# taz.de -- Rechenzentren im All: „Wir müssen Wagnisse eingehen“
> Elon Musk will KI-Rechenzentren im All, viele Fachleute zweifeln daran.
> Hermann Ludwig Möller vom European Space Policy Institute sieht das
> anders.
(IMG) Bild: Je mehr Show, desto mehr Geld: Zuschauer beobachten den Start einer SpaceX-Rakete in Texas
taz: Herr Möller, Elon Musk hat [1][einen Antrag] für bis zu eine Million
Rechenzentren-Satelliten im All eingereicht. Ist das mehr als eine
Erzählung mit der Absicht, den [2][Wert seiner Weltraumfirma SpaceX] in die
Höhe zu treiben?
Hermann Ludwig Möller: Auf jeden Fall war es Teil von Musks Zielsetzung,
die Marktbewertung vor dem Börsengang zu steigern. In der Bewertung steckt
aber auch Vertrauen in Ingenieure, die in der Vergangenheit zum Beispiel
schon wiederverwendbare Raketenstufen und satellitenbasiertes Internet
entwickelt haben. Vor 20 Jahren waren beide Technologien nicht auf dem
Markt, und man hielt sie für überflüssig.
taz: Aber hat die Idee von Rechenzentren im All einen realistischen Kern?
Möller: Das ist schwer zu sagen. Dass man wiederverwendbare Raketenstufen
und [3][satellitenbasiertes Internet] nicht braucht, war damals eine
substanzielle Fehleinschätzung. Deshalb würde ich raten, sich gegenüber
solchen riskobehafteten Vorhaben ein wenig zu öffnen.
taz: Fachleute zweifeln, dass das technisch überhaupt realisierbar ist. Was
stimmt Sie anders?
Möller: Ich selbst bin Ingenieur, und natürlich gibt es hier große
technische Hürden. Sind diese unüberwindbar? Ich denke: nein. Wer Menschen
schon in den 60er Jahren auf den Mond und zurück bringen konnte, kann
wahrscheinlich ein paar Dinge mehr. Vielleicht ist es an der Zeit, dass
auch die europäische Politik und Berlin die Ärmel hochkrempelt und den
Menschen offen sagt, dass wir Wagnisse für unsere Zukunft eingehen müssen.
taz: [4][Die Infrastruktur, um die es geht, steht längst auf der Erde].
Warum sollte man sie in den Orbit umziehen?
Möller: Man muss fragen, [5][was man dort oben kann, was auf der Erde nicht
möglich ist]. Da ist zum einen die digitale Ökonomie: Mit Starlink sehen
wir, dass das Internet zunehmend auch aus dem Weltall bedient wird. Zum
anderen der Sicherheitsbereich. In Zukunft wird es im Weltraum leider wohl
auch kriegerische Auseinandersetzungen geben, und da geschehen Dinge sehr
schnell. Eine Rakete kann auf ein Ziel zufliegen, ohne einer berechneten
ballistischen Kurve zu folgen. Dann bleibt keine Zeit für Analyse vom Boden
aus. Es ist ein entscheidender Vorteil, vor Ort Kapazität zu haben.
taz: Hardware ist nach ein paar Jahren überholt, im Orbit gibt es keine
Techniker, die die Karten wechseln, dazu schädigen Sonnenwind und kosmische
Strahlung die Halbleiter. Das sind hochgradig fehleranfällige Systeme.
Möller: Ich gehe von einem verteilten System aus: eine sehr hohe Anzahl
kleiner bis mittlerer Satelliten, die an der Rechenleistung beteiligt sind
und untereinander kommunizieren, wie im Internet. Einen Schutz um diese
sensiblen Infrastrukturen zu bauen, ist technisch machbar und letztlich
eine Kostenfrage. Die zweite Frage ist, inwieweit einzelne Ausfälle
akzeptiert werden. In einem verteilten System gäbe es kein zentrales
Element, welches ausfallen könnte, sondern immer nur ein Teil, einzelne
Satelliten wären betroffen. Hierbei könnte eine Fehlerquote von 5 bis
eventuell 10 Prozent pro Jahr systemtechnisch akzeptierbar sein.
Wahrscheinlich ersetzt man defekte Elemente regelmäßig.
taz: Ersetzen heißt: Es gibt [6][noch mehr Starts, noch mehr Satelliten in
den vollen Bahnen im niedrigen Erdorbit]. Die Europäische Weltraumagentur
ESA zählt schon jetzt mehr als 1,2 Millionen Trümmerteile. Ich vermute,
diese Umweltkosten werden nicht mit eingepreist?
Möller: Die Betreiber stehen im Wettbewerb, aber keiner hat ein Interesse
an [7][mehr Weltraumschrott]. Die Erfahrung zeigt: Auf ein
[8][international verbindliches Regelwerk] alleine wird man leider nicht
setzen können, man muss auch auf das Eigeninteresse der Unternehmen
vertrauen. Die Dynamiken im Orbit sind schneller als die Regierungen der
Erde. Optimistisch bin ich deshalb nicht. Wünschenswert wären eine
Regulierung und sogar Beschränkungen, wie viel man in den Orbit setzen
darf, aber das ist keine realistische Erwartung. Letzten Endes ist es
staatliche Verantwortung, wenn ein Akteur mit Sitz in einem Land etwas in
den Orbit setzt. Hauptanteilseigner sind aktuell die USA und China, und
dort setzt man auf Deregulierung. Da wäre eine bessere Balance absolut
wünschenswert.
taz: Alles in der Raumfahrt hängt an einer Rechnung, nämlich wie viel es
kostet, ein Kilogramm Nutzlast ins All zu schießen. [9][Dieser Preis lag
2025 für SpaceX bei knapp 4.000 Dollar]. Angenommen, es käme tatsächlich
dazu – ab welchem Preis würde sich ein Rechenzentrum im All rechnen?
Möller: Unser Institut hat einen Schwellenwert von 400 Dollar pro Kilo
errechnet. Aber das ist nur ein Teil der Antwort. Wenn es einen Mehrwert
gibt, darf der auch mehr kosten. In Konfliktsituationen ist Resilienz im
Orbit sehr wertvoll, gerade für Europa, das im All als Souverän agieren
sollte.
taz: Sie begründen den Mehrwert also militärisch. All die Satelliten, von
denen hier die Rede ist, werden aber nicht nur für militärische Zwecke
gebaut.
Möller: Der Begriff Dual Use ist in aller Munde, die Trennung zwischen
Sicherheits- und Digitaltechnik ist schwer zu vollziehen. Auch Starlink war
zunächst für den kommerziellen Markt gedacht und wird im Krieg in der
Ukraine genutzt. Heute sind in den USA mehr als 50 Prozent der öffentlichen
Investitionen in die Raumfahrt militärisch. Zu sagen, es gebe einen
militärischen Teil und der Rest sei etwas ganz anderes, wäre ein
Trugschluss.
taz: Auch am Boden wird auf eine erwartete Nachfrage hin gebaut, weil man
annimmt, der Verbrauch durch KI steige immer weiter. Gleichzeitig sind
viele Rechenzentren nicht einmal ausgelastet. Es spricht doch wenig dafür,
ausgerechnet am teuersten und technisch schwierigsten Ort noch mehr zu
bauen.
Möller: Das entscheidet der Markt. Der Markt hat im Moment gesagt: Ich gehe
mit SpaceX. So funktioniert Amerika, so funktioniert es bei allem, was
disruptiv ist. Genau da ist Europa in den letzten zwei Jahrzehnten
zurückgefallen.
taz: Der Markt entscheidet also, nicht die Frage, ob es überhaupt gebraucht
wird.
Möller: Schauen Sie sich zum Beispiel Daten [10][zum Internet aus der Mitte
der 90er Jahre] an, die kenne ich sehr gut, ich war dabei. Auch damals
fragte man: Was ist die Killeranwendung? Heute nennen meine jüngeren Kinder
das Internet eine Naturgewalt. Vielleicht ist die Raumfahrt morgen Teil
dieser Naturgewalten.
taz: Realistisch ist doch, dass Rechenzentren im All von
US-Privatunternehmen in Masse hochgeschossen würden. Das verstärkt unsere
Abhängigkeit als Europäer, statt sie zu verringern.
Möller: Europa ist nicht Erster, das gilt für die gesamte digitale
Ökonomie. Beim Rennen am Boden, der digitalen Wirtschaft, Internet und
Cloud haben wir vor 20 Jahren nicht mitgemacht und müssen überall auf
amerikanische Lösungen setzen. Bei Rechenzentren im All sind wir noch am
Beginn, das Fenster sehe ich in den nächsten drei bis fünf Jahren. Europa
benötigt dafür eine Verdoppelung der Investitionen, privat und öffentlich.
taz: Ein Mitarbeiter der Europäischen Weltraumbehörde nannte den Weltraum
mir gegenüber regulatorisch einen Wilden Westen. Die Internationale
Fernmeldeunion wiederum bezeichnet die erdnahen Umlaufbahnen in ihrer
Verfassung als begrenzte natürliche Ressource. Eine endliche Ressource
verträgt kein Wachstum ohne Grenze.
Möller: Am Ende ist das eine Frage nationaler Politik und ihrer Verhandlung
im globalen Kontext. Auch da tritt eine Weltmacht wie die USA sehr stark
auf, und die ist nicht an Überregulierung interessiert, sondern am freien
Markt – wie Sie sagen: bis hin zum Wilden Westen. Das hat sehr viel mit
Machtpolitik zu tun: Man möchte die digitale Ökonomie beherrschen und man
möchte die Sicherheitspolitik beherrschen. Sie sprechen von ewigem
Wachstum. Wir befinden uns in Europa in einer Echokammer, vielleicht etwas
im Stillstand. Stellen wir uns ruhig ein kleines bisschen in den Wind. Der
Wind bläst da draußen, und er wird uns alle erreichen, vielleicht auch
tragen.
taz: Die Industrie verspricht Klimaneutralität dank Solarstrom. Zu den
Emissionen der Raketenstarts – Ruß in der Stratosphäre, Ozonschäden,
Aluminiumoxid – gibt es verlässliche Forschung. Klimafreundlich sind
Rechenzentren im Orbit nicht, das ist Marketing.
Möller: Natürlich wird eine Firma bestimmte Dinge in den Vordergrund
stellen und andere weniger. Vielleicht braucht man gesetzliche Auflagen,
eine Art Nachhaltigkeitsstempel für Satelliten. Das muss aber international
funktionieren, sonst besetzt die Konkurrenz ohne Umweltauflagen den Markt.
taz: [11][Aus reiner Umweltperspektive] wäre es doch klüger, einfach
weniger hochzuschießen?
Möller: Es gibt ganz viele Dinge, wo wir in der Umwelt klüger sein können,
vielleicht auch weniger Satelliten hochschießen. Doch wenn wir uns in
Europa jetzt auf Stillstand einigen – was bedeutet das morgen? Nichts, da
haben wir keine Handhabe, nichts an der Hand. Wichtiger ist, mit eigener
Substanz am Tisch zu sitzen. Wenn Sie ohne eigene Infrastruktur dort
sitzen, werden Sie ignoriert.
7 Aug 2026
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