# taz.de -- Attacke auf den Flughafen Leipzig: Ein Drohnenangriff – und nun?
> Nach dem Drohnenvorfall in Leipzig lässt die Regierung offen, ob Russland
> dahinter steckt. Sie liefert aber ein Argument für ihre
> Geheimdienstreform.
(IMG) Bild: Geheimdienste sollen mehr dürfen: Hier guckt der BND, was vor seiner Haustür in der Berliner Chausseestraße los ist
Es sind fünf Männer, die derzeit im litauischen Vilnius vor Gericht stehen,
ein Litauer, zwei Ukrainer, zwei Russen, 23 bis 69 Jahre alt. Der Vorwurf:
Sie sollen am 19. Juli 2024 in Litauen vier Pakete mit Sprengsätzen und
Zeitzündern verschickt haben. Eines davon explodierte in einem LKW in
Polen, eines in einem DHL-Lagerhaus in Birmingham. Und eines explodierte
auf dem Flughafen Leipzig kurz vor seiner Verladung in ein Flugzeug und
setzte einen Frachtcontainer in Brand. Es war die erste Katastrophe, der
der Flughafen knapp entging.
Eine europäische Ermittlergruppe hatte die fünf Männer und weitere
Tatverdächtige danach aufgespürt, koordiniert von der EU-Agentur Eurojust,
auch das deutsche BKA war dabei. Sie waren sich sicher: Der russische
Militärgeheimdienst stiftete die Beschuldigten an. So steht es auch in der
Anklage des Prozesses in Vilnius. Der Vorwurf dort: Terror.
Die zweite Beinahekatastrophe geschah vor wenigen Tagen am Flughafen
Leipzig – als dort [1][eine mit Sprengstoff bestückte Drohne auftauchte],
die auf ein ukrainisches Frachtflugzeug geprallt sein soll. Nur durch einen
defekten Zünder explodierte sie nicht. Ein Busfahrer entdeckte die Drohne
und soll sie mit dem Fuß am Boden gehalten haben. Zudem kollidierte ein
DHL-Frachtflugzeug mit einem Gegenstand, wohl einer zweiten Drohne. Geprüft
werden derzeit zudem Zeugenaussagen, wonach es in einem Dorf neben dem
Flughafen eine Explosion gegeben habe.
Es ist eine Eskalation. Seit Jahren notieren Behörden auffällige Drohnen
über Flughäfen oder Kasernen in Deutschland. Eine Drohne mit Sprengstoff
aber, das ist neu – eine Kampfansage mit anderer Qualität. Inzwischen
ermittelt die Bundesanwaltschaft, der Nationale Sicherheitsrat tagte
telefonisch. Wer hinter der Attacke steckt, dazu aber schweigt die
Bundesregierung bislang – was in der Opposition zunehmend Irritationen
auslöst. Denn der Drohnenangriff passt in eine Reihe hybrider Angriffe
Russlands hierzulande und anderswo in Europa.
## „Zunehmend eskalativ“
Dazu gehören auch [2][Cyberangriffe, etwa gegen die Deutsche
Flugsicherung]. Ebenso die [3][Anti-Merz-Skelette], die im Auftrag einer
russischen Agentur vor dem Brandenburger Tor abgelegt wurden, wie die taz
offenlegte. [4][Die 270 Pkws, deren Sabotage mit Bauschaum]
Umweltaktivisten in die Schuhe geschoben werden sollte. Oder die
[5][Desinformationskampagne namens „Matrjoschka“], die vor den anstehenden
Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin derzeit
läuft. Und zuletzt waren es gleich mehrere sogenannte Wegwerfagenten – von
russischen Diensten angeworbene Handlager –, die die Bundesanwaltschaft
festnehmen ließ. Sie sollen Kasernen, militärische Konvois oder den Chef
einer bayerischen Drohnenfirma ausgespäht haben. Wozu? Für einen Anschlag?
Verfassungsschutzchef Sinan Selen attestierte Russland schon vor Monaten,
„zweifellos aggressiv, offensiv und zunehmend eskalativ“ aufzutreten. Das
Land überschreite „brandgefährliche Grenzen“. Auch BND-Chef Martin Jäger
schrieb Russland „eine neue Qualität der Konfrontation“ zu, Europa solle
„in die Selbstaufgabe getrieben“ werden.
Nach dem Drohnenangriff in Leipzig fehlen diese deutlichen Worte.
Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) unterbrach zwar seinen Urlaub,
sprach dann aber nur von „fremden Mächten“ und einer „neuen
Gefahrenqualität“. Anders nach dem jüngsten Attentat auf den CSD in Berlin:
Dort wartete Dobrindt sofort mit politischen Forderungen auf. Kanzler
Friedrich Merz (CDU) schweigt bisher gänzlich zu dem Drohnenvorfall,
Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) ebenso. Kein Wort zu Russland.
Sicherheitsbehörden haben inzwischen jedoch wenig Zweifel, dass die Spur
wieder nach Moskau führt. Dafür spricht das attackierte Flugzeug, eine
ukrainische Antonow-Frachtmaschine. Da ist der gefundene Sprengstoff:
Semtex. Da sind Berichte von US-Geheimdiensten, die die Tat Russland
zuschreiben.
## Deutschland zeige sich schwach
Und dann scheint es kaum zufällig zu sein, dass nach dem in Brand gesetzten
Paket im Juli 2024 nun erneut der Flughafen Leipzig ins Visier gerät. Einem
Medienbericht, wonach an der Drohne DNA gefunden worden sei, die direkt zu
den litauischen Verdächtigen führe, wird zwar in den Sicherheitsbehörden
widersprochen. Aber woher die Sprengstoffpakete damals kamen, da sind sie
sich einig. Monatelang ermittelten sie zu den Paketen, allein die
litauischen Akten füllen 49 Ordner. Am Ende standen 22 Beschuldigte, aus
Russland, Litauen, Lettland, Estland oder der Ukraine. „Hochgradig
koordiniert und unter strengster Geheimhaltung“ seien diese vorgegangen,
heißt es von der Generalstaatsanwaltschaft Vilnius. Angeworben über
Telegram-Kanäle, die Aufgaben auf mehrere Personen verteilt, Verstecke
bereitgestellt, entlohnt mit Kryptogeld.
In den Paketen sei hochentzündliches Thermit in Massagekissen versteckt
gewesen, so die Anklage. Beigelegt waren Kosmetikprodukte mit zusätzlich
brennbaren Gemischen. Als die Polizei bei den 22 Beschuldigten anrückte,
fand sie weitere Sprengsätze und Zünder – und eine Verbindung zu einem
weiteren Brand, bei Ikea in Vilnius im Mai 2024.
Und nun, zwei Jahre später, fliegt eine Sprengstoffdrohne auf den Flughafen
Leipzig.
Dass die Bundesregierung dafür bisher keine Verantwortlichen benennt,
kritisiert der grüne Fraktionsvize Konstantin von Notz, der auch im
Kontrollgremium der Geheimdienste des Bundestags sitzt. „Es ist maximal
irritierend, wie sehr die politisch Verantwortlichen sich trotz sehr klarer
Indizien seit nunmehr vielen Tagen um klare Einschätzungen und Handlungen
drücken“, sagte er der taz. „Das zeigt erneut, wie blank man bei der
dringend notwendigen Bekämpfung dieser krass gestiegenen Bedrohungen bis
heute ist.“
Nach einigen Vorfällen der letzten Zeit bestellte Deutschland den
russischen Botschafter ein, wies Diplomaten aus. Nun könnten auch weitere
Sanktionen gegen Moskau folgen, wenn der Drohnenangriff wirklich Russland
zugeschrieben wird. Aber beeindruckt das den Kreml?
In der Union fordert etwa der Außenpolitiker Roderich Kiesewetter mehr:
Nato-Konsultationen einzuberufen, eine Taurus-Ausbildung für die Ukrainer
und eine Schließung des Russischen Hauses in Berlin, das als Spionagehort
gilt. Auch der Grüne von Notz sieht „die perfekte Gelegenheit, mal
tatsächlich Law and Order durchzusetzen, und zwar gegenüber einem Despoten
und Aggressor, der unser Land mit bewaffneten Drohnen offen angreift“.
Stattdessen bleibe nach Leipzig aber auch nur die geringste Konsequenz aus,
schaffe man es nicht mal, das Russische Haus zu schließen. „Das
demonstriert Schwäche und bestärkt Putin in seinem Handeln.“
## Finger weg vom Trennungsgebot
Zumindest, was den Schutz angeht, versprach Innenminister Dobrindt
schließlich [6][eine Aufstockung der mobilen Drohneneinheit bei der
Bundespolizei] von 130 auf 300 Stellen. Und, dass die Technik zur
Drohnenabwehr an Flughäfen ausgebaut werden soll. In Sachsen-Anhalt wird am
Dienstag ein Drohnenforschungszentrum eröffnet. Schleswig-Holsteins
Ministerpräsident Daniel Günther (CDU) brachte noch einen Einsatz der
Bundeswehr im Inneren ins Spiel.
Und die Bundesregierung verabschiedete am Mittwoch eine Reform der
deutschen Geheimdienste BND und Verfassungsschutz, [7][die tatsächlich eine
Zäsur darstellt]. Dobrindt sprach von einer „neuen Zeitrechnung“ und einer
Antwort auf die schärfere Bedrohungslage. Künftig sollen die Dienste nicht
mehr nur Informationen sammeln, sondern auch selbst „aktive Maßnahmen“
ergreifen dürfen. Für den BND hieße das etwa: stören von Funkverkehr,
Cyberattacken gegen feindliche Computer oder ausschalten von
Krypto-Wallets.
Den Diensten beschert das eine Fülle neuer digitaler Befugnisse. Zugleich
wird das Gebot der Trennung zwischen Geheimdiensten und Polizei
aufgeweicht, das eigentliche eine Lehre aus der NS-Zeit ist. Die Kontrolle
wird auf den achtköpfigen Unabhängigen Kontrollrat begrenzt – die
Bundesdatenschutzbeauftragte bleibt außen vor.
Der Opposition geht das viel zu weit. „Geschichtsvergessen und
verantwortungslos“ sei die Aufgabe des Trennungsgebots, kritisiert die
Linke. Die Grünen unterstützen zwar eine Reform, halten es aber für
„undurchdacht und gefährlich“, dass auch der Verfassungsschutz so
weitreichende Befugnisse erhält. Auch in der SPD mehren sich kritische
Stimmen. Grundsätzlich sei es richtig, dass sich die Dienste der
Sicherheitslage anpassten, sagte der digitalpolitische Sprecher der Partei,
Johannes Schätzl, der taz. Die neuen Befugnisse seien aber „erheblich“,
bräuchten „hohe rechtliche Hürden“ und müssten im parlamentarischen
Verfahren „sehr genau geprüft werden“. Und es gebe für ihn rote Linien:
„Das Trennungsgebot zwischen Nachrichtendiensten und Polizei darf nicht
schleichend aufgeweicht werden, und digitale Gegenschläge im Sinne von
Hackbacks sehe ich äußerst kritisch“, so Schätzl. Zudem dürften „mehr
Befugnisse niemals weniger Kontrolle bedeuten“.
## Eine Spur nach Moskau
Hätten die neuen Befugnisse im Fall der Leipziger Drohne geholfen?
Vielleicht hätten die Geheimdienste Informationen abfangen können, um den
Plan vorab zu bemerken. Ist die Drohne aber schon in der Luft, wäre weiter
unklar, wer sie stoppen dürfte. Die Landespolizei, die Bundespolizei, die
Bundeswehr – oder künftig der BND? Dieses Zuständigkeitsgewirr bleibt – und
auch die weiter sehr überschaubare Technik, dagegenzuhalten.
Im Fall der Leipziger Drohne dementiert derweil Russlands Botschaft, etwas
damit zu tun haben, kritisiert eine „neue Welle antirussischer Hysterie“.
Aber auch schon nach den explodierten Paketen im Juli 2024 sprach die
Botschaft von „Verschwörungstheorien“ und „Paranoia“ – dann folgten die
Festnahmen der 22 Beschuldigten, deren Spur bis nach Moskau führt.
Und die Aktionen gingen weiter. Noch im März 2025 verschickten etwa in Köln
drei Männer zwei Pakete Richtung Ukraine. Die Polizei fand darin
GPS-Tracker und geht davon aus, dass damit Versandrouten und
Transportabläufe ausgeforscht werden sollten, um später weitere Brandsätze
zu verschicken. Die Bundesanwaltschaft ließ darauf das Trio, drei Ukrainer,
festnehmen. Ihre Auftraggeber hätten in Mariupol gesessen, erklärte die
Behörde. Sie kämen von einem russischen Nachrichtendienst.
14 Aug 2026
## LINKS
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## AUTOREN
(DIR) Konrad Litschko
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