsorganisationen kommen zu einem ganz anderen Fazit. Pro Asyl
konstatierte etwa 2024, dass Êzîd:innen nicht in den Irak abgeschoben
werden dürften. Der Irak sei für sie immer noch nicht sicher, Kämpfer des
IS seien nach wie vor in der Region aktiv. In der Region Shingal kommt es
zudem bis heute immer wieder zu bewaffneten Auseinandersetzungen, es gibt
keine funktionsfähige Verwaltung oder grundlegende Infrastruktur.
Êzîd:innen, die Deutschland heute abschiebt, können meist nur zu den
Flüchtlingslagern im Nordirak zurückkehren und in Zelten leben.
## Demokratische Fraktionen vereint gegen Abschiebungen
Dass Abschiebungen vor diesem Hintergrund falsch sind, finden aber nicht
nur Menschenrechtler:innen. Tatsächlich stellten parallel zu den
angedrohten Abschiebungen alle demokratischen Fraktionen im Landtag NRW
einen Antrag, der sich gegen Abschiebungen von Êzîd:innen richtet. Die
Landesregierung solle ein Schutzprogramm für Angehörige der Minderheit
einrichten, so die Kernforderung. Ausreisepflichtigen Êzîd:innen ohne
Vorstrafen sollen, wenn sie seit zwei Jahren in NRW leben, ein
Aufenthaltsrecht bekommen. Der Antrag soll am Donnerstag im
Integrationssauschuss des Landtages diskutiert werden.
Benjamin Rauer, Sprecher für Flucht der Grünen-Landtagsfraktion in NRW,
erklärt, dass das Land mit dem Antrag seiner humanitären Verantwortung
gegenüber Êzîd:innen nachkomme.
Auch die CDU-Fraktion brachte den Antrag ein – und wendet sich damit
implizit gegen die Praxis der CDU-geführten Landesregierung. Ihr
unterstehen die Ausländerbehörden, die derzeit so viele Abschiedebescheide
an Êzîd:innen versenden. Auf Anfrage der taz sagt Gregor Golland,
stellvertretender Fraktionsvorsitzender der CDU-Fraktion und
Mitunterzeichner des Antrags, lediglich: „Abschiebungen erfolgen in
Deutschland nach Recht und Gesetz.“ Niemand werde grundlos aus Deutschland
abgeschoben.
Doch auch wenn der Antrag wohl vom Landtag angenommen werden dürfte –
bindend ist er erstmal nicht. Und es gibt noch ein Problem: Auch
Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) – bekannt als Hardliner in
Migrationsfragen – muss zustimmen. „Jede weitere Verzögerung untergräbt den
humanitären Schutzauftrag Deutschlands“, betont Grünen-Politiker Rauer.
Transparenzhinweis: In einer früheren Version hieß es, alle demokratischen
Fraktionen im Landtag NRW würden einen Antrag vorbereiten. Er wurde zu dem
Zeitpunkt aber schon gestellt. Wir haben den Fehler korrigiert und bitten
um Entschuldigung.
8 Jan 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Bundestag-ueber-Genozid-an-ziden/!5906527
(DIR) [2] /Tod-in-der-Gefluechtetenunterkunft-Kusel/!5991188
(DIR) [3] /zidische-Diaspora-in-Deutschland/!5980923
## AUTOREN
(DIR) Beritan Dik
## TAGS
(DIR) Abschiebung
(DIR) Jesiden
(DIR) Migration
(DIR) Genozid
(DIR) Social-Auswahl
(DIR) NRW
(DIR) Verwaltungsgericht
(DIR) Migration
(DIR) wochentaz
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Bleiberecht für Jesiden: Bis heute nicht sicher in ihrer Heimatregion
NRW will Jesid:innen dauerhaft Schutz bieten. In einer Anhörung
bekräftigen Sachverständige das Anliegen. Im Irak seien sie nach wie vor
verfolgt.
(DIR) Abschiebung jesidischer Familie: Gericht zeigt sich ungerührt
Allen Ankündigungen zum Trotz: Eine in den Irak abgeschobene jesidische
Familie aus Brandenburg muss im Land der Mörder ihrer Angehörigen bleiben.
(DIR) Abschiebung einer êzîdischen Familie: Deutschland, deine leeren Worte
Vor zwei Jahren forderten alle Fraktionen mehr Schutz für Êzîd*innen.
Jetzt werden sie abgeschoben, obwohl sie im Irak weiter bedroht sind.
(DIR) Geflüchtete Jesid:innen: Abgeschoben in das Land des Genozids
Saber Elias hat einen Völkermord überlebt und tat alles, um sich in
Gütersloh zu integrieren. Trotzdem schoben die Behörden den Jesiden ab.