# taz.de -- Aufklärung über DDR-Jugendhilfe: „Über repressive Heimerziehung ist wenig bekannt“
       
       > Die Gedenkstätte Jugendwerkhof Torgau gastiert mit einer Ausstellung in
       > Hamburg. Sie möchte auch Betroffene erreichen, sagt Sprecherin Manuela
       > Rummel.
       
 (IMG) Bild: Hilferuf mit Bleistift: „Ich will endlich wieder raus“ hat ein Insasse des Jugendwerkhofs auf seine Pritsche geschrieben
       
       taz: Frau Rummel, die Gedenkstätte Geschlossener Jugendwerkhof Torgau ist
       in Hamburg mit der Ausstellung Blackbox Heimerziehung zu Gast. Was zeigen
       Sie dort? 
       
       Manuela Rummel: Die Box ist ein umgebauter Seecontainer mit einer
       Ausstellung zur Geschichte der repressiven DDR-Heimerziehung. Wir stellen
       darin Heime vor, die es in der DDR zur sogenannten Umerziehung zur
       sozialistischen Persönlichkeit gab. Dabei geben wir vor allen [1][den
       Betroffenen], die das damals erleben mussten, mit Bild- und Videosequenzen
       viel Raum. Und wir stellen auch aktuelle Themen dar, die [2][heutige
       Erziehung betreffend]. Es gibt Kontinuitäten, auf die wir achten müssen.
       
       taz: Warum nennen Sie es [3][Blackbox]? 
       
       Rummel: Über repressive Heimerziehung ist wenig bekannt, selbst auf dem
       Gebiet der ehemaligen DDR. Torgau ist bundesweit [4][die einzige
       Gedenkstätte zur Heimerziehung]. Wir leisten Aufklärungsarbeit, beraten
       Betroffene, recherchieren ihre Akten. Wir führen auch eine
       [5][Zeitzeugen-Datenbank] mit Interviews. Es ist vieles noch nicht
       aufgearbeitet.
       
       taz: Was war am Jugendwerkhof Torgau besonders? 
       
       Rummel: Torgau war geschlossen und bildete zu DDR-Zeiten die Endstation
       [6][im Erziehungssystem]. In der DDR konnte man Kinder und Jugendliche ab
       dem Alter von sechs bis 18 Jahren als schwererziehbar einstufen. Jegliche
       Abweichung konnte dazu führen. In den Akten finden sich Begriffe wie
       „Schulbummelei“, „renitentes Verhalten“ oder „westlich orientiert“.
       
       taz: Wann kamen Jugendliche nach Torgau? 
       
       Rummel: Also es gab für die Umerziehung von Kindern ab 6 Jahren
       Spezialkinderheime und für über 14-Jährige die Jugendwerkhöfe. Wer sich
       dort nicht konform verhielt, konnte nach Torgau eingewiesen werden. Hier
       wollte man „Erziehungsbereitschaft“ herstellen und den Willen der jungen
       Menschen brechen. Da reden wir von vielen Dingen: Die Ankunftsprozedur, das
       Entkleiden, Untersuchung in allen Körperöffnungen, Haare abschneiden,
       desinfizieren am ganzen Körper. Dann für mehrere Tage Arrest in der
       Zuführungs-Arrestzelle. So sah die Begrüßung aus.
       
       taz: Und dann? 
       
       Rummel: Dann ging es weiter mit einem durchgetakteten Tagesablauf, mit
       Zwangssport und Arbeitserziehung. Es gab auf allen Etagen Arrestzellen und
       als verschärfte Form den Dunkelarrest und den „Fuchsbau“. Das war ein
       Verschlag unter der Treppe, ca. 1,2 Meter hoch. Auch dort sperrte man
       Jugendliche bei absoluter Dunkelheit ein.
       
       taz: Ist all das heute als Unrecht anerkannt? 
       
       Rummel: Ja. Wer in Torgau war, kann sich auch offiziell rehabilitieren
       lassen. Für [7][alle anderen Betroffenen] sind es Einzelfallentscheidungen,
       aber die Möglichkeit besteht. Nach wie vor ist das Thema Heimkind mit
       Stigma behaftet. In sozialen Medien hört man heute noch Sätze wie: „Das
       hatte alles seine Berechtigung“. Und von Seiten des ehemaligen Personals
       gibt es kaum Bereitschaft, der Wissenschaft Interviews zu geben. Die
       meisten Anzeigen gegen das Personal ließ man damals aus Mangel an Beweisen
       fallen. Es ist schwer zu beweisen, zu welcher Uhrzeit durch welchen
       Mitarbeiter exakt was stattfand. Deshalb konnten manche in dem Bereich
       weiterarbeiten. In der frühen Bundesrepublik gab es auch repressive Heime.
       Aber dort kam es durch die 68er-Bewegung zur Heimreform. In der DDR blieb
       Torgau in dieser Form bis 1989 erhalten.
       
       taz: Wo zeigen Sie diese Ausstellung noch? 
       
       Rummel: Wir haben sie zunächst an Orten gezeigt, wo es diese Heime gab,
       aber nichts mehr daran erinnert. Das sind heute teils schön restaurierte
       Gebäude. 2026 zeigen wir sie in ganz Deutschland, weil insgesamt wenig
       darüber bekannt ist. Und wir möchten Betroffene erreichen, die heute
       vielleicht in Hamburg leben. Wir können sie unterstützen, ihre Schicksale
       zu klären.
       
       10 Aug 2026
       
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