# taz.de -- Die Wahrheit: Wer ist Iwer?
       
       > Die Zahl der täglich gesprochenen Wörter ist in den letzten Jahren stark
       > zurückgegangen. Der Zenit der sprachlichen Evolution ist überwunden.
       
       Wer zum Teufel ist eigentlich dieser Iwer? Diese Frage beschäftige mich
       neulich, nachdem ein Bekannter in einer Signal-Guppe seinen alten massiven
       Schreibtisch zu verschenken hatte. Er fragte: „Kann das Iwer gebrauchen?“
       Und ich fragte mich, warum er sich darüber nicht direkt bei Herrn oder Frau
       Iwer erkundigt. Wie sollten denn all diese Leute in der Gruppe die Frage
       beurteilen, in der nachweislich keine Person namens Iwer vertreten war?
       
       Nach längerer Grübelei kam ich auf den Gedanken, dass hinter der Frage eine
       Geschenkabsicht stehen könnte. Ich begann zugleich nach allen möglichen
       Iwers zu recherchieren, um dem fragenden Schenker alsbald mit einer
       hilfreichen Antwort zu dienen. Da kam mir meine Frau zu Hilfe und erinnerte
       mich daran, dass der Fragensteller in der IT arbeitet. „Du weißt doch, der
       kürzt alles ab. Bei ihm wird aus irgendwer iwer.“ Immerhin hat er noch
       Buchstaben und nicht nur Nullen und Einsen verwendet.
       
       ## Oma? Rücken!
       
       Aber nicht nur ITler, alle Menschen werden sprachfauler. Das bestätigt auch
       eine aktuelle Studie, die ausgewertet hat, dass die Zahl der täglich
       gesprochenen Wörter zwischen 2005 und 2019 pro Jahr von rund 16.000 auf
       etwa 12.800 Wörter zurückgegangen ist. Das fällt mir auch im Alltag auf.
       Besonders gern sparen die Sprecher an Artikeln und Präpositionen. Man fährt
       nicht mehr „zum Hauptbahnhof“, sondern einfach „Hauptbahnhof“. Während man
       sich einst noch die Frage nach dem gesundheitlichen Befinden der Grußmutter
       mit „Sie hat Beschwerden am Rücken“ beantwortet hatte, reicht heute ein
       „Sie hat Rücken“. Fortgeschrittene Sprachdegenerierte reduzieren den
       gesamten Dialog auf zwei Worte: „Oma? Rücken.“
       
       Wenn die Entwicklung der besagten Studie so weitergeht, sind wir mit
       unserem täglich benutzten Wortschatz im Jahr 2075 endgültig bei null
       angekommen. Dann befinden wir uns wieder in einem Zustand der
       vorsprachlichen Zeit. Also ungefähr da, wo wir vor 50.000 oder 100.000
       Jahren waren. Vielleicht ist das als Zeichen zu bewerten, dass der Zenit
       der Evolution überwunden ist und es nun wieder bergab geht.
       
       Die politischen Wahlen orientieren sich ja auch schon an den dreißiger
       Jahren des vorigen Jahrhunderts und die immer häufigeren Wolfssichtungen in
       besiedelten Gebieten können als Rückzug der Zivilisation bewertet werden.
       Dazu passt schon gut, dass der Mensch im Alltag nur noch grunzt, brüllt
       oder brabbelt. Demnächst unterstützt ihn dabei vermutlich eine implantierte
       KI, um mittels Analyse von Mimik und Gestik die künftige archaische
       Kommunikation zu übersetzen.
       
       A propos KI: Iwer, so ergab meine eingangs erwähnte Recherche, ist ein
       skandinavischer Vorname. Er bedeutet so viel wie „der Bogenschütze“. Als
       Nachname kommt er auch vor. Unter anderem ein Dirigent und ein
       Gewerkschaftler heißen so. Wer davon am wahrscheinlichsten einen
       Schreibtisch brauchen könnte, konnte mir die KI allerdings nicht verraten.
       
       4 Aug 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Günter Flott
       
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