# taz.de -- Die Wahrheit: Rummsen zum Schein
> Die Versicherungsbranche arbeitet aus Kostengründen neuerdings mit
> stunterfahrenen Unfallverursachern.
(IMG) Bild: Ordnungsgemäß wird der Unfall aufgenommen Foto: dpa
Es rumst und scheuert gewaltig! Schon wieder hat es ein Auto erwischt. Auf
schneeglatter Fahrbahn ist es von der Straße abgekommen und schlittert in
einem Nebel aus Schneegestöber und Funkenflug einige Meter die Leitplanke
entlang, bis es dann verbeult stehen bleibt. Dabei gesellt es sich zu
vielen anderen Unfallautos am Rande der A1 bei Osnabrück.
Mechthild Marmoski lächelt zufrieden. Sie beobachtet mit einem Fernglas das
Geschehen aus sicherer Entfernung von einem Rastplatz aus. „Schauen Sie
mal, wie vorsichtig die anderen Verkehrsteilnehmer nun an der Unfallkulisse
vorbeischleichen. Ganz behutsam bewegen sie sich fort“, freut sie sich und
stellt zufrieden fest: „Diese fingierten Unfälle sparen uns so richtig viel
Geld!“
Die widrigen Bedingungen auf den Straßen sind momentan eine echte
Herausforderung für Kfz-Haftpflichtversicherer. Die findige
Schadensexpertin hat eine konstruktive Lösung für das Problem gefunden:
Alles nur Show, die Unfälle sind gestellt. Und Mechthild Marmoski ist als
Schadenskoordinatorin eines großen Versicherungskonzerns in Coburg die
Drahtzieherin dieses Schauspiels.
„Der selbstbewusste Autofahrer ist mit Warnhinweisen, Verkehrsschildern und
Wetterberichten einfach nicht erreichbar. Was ihn aber überzeugt, ist die
Abschreckung“, rechtfertigt sie das ungewöhnliche Vorgehen. Marmoski
hingegen ist nur von Zahlen überzeugt. Und die geben ihr recht. Die
Versicherung bilanziert seit Beginn des Projekts einen deutlichen Rückgang
an Auszahlungen für Schadensfälle. Die Einsparungen durch vermiedene
Unfälle seien damit höher als die Kosten für das Projekt.
Marmoski selbst beziffert den sogenannten Prophylaxe-Index als weit über
Null. Damit die Rechnung aufgehe, halte man allerdings auch die
Einsatzkosten niedrig und kaufe für die Show-Unfälle ausschließlich
Fahrzeuge, die kurz vor der Verschrottung stehen. Die meisten dieser Autos
hätten nur noch wenige Wochen TÜV und seien nur für ein paar hundert Euro
pro Fahrzeug angeschafft worden. „Quasi ein Witz“, sagt Marmoski und lacht.
Als Fahrer werden Schauspieler eingesetzt. Viele könnten von der Film- und
Fernsehbranche gar nicht mehr leben und seien offen für alternative
Aufträge, berichtet die Schadensstrategin, während sie das Geschehen auf
der Autobahn weiterhin wohlwollend mit dem Fernglas beobachtet.
„Schauen Sie mal hier. Der hat früher einen Kommissar bei ‚Alarm für Cobra
11‘ gespielt“, jauchzt sie begeistert und zeigt auf einen Opel Corsa, der
soeben formvollendet über die Leitplanke geschanzt und auf dem Acker neben
der Autobahn auf dem Dach gelandet ist. Per Funk teilt sie dem Mimen gleich
den nächsten Einsatz mit, während der sich noch umständlich vom
Sicherheitsgurt befreit und aus dem Wrack klettert. „Schauspieler mit
Stunterfahrung sind Gold wert. Und sexy!“, murmelt Marmoski und leckt sich
die Lippen.
Noch mehr Gold wert wäre eine deutlich größere Abschleppflotte. Die Autos
müssten ja wieder von der Straße, um Platz für aktuelle Unfälle zu
schaffen, „ansonsten leidet die Glaubwürdigkeit“, erklärt die findige
Strategin und beklagt, dass der ADAC leider nicht sehr kooperativ sei, da
inszenierte Pannen nicht zum Hilfsangebot der Gelben Engel gehörten. Man
müsse deshalb seinen versicherungseigenen Pannendienst mit dem Beseitigen
der Altautos ausbauen.
Aber Marmoski zeigt sich zuversichtlich, dass das machbar sei, man habe
einen guten Kontakt zum Bundesverkehrsministerium. Jener verantworte
Fördertöpfe für Innovationsprojekte und stelle bereits eine lukrative
Anschubfinanzierung in Aussicht. „Der Mann wurde seinerzeit vom
Verkehrsminister Deluxe Andreas Scheuer auf den Posten gesetzt. Und ist
immer noch da. Das ist Gold wert!“
Marmoski ist generell gut vernetzt – zum Beispiel auch in die
Berufsgenossenschaft, die gegen Arbeitsunfälle versichert. „Für die setzen
wir Schauspieler im Fußgängereinsatz ein. Um von Wegeunfällen
abzuschrecken“, erzählt die kühl kalkulierende Ökonomin stolz. Sie räumt
allerdings ein, dass der Bürgersteig für stunterfahrene Profis häufig ein
nicht zweckmäßiges Overacting provoziere.
„Schauspieler haben dummerweise viel Freude an der darstellenden Kunst.
Neulich hat einer einen kunstvollen Sturz mit Flic-Flac und doppelten Salto
hingelegt. Das hat im dichten Berufsverkehr die Autofahrer so sehr
abgelenkt, dass wir einen fünffachen Auffahrunfall hatten. Das ist nicht
gut für den Prophylaxe-Index“, bedauert Mechthild Marmoski. Auf den
Bürgersteigen setzt sie seitdem ausschließlich Laiendarsteller ein. Die
seien wesentlich billiger.
9 Jan 2026
## AUTOREN
(DIR) Günter Flott
## TAGS
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