# taz.de -- Gedenkkultur in der Ukraine: Eine Grünfläche für Roman Ratuschnyj
       
       > Der ukrainische Umweltaktivist Roman Ratuschnyj wurde im Krieg getötet.
       > Mit einem Festival führen seine Familie und Freunde sein Engagement fort.
       
 (IMG) Bild: „Helden sterben nicht“, so die Inschrift – Trauerfeier für Roman Ratuschnyj im Juni 2022
       
       Mitarbeit: Yelizaveta Landenberger
       
       Vor seinem Tod dachte Roman Ratuschnyj an seine Familie, an seine Freunde,
       an sein geliebtes Kyjiw – und an einen Maulbeerbaum. Er sorgte sich um
       einen berühmten, zweihundert Jahre alten Baum im Hof des Gedenkhauses Taras
       Schewtschenko in der ukrainischen Hauptstadt. „Schewtschenko-Baum“ wird er
       auch genannt, weil er den wohl berühmtesten ukrainischen Dichter
       inspirierte und direkt an dessen einstigem Wohnort steht. Ratuschnyj
       wollte, dass der beschädigte Baum überlebt – auch für den Fall, dass er
       selbst nicht überlebt.
       
       Roman Ratuschnyj setzte sich nicht nur für den Erhalt dieses Baums ein, er
       war einer der prominentesten Umweltschützer der Ukraine. Auf ihn ging eine
       Bürger*inneninitiative zurück, die den kleinen Stadtwald Protasiv
       Yar nahe dem zentralen Bahnhof Kyjiw-Passaschyrskyj vor der Bebauung
       schützen sollte.
       
       Als der Immobilienkonzern Daytona Group LLC im Jahr 2019 an dieser Stelle
       drei 40-stöckige Gebäude errichten wollte und bereits Bauzäune aufgestellt
       hatte, gründete er die NGO Save Protasiv Yar. Zuvor hatte er als
       Demokratieaktivist Berühmtheit erlangt, bereits als 16-Jähriger
       protestierte er 2013 auf dem Euromaidan und wurde von Sicherheitskräften
       verprügelt. Direkt nach Beginn des russischen Angriffskriegs schloss er
       sich der ukrainischen Armee an. Am 9. Juni 2022 wurde er bei Isjum getötet.
       Heute ist eine Straße in Kyjiw nach ihm benannt, es gibt einen Comic über
       ihn, zahlreiche Ehrungen.
       
       ## Das Gedenken bleibt
       
       Protasiv Yar ist nicht vergessen, Roman Ratuschnyj ist nicht vergessen. Das
       liegt an Freund*innen, die seiner gedenken, vor allem aber an seiner
       Mutter, der Lyrikerin und Journalistin Svitlana Povalyaeva. [1][Sie richtet
       an dem grünen Flecken mitten in Kyjiw einmal im Jahr ein Festival aus], bei
       dem Aktivist*innen, Künstler*innen und Intellektuelle zusammenkommen.
       Povalyaeva hat nicht nur Roman im Krieg verloren. Auch ihr ältester Sohn
       Vasyl Ratuschnyj starb im Februar 2025 bei Gefechten. Er hatte sich als
       Drohnenpilot den Streitkräften angeschlossen, war ebenfalls ein Aktivist.
       Das Festival soll an beide erinnern. Auch Vasyl Ratuschnyj ist nicht
       vergessen.
       
       Hilft das Fest der Mutter, über die schrecklichen Verluste hinwegzukommen?
       „Überwinden lässt sich die Trauer, die der Verlust eines Kindes mit sich
       bringt, eher nicht, das ist nur eine Redewendung“, sagt sie im
       Zoom-Gespräch. „Die Trauer wird immer Teil deines Lebens sein. Ich habe
       keine Freunde, die nicht jemanden im Krieg verloren hätten. Und das hilft,
       wenn man so will. Die Trauer, das ist die neue Realität, in der alle
       Ukrainer derzeit leben.“ Der Preis, den man für die Freiheit zu zahlen
       habe, sei allen Ukrainer*innen schmerzlich bewusst.
       
       Svitlana Povalyaeva setzt das Umweltengagement ihres Sohnes Roman fort,
       denn Protasiv Yar ist weiterhin von Bebauung bedroht. Ende Juni errang die
       Initiative aber einen wichtigen Sieg vor Gericht, der Oberste Gerichtshof
       stufte die Fläche als Naturschutzgebiet ein. Doch der juristische Streit
       könnte in die nächste Instanz weitergehen. Wenn es nach Povalyaeva geht,
       soll die Grünfläche ein Gedenkort bleiben. Einer, der für das Weiterleben,
       das Weiterwirken, das Wachsen steht. „Erinnerung bedeutet Handeln“, sagt
       die 52-Jährige, „wir in der Ukraine haben durch diesen Krieg gelernt, dass
       Erinnerung eigentlich etwas sehr Aktives ist.“ Es gehe darum, das Handeln
       des Verstorbenen fortzuführen,
       
       Das Gebiet Protasiv Yar ist in der Ukraine vor allem als Skigebiet bekannt,
       es gibt dort kleinere Abfahrten und Skilifte. Zum Ursprung des Namens
       Protasiv Yar („Schlucht von Protas/Protasiv“) gibt es zwei Überlieferungen:
       Eine sagt, er gehe auf einen General Nikolai Protasov zurück, der das Land
       einst besaß; eine andere, er beziehe sich auf einen Hofbesitzer namens
       Protas, der einst dort lebte.
       
       Die Vorgeschichte der Bebauung Protasiv Yars beginnt in den Nullerjahren.
       Der Kyjiwer Stadtrat hat damals einen Teil des etwa 30 Hektar großen
       Gebiets verpachtet, es sollte ein Wohn- und Gewerbekomplex entstehen.
       Seither wird um den Schutz des Gebiets gerichtlich gestritten. Die
       Umweltaktivist*innen um Roman Ratuschnyj wurden zu Beginn ihrer
       Initiative von Seiten der Bauherren massiv eingeschüchtert und bedroht. Im
       September 2019 griff einer der Wachleute [2][laut der ukrainischen
       Antikorruptions-NGO AntAC] die zuständige Gemeindekoordinatorin auf der
       Baustelle körperlich an, sie erlitt eine Gehirnerschütterung und eine
       Kieferverletzung.
       
       ## Svitlana Povalyaeva trauert dichtend um ihre Söhne
       
       Nach dem Tod Roman Ratuschnyjs wurde „Save Protasiv Yar“ auch vom Kyjiwer
       Stadtrat und von Bürgermeister Vitaly Klitschko unterstützt, der sonst eher
       als Freund der Immobilienwirtschaft bekannt ist. [3][„Die Schaffung des
       Naturschutzgebiets ist eine Hommage an das Andenken an Roman Ratuschnyj und
       ein Beweis dafür, dass seine Arbeit und die Arbeit vieler Kyjiwer Bürger,
       die für diese grüne Zone gekämpft haben, nicht vergeblich waren“, erklärte
       er damals].
       
       Svitlana Povalyaeva trauert auch dichtend um ihre Söhne. 2022 hat sie im
       Ukrainischen einen Lyrikband („Minlyva khmarnistʹ z projasnenjamy“,
       „Wechselnd bewölkt, mit Auflockerungen“) veröffentlicht. Darin verarbeitet
       sie deren Tod so, dass man immer wieder innehält, staunend ob der
       reduzierten Sprache, der treffenden Worte. Ein Gedicht lautet so:
       
       Er ist kurz vorbeigekommen, um Wäsche zu waschen.
       
       Ich glaube daran, dass er überleben wird,
       
       aber er wird nicht zurückkommen,
       
       denn aus dem Krieg kehrt man nicht zurück.
       
       — Warum schon wieder wir? Warum immer – wir?
       
       Warum schon wieder meine Söhne?
       
       — Nun, erstens, wir – nicht „wieder“, wir – allzeit.
       
       Zweitens: Wie viele Reime gibt es auf „nicht erloschen“?
       
       Beide Eltern haben die Söhne überlebt, beide Elternteile sind selbst als
       Aktivist*innen bekannt. Der Vater Taras Ratuschnyj setzt sich ebenfalls
       schon lange für den Schutz der Grünflächen und des architektonischen Erbes
       in Kyjiw ein und war Teil der Gruppe „Save Old Kyiv“. Mutter Povalyaeva
       packt heute als PEN-Ukraine-Mitglied beim Projekt „Unbreakable Libraries“
       mit an.
       
       Die Initiative bringt Bücher in die Städte in Frontnähe, wo Bibliotheken,
       Kultur- und Bildungsinstitutionen zerstört wurden oder fehlen. „In den
       befreiten frontnahen Gebieten gibt es nur noch wenige Menschen, es gibt
       auch weniger Kindergärten und Schule“, sagt sie. Bibliotheken würden diese
       Strukturen nun ersetzen. „Die Bibliothek ist nicht nur ein Ort, an dem
       Menschen Bücher ausleihen und lesen, sondern sie ist ein echter Hub, an den
       die Menschen ihre Kinder mitbringen und sich treffen. Sie ist auch ein
       Freiwilligenzentrum. Dort treffen sich Frauen, um Tarnnetze zu flechten
       oder um Uniformen zu nähen.“
       
       Im Kollektiv etwas Neues auf die Beine stellen, das ist Povalyaeva auch mit
       dem Protasiv-Yar-Festival gelungen. Mitinitiiert wurde das Festival, das
       2023 erstmals über die Bühne ging, von der bekannten TV-Journalistin
       Myroslava Barchuk. In diesem Jahr fand das Festival am ersten
       Juliwochenende statt, unter anderem waren Serhij Zhadan und [4][Oksana
       Sabuschko] zu Gast, zwei der berühmtesten Schrifsteller*innen der
       Ukraine.
       
       Personen wie Svitlana Povalyaeva ist es zu verdanken, dass die Ukraine
       bereits während des Kriegs eine lebendige Erinnerungskultur aufbaut. Der
       Zivilgesellschaft gelingt es nicht nur, die Front zu unterstützen, sondern
       auch, die Toten zu ehren, deren Engagement fortzusetzen. Dazu gehört
       selbstverständlich auch die Umwelt: Auf dem Protasiv-Yar-Areal kommen
       Umweltschutz und Gedenkkultur zusammen.
       
       [5][„Ich habe alles dafür getan, dass meine Taten und Handlungen auch nach
       meinem Leben fortwirken“, hat Ratuschnyj oft gesagt.] Auch im Fall des
       Maulbeerbaums am Taras-Schewtschenko-Gedenkhaus hat sich dies bewahrheitet.
       Der Baum wurde vor einiger Zeit behandelt, ein Baumpfleger hat sich um den
       von Pilzen befallenen, instabilen Baum gekümmert. Fürs Erste ist er
       gerettet.
       
       11 Aug 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://rubryka.com/en/2026/07/07/festyval-protasiv-yar/
 (DIR) [2] https://antac.org.ua/news/chronology-of-attacks-on-protasiv-yar-activists/
 (DIR) [3] https://www.bbc.com/ukrainian/features-62165897
 (DIR) [4] /Ukrainische-Autorin-ueber-Russland/!5903497
 (DIR) [5] https://www.facebook.com/hatyna.shevchenka/posts/pfbid0xiE1rTtXBc81t4RUatw3qfH2JEFDJ28eTABGtVGWBStuwp7qHX6Z5u1MrTEFiUtJl
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Jens Uthoff
       
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