# taz.de -- Roman von Maria Reva: Wenn das Gehäuse links dreht
> Drei Frauen entführen dreizehn Männer in einem Wohnmobil voller
> Schnecken: Nichts ist zu absurd in Zeiten des Krieges und in Maria Revas
> brillantem Ukraine-Roman.
(IMG) Bild: Als „Endling“ wird das letzte lebende Individuum einer Art bezeichnet. In diesem Fall handelt es sich um eine Schnecke
Mit dem Humor ist es in Zeiten des Krieges so eine Sache. Darf man
humoristisch über den Krieg schreiben, wenn man nicht selbst mit im
Luftschutzbunker sitzt? Ja; nein; aber wenn doch, dann wie? Die
kanadisch-ukrainische Schriftstellerin Maria Reva hat sich für ein klares
Ja entschieden, und das Wie lotet sie in diesem Buch vielschichtig aus.
„Endling“ (was für ein schönes Wort!) heißt Revas fulminantes Romandebüt im
Original, und so hätte sein Titel auch auf Deutsch lauten können, wenn er
nicht schon mehrfach besetzt gewesen wäre. Als „Endling“ wird das letzte
lebende Individuum einer Art bezeichnet. In diesem Fall handelt es sich um
eine Schnecke: [1][Die Malakologin, also Schneckenexpertin] Jewa, lebt in
einem zum Labor umfunktionierten Wohnmobil, mit dem sie kreuz und quer
durch die Ukraine fährt, um vom Aussterben bedrohte Gastropoden-Spezies zu
retten. Ihre selbstgewählte Mission finanziert sie mit der bezahlten
Teilnahme an sogenannten „Liebestouren“, Massenveranstaltungen einer
Partnerschaftsvermittlung, bei denen ukrainische Frauen unverbindlich mit
Männern aus dem westlichen Ausland bekannt gemacht werden.
Doch viele der an den Brautschauen beteiligten Frauen suchen gar keinen
Mann, sondern sind einfach nur jung und brauchen Geld. So wie Jewa, und wie
die Schwestern Nastja und Sol, Töchter einer bekannten feministischen
Aktivistin, die sich seit Monaten nicht bei ihren Kindern gemeldet hat.
Deshalb hat die achtzehnjährige Nastja einen kühnen Plan entworfen: Sie
will einhundert westliche Junggesellen entführen, um der sexistischen
Groteske des Brautschautourismus etwas entgegenzusetzen und vor allem: um
die Mutter zu sich zurückzuholen.
Zur Umsetzung der spektakulären Aktion braucht sie Jewas Wohnmobil, in das
aber nur dreizehn Männer passen, darunter der gebürtige Ukrainer Pascha,
der in Kanada aufgewachsen ist und den eine unbestimmte Sehnsucht in die
unbekannte alte Heimat getrieben hat. Doch dann geht, kaum dass die drei
Frauen die dreizehn Männer unter falschen Versprechungen ins Wohnmobil
gelockt haben und losgefahren sind, der vollumfängliche Krieg los.
## Der Krieg bricht in den Roman ein
An dieser Stelle beginnt gewissermaßen ein anderer Roman, und wer weiß,
vielleicht stimmt es sogar, dass Maria Reva die Brautschaugeschichte – das
im Text nun auch selbst auftretende Autorinnen-Ich räumt ein, dass das ja
ein ganz klischeehaftes Thema sei – noch vor dem Februar 2022 zu schreiben
begonnen hatte. Auf jeden Fall bricht der Krieg nun mit solcher Wucht in
den Roman ein, dass an eine herkömmliche narrative Struktur nicht mehr zu
denken ist. Ein Spiel mit Fiktion und Fakten, mit auto- und metafiktionalen
Elementen, mit ständiger textueller Selbstreferentialität hat begonnen und
wird nicht mehr aufhören.
Aber so anstrengend das in dieser Kurzfassung klingen mag, so lässig kommt
der Text daher, denn wie nebenbei ist ihm eine Aura des Absurden,
Surrealistischen, Beinahe-Magischen zugewachsen. Und wie wäre denn einer
bisher für unvorstellbar gehaltenen Realität auch anders beizukommen als
mit ständig neuen Versuchen, diese neue Wirklichkeit mit eigenen
Gegenfiktionen gleichsam zu neutralisieren?
Zwischendurch tritt ein „Jurtenmacher“ auf, die personifizierte Metapher
eines abstrakten Meta-Autors, der in der Lage ist – im Gegensatz zur realen
Autorin, wie sie fürchtet – aus textlichen Versatzstücken („Jurten“) eine
große Einheitsjurte zu nähen. Und zwischen den verschiedenen Text-Jurten,
die ab nun das Roman-Patchwork bilden, und in denen wir unter anderem die
mitunter vielleicht reale, dann wieder halb-fiktionale Autorin erleben, die
sich große Sorgen um ihren trotzig im belagerten Cherson ausharrenden
Großvater macht, dazwischen also geht die Geschichte von Jewa, Nastja, dem
linksdrehenden Schnecken-Endling „Lefty“ und den entführten Junggesellen
weiter, um bei Cherson schließlich auf die russischen Truppen zu stoßen.
Mehr sollte an dieser Stelle nicht erzählt werden, außer dass es der
Autorin letztlich ganz hervorragend gelungen ist, ihre Jurten mit einem
stabilen, stets gut sichtbaren roten Faden zu vernähen, dem man gern über
alle Risse und Fältelungen des Stoffes hinweg folgt. Die Schnecke Lefty
wird übrigens am Ende kein Endling mehr sein und der Kanadier Sascha kein
Junggeselle. Wie könnte ein Roman auch schöner enden als mit einem
Happyend? Und sei es mit einem ironisch gemeinten.
4 Aug 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Roman-Ja-Schnecke-ja/!6066679
## AUTOREN
(DIR) Katharina Granzin
## TAGS
(DIR) Schwerpunkt Krieg in der Ukraine
(DIR) Roman
(DIR) Krieg
(DIR) Schwerpunkt Krieg in der Ukraine
(DIR) Kyjiw
(DIR) Politisches Buch
(DIR) Schwerpunkt Krieg in der Ukraine
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Gedenkkultur in der Ukraine: Eine Grünfläche für Roman Ratuschnyj
Der ukrainische Umweltaktivist Roman Ratuschnyj wurde im Krieg getötet. Mit
einem Festival führen seine Familie und Freunde sein Engagement fort.
(DIR) Besuch bei der Buchmesse in Kyjiw: Im Hauptquartier der Kulturstreitkräfte
Kyjiw wurde kurz vor dem „Book Arsenal“-Festival massiv beschossen. Die
Kulturszene ist stark davon betroffen, zeigt sich aber unerschütterlich.
(DIR) Sammelband über den Krieg in der Ukraine: Mehr als eine Generation ist verloren
Der Sammelband „Geteilter Horizont“ leistet eine erschütternde
Bestandsaufnahme dessen, was der Krieg in der Ukraine – auch geopolitisch –
anrichtet.
(DIR) Roman über Ukraine-Krieg: Was nützt deine Intelligenz an der Front?
Der Schriftsteller Szczepan Twardoch schickt einen Stadtmenschen in den
Krieg. Der Roman „Die Nulllinie“ beschreibt die Verrohung im Kampf.