# taz.de -- Heidegger, Beuys und die Ökologie: Der Imperialismus des technisch organisierten Menschen
> Die Klimakatastrophe ist Ergebnis der Ausplünderung der Lebensgrundlagen.
> Dem ökologischen Problem widmeten sich bereits Heidegger und Beuys.
(IMG) Bild: Ökologisches Bewusstsein vermittelt durch Kunst: Für Joseph Beuys' Aktion „7.000 Eichen“ wurden in Kassel ab 1982 Bäume gepflanzt
Als der Philosoph Martin Heidegger am 26. Mai 1976 verstarb, kamen aus der
Anti-Atomkraft-Bewegung erste Bestrebungen, die Kräfte in einer neuen,
ökologischen Partei zu bündeln. Der Philosoph aus dem badischen Todtnauberg
hätte diese Regungen mit großem Interesse verfolgt, hat er doch die Risiken
der technologischen Entwicklung, die mit dem Wettrüsten, der Nutzung von
Nuklearenergie und der Beherrschung des Weltraums verbunden sind, äußerst
skeptisch verfolgt.
Der niederrheinisch-kosmopolitische Künstler Joseph Beuys, der nur zehn
Jahre nach Heidegger verstarb, hatte zwar mit dem Philosophen nur wenige
Berührungspunkte, doch in seiner ökologischen Ausrichtung gab es
frappierende Gemeinsamkeiten. Martin Heidegger zog es vor, sich den
Ritualen internationaler Konferenzen zu entziehen und lieber den Austausch
mit Künstlern wie dem Basken Eduardo Chillida zu pflegen, der während der
Franco-Diktatur an der Felsenküste von San Sebastián seine stählernen
„Windkämme“ errichtete. Die Stahlskulpturen wurden 1977, kurz nach
Heideggers Tod, vollendet.
Wiederum ein Jahr später veröffentlichte [1][Joseph Beuys], der bereits
durch seine Natur-Environments weltberühmt war, in der Weihnachtsausgabe
der Frankfurter Rundschau seinen „Aufruf zur Alternative“, der die frühen
Wahlprogramme der Grünen beeinflusste. Das ganzseitige Manifest kritisierte
„die Gefahr der atomaren Weltvernichtung“ durch die „aggressiven Absichten
der Supermächte“. Heidegger wäre mit Beuys’ Beschreibung der „ökologischen
Krise“ völlig einverstanden gewesen: „Wir praktizieren ein
Wirtschaftssystem, das auf hemmungsloser Ausplünderung der Naturgrundlage
beruht. Die Vernichtung wird weltweit betrieben. Zwischen Bergwerk und
Müllkippe erstreckt sich die Einbahnstraße der modernen
Industriezivilisation, deren expansivem Wachstum immer mehr Lebenslinien
und -kreisläufe des ökologischen Systems zum Opfer fallen.“
## Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung
Diese Rhetorik entsprach ganz der Linie der 1972 publizierten „Grenzen des
Wachstums“, einer Studie von Forschern des Massachusets Institute of
Technology (MIT) im Auftrag des Club of Rome. Im folgenden Jahr erhielt die
Forschergruppe um Jørgen Randers und Dennis Meadows in der Frankfurter
Paulskirche den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Und wenig später
trat Beuys demonstrativ in Frankfurt dem bürgerlich-ökologischen
Listenbündnis „Sonstige Politische Vereinigung/Die Grünen“ bei, um für die
Europaratswahl zu kandidieren. Vor der Parteigründung der Grünen und ihrem
Einzug in den Bundestag galt Beuys als zentrale Figur. Im Grunde
interessierten den Düsseldorfer Künstler die Grünen nur so lange sie noch
Bewegung, aber keine Partei waren.
Für die außerparlamentarische Bewegung dürfte auch Martin Heidegger große
Sympathien aufgebracht haben, mehr noch aber für eine Aktion, mit der
Joseph Beuys 1982 auf der Documenta 7 in eine monatelange Debatte
provozierte: „7000 Eichen: Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung“. Diese
Aktion bediente eine nicht von der Hand zu weisende deutschtümelnde
Naturromantik. Ungewöhnlich für Beuys’ Kunstaktion war die enge
Zusammenarbeit von Behörden, Bürgervereinen, Landschaftsarchitekten und
Kuratoren. Am Ende war es ein organisatorischer Kraftakt von erstaunlicher
Breitenwirkung.
Heideggers Gedanken zu einer ökologischen Philosophie, die sich mit denen
von Beuys treffen sollten, entstanden in einer Zeit, als die Vorbereitungen
zu Massenvernichtung und Krieg im vollen Gange waren. Um 1938 gehörte er zu
den ersten Kritikern einer der kapitalistischen Wirtschaftsweise inhärenten
Verschwendungssucht, einer Mentalität, die nicht aufbauend, sondern primär
nihilistisch und destruktiv ist. Zum Stichwortgeber für eine Ökophilosophie
wird Heidegger durch die „Kehre“, die maßgeblich beeinflusst wurde durch
seine Lektüre der griechischen Naturphilosophen und ihr Verständnis von
technè. Dieses sprachliche Verständnis wähnte er noch frei von jeglichem
instrumentellen Verhältnis zur Welt.
## Im Zeitalter der Vernutzung
Erst viel später, in der Folge von Neuzeit und Industrialisierung, als die
Technik unser Verständnis von Welt grundlegend veränderte, als die Welt zum
Weltbild und das Ding zum Gegenstand wurde, haben diese Dinge ihre
Kleist'sche Unschuld verloren. Das utilitaristische Denken des 19.
Jahrhunderts führte dazu, dem Gegenstand einen Nutzen, einen Zweck zu
unterstellen und das Zweck-Nutzen-Denken zum Prinzip menschlicher Tätigkeit
zu machen. Dieses Denken führe zwangsläufig, so Heidegger, zum „Zeitalter
der Vernutzung“, die Beuys als „hemmungslose Ausplünderung der
Naturgrundlage“ beschreiben sollte.
[2][Unter diesem Blickwinkel betrachtete Heidegger die Entwicklung der
nationalsozialistischen Herrschaft nach seinem gescheiterten Freiburger
Rektorat von 1933/4]: Zunehmend machte er sich Gedanken über die Vernutzung
unserer natürlichen Grundlagen, über die industrielle Massenproduktion, die
sich bereitwillig in den Dienst der expansiven Kriegstechnologie stellte.
Im Zuge der technischen Herrschaft über die Erde erkennt Heidegger bei den
globalen Mächten den Hang zur restlosen Ausbeutung der natürlichen
Ressourcen, während er in der militärischen Vernutzung eine logische
Fortsetzung und Steigerung wirtschaftlicher Vernutzung sieht: „Der Krieg
ist zu einer Abart der Vernutzung des Seienden geworden, die im Frieden
fortgesetzt wird.“
In den folgenden Kriegsjahren, in denen die Zerstörung globale Ausmaße
annahm, fokussierte sich Heidegger – zurückgezogen in seiner Todtnauberger
Hütte – zusehends auf die vermeintlich bewahrenden Kräfte. Darauf kommt er
in seinen Notizen, die er 1936 begann, immer wieder zurück. In den posthum
veröffentlichten Beiträgen zur Philosophie spricht er von der „Erneuerung
der Welt aus der Rettung der Erde“, einer Erde, die auf allen – geistigen,
materiellen und wirtschaftlichen – Ebenen bedroht ist: „Die Erde retten ist
mehr als sie ausnützen. Das Retten der Erde meistert die Erde nicht und
macht sich die Erde nicht untertan, von wo nur ein Schritt ist zur
schrankenlosen Ausbeutung.“
## Gegen die „Cowboy Economy“
Die vor etlichen Dekaden geschriebene Diagnose mutet heutzutage wie eine
Prophetie an, weil sich die kriegerischen Exzesse und die
Völkerrechtsbrüche der militärischen Mächte von Mal zu Mal verschärfen.
Dass sich die Raubzüge gegenüber der Natur ebenso planmäßig abspielen wie
die militärischen Exzesse, lässt sich bereits 1966 beim amerikanischen
Ökonomen Kenneth Boulding in „The Economics of The Coming Spaceship Earth“
nachlesen, einer fundamentalen Kritik am neoliberalistischen
Wachstumsfetisch.
Wahrscheinlich hat Heidegger den Ökonomen, der großen Einfluss auf die
Politik, aber nur marginalen auf die Wirtschaftseliten hatte, allenfalls am
Rande wahrgenommen. Aber die Mentalitäten dieser grundverschiedenen
Persönlichkeiten sind frappierend ähnlich. Boulding prägte damals das für
jeden Amerikaner verständliche Bild der „Cowboy Economy“, das in
John-Wayne-Manier assoziiert ist „mit endlosen Weiten, rücksichtslosem,
ausbeuterischem, romantischem und gewalttätigem Verhalten“.
US-Präsident Donald Trump gilt heute als gnadenloser Verfechter der „Cowboy
Economy“. Seitdem sich Trump zum Vorkämpfer für mehr Ölbohrungen machte,
wittern die Big-Oil-Unternehmen wie Shell und Exxon, die zuvor noch die
Werbetrommel für die „grüne Wende“ schlugen, das große Geschäft. So plant
Exxon einen Ausbau der Öl- und Gasproduktion bis 2030 um 18 Prozent auf 5,4
Millionen Barrel pro Tag. Big Oil erwartet mittelfristig einen stark
wachsenden Öl- und Gasverbrauch, allen Bemühungen um die Energiewende zum
Trotz.
## Die graue Energie wird nicht genutzt
Die von Heidegger auch nach dem Krieg gebrandmarkte Vernutzung der
natürlichen Ressourcen setzt sich in der Gegenwart der kapitalistischen
Produktionsweise fort, in einem völlig unhinterfragten Wachstumsfuror, der
im Bausektor als Wohnungsbau- und Neubauturbo daherkommt. Statt die graue
Energie von Bestandsbauten zum Um- und Weiterbau zu nutzen, werden in
Deutschland 90 Prozent der mineralischen und nachwachsenden Rohstoffe für
Neubauten verbraucht.
Deswegen kritisiert Elisabeth Broermann, Gastprofessorin an der TU Berlin
im Fachbereich „Architecture for Future“, eine Bodenpolitik, die die
Vernutzung im großen Maßstab fortsetzt: „Wir bauen als gäbe es kein Morgen
und wirtschaften über unsere Kapazitäten hinaus. In Deutschland werden im
Schnitt täglich 52 Hektar, das sind 72 Fußballfelder, neue Siedlungs- und
Verkehrsflächen ausgewiesen, wovon grob die Hälfte komplett versiegelt
werden.“
Daran wird sich, so Olaf Grawert von der europäischen Bürgerinitiative
House Europe!, absehbar wohl nichts ändern. Denn die gängige Praxis von
Abriss und Neubau ist nun einmal höchst profitabel: „Eine materialintensive
Wirtschaft verspricht mehr Gewinn als eine arbeitsintensive, weil Abriss
und der anschließende Neubau einen höheren Materialverbrauch und damit
verbundene Wirtschaftsaktivitäten nach sich ziehen.“ Der Berliner Architekt
spricht aus, wie im Bausektor eine auf hemmungsloses Wachstum ausgerichtete
Wirtschaftsweise zu einer endlosen Materialverschwendung führt, die immer
nur eines hervorbringt: die kapitalistischen Mechanismen der
Wegwerfgesellschaft.
Martin Heidegger hat für den Verschwendungswahn die Formel vom
„planetarischen Imperialismus des technisch organisierten Menschen“
geprägt. Wer bei ihm nach Auswegen aus dem Dilemma sucht, wird sich
allerdings schwertun. Wie er sich konkret die Rettung der Erde vorstellt,
präzisiert er nicht, auch geht er nur vage auf die unmittelbaren
Bedürfnisse der Menschen in den Nachkriegsjahren ein.
Anders Joseph Beuys, der mit seinen „7000 Eichen“ ein starkes Zeichen für
einen klimasensiblen Weltbezug setzte. Noch Jahrzehnte später, in Zeiten
zunehmend heißer werdender Sommer und verschärfter Klimakrise, wirbt „7000
Eichen“ für Heideggers weiterhin gültige Einsicht: Die „Erneuerung der Welt
(kommt) aus der Rettung der Erde“.
2 Aug 2026
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(DIR) Klaus Englert
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