# taz.de -- Ex-Präsidentin über ihr Land: „Georgien ist Russlands Testlauf“
> Sechs Jahre war Salome Surabischwili Georgiens Präsidentin. Ein Gespräch
> über das aktuelle Regime, Repression und eine Zivilgesellschaft, die viel
> riskiert.
(IMG) Bild: Salome Surabischwili, rot gekleidet, 2024 bei einer Demo von Regierungskritiker*innen in Georgiens Hauptstadt Tbilissi
taz: Frau Surabischwili, Sie waren von 2018 bis 2024 Staatspräsidentin
Georgiens. Wie charakterisieren Sie das derzeitige politische System des
Landes?
Salome Surabischwili: Das ist ein Staat, der von Russland gekapert wurde
oder gerade dabei ist, gekapert zu werden.
taz: Wie genau sieht die Einflussnahme Russlands aus?
Surabischwili: Das Regime unter der Regierungspartei Georgischer Traum ist
eine Grauzone. Die Führung ist gegenüber Russland sehr nachsichtig, und
faktisch ist alles erlaubt. Jegliche Art von illegalen Schmuggelgeschäften
ist möglich. Sobald diese Führung dann auch noch garantiert, die
Verbindungen zu Europa zu kappen, läuft es. Das war ja Russlands
vorrangiges Interesse in Bezug auf die Ukraine – sicherzustellen, dass
Kyjiw niemals der EU oder der Nato beitritt. Doch anders, als in der
Ukraine, kostet das Moskau im Falle Georgiens nichts. Wegen Russlands
Vorgehen in Georgien gibt es bislang keine westlichen Sanktionen gegen
Moskau.
taz: Müssen die [1][westlichen Staaten genauer auf Georgien schauen]?
Surabischwili: Georgien ist Russlands Testlauf für eine Alternative zu
jener Art von Würgegriff und Aggression, wie wir sie in der Ukraine
erleben. Was Moskau in Georgien getan hat, kann es auch in Deutschland oder
Frankreich tun. Man braucht dazu lediglich ein paar „nützliche Idioten“.
Und dann müssen nur noch die Wahlen manipuliert werden.
taz: In welchem Zustand befindet sich die Opposition?
Surabischwili: Sie ist gespalten. Noch gravierender ist: Die
Oppositionsparteien würden gern so weiterarbeiten, als agierten sie in
einem demokratischen System. Gegen ein Regime dieser Art kann man jedoch
keine Wahl gewinnen. Denn hier haben wir es mit einem autoritären Regime zu
tun. Dieses Regime spaltet, es nutzt Unterschiede und Gegensätze aus. Ohne
eine breite Widerstandsfront, in der diese Parteien an einem Strang ziehen,
wird es nicht funktionieren.
taz: Sehen Sie Anzeichen dafür, dass das jetzt passieren könnte?
Surabischwili: In den Augen der Bevölkerung haben sich die Parteien
diskreditiert, weil es ihnen nicht gelungen ist, wirksamen Widerstand zu
leisten. Sie haben es versäumt, als jene Verteidiger von Rechten
aufzutreten, die sie hätten sein können. Die Parteien können nur Vertrauen
zurückgewinnen, wenn sie beweisen, dass sie in der Lage sind, ihre eigenen
Machtansprüche erst einmal zurückzustellen.
taz: Wie stark ist die georgische [2][Zivilgesellschaft] heute, wo steht
sie?
Surabischwili: Es gibt definitiv eine wachsende Unzufriedenheit. Zur
Frustration der proeuropäisch eingestellten Menschen kommen Maßnahmen
hinzu, die sich gegen bestimmte Bevölkerungs- und Berufsgruppen richten.
Angesichts der wachsenden Risiken, die damit verbunden sind, auf die Straße
zu gehen, warten die Menschen ab und fragen sich: „Ab wann lohnt es sich,
dieses Risiko einzugehen?“ Ziel dieser Strategie der Spaltung ist es, die
Bevölkerung zu demoralisieren, damit sie sich handlungsunfähig fühlt. Die
Folge ist: Viele Georgier*innen verlassen das Land. Und denjenigen, die
nicht gehen, bleiben noch weniger Mittel für den Widerstand.
taz: Was lässt sich über Bidzina Iwanischwili sagen, den
Multimilliardär und Gründer des Georgischen Traums, der in der Politik
immer noch die Strippen zieht?
Surabischwili: Er traut niemandem mehr und tauscht nacheinander sein
gesamtes Umfeld aus – einschließlich jener, die einst seine engsten
Vertrauten waren. Er lebt in einer Blase und ist von absoluter Paranoia
besessen. Wie Russlands Präsident Wladimir Putin besitzt er mehrere
Anwesen, zwischen denen er wechselt. Er hat sogar eine Flugverbotszone mit
einem Radius von 50 Kilometern um seinen Landsitz in den Bergen einrichten
lassen.
taz: Welchen Einfluss hat der Ukrainekrieg auf Georgien?
Surabischwili: Im Sommer 2021 war Russland schon dabei, seinen
Angriffskrieg gegen die Ukraine vorzubereiten. Etwa zeitgleich hat Moskau
den Druck auf Tbilissi erhöht. Moskau wollte und will es nicht gleichzeitig
mit einem Krieg in der Ukraine und einem Georgien zu tun haben, das sich
auf Europa zu bewegt. Eine weitere Folge ist ein massiver Zustrom von
Russ*innen nach Georgien, der bis heute unkontrolliert verläuft. Diese
Situation ist gefährlich. Hinzu kommt: Ein Regime wie in Russland lässt
nicht 100.000 Menschen ziehen, ohne zuvor sicherzustellen, dass sich
darunter Personen befinden, die Moskau für künftige Aufgaben benötigt.
taz: Wird Russlands Krieg gegen die Ukraine auf dem Schlachtfeld
entschieden oder durch Verhandlungen beendet?
Surabischwili: Russland hat diesen Krieg bereits verloren – politisch,
moralisch und psychologisch. Moskau hat keines seiner militärischen Ziele
erreicht. Um diese Niederlage auf dem Schlachtfeld in eine gänzliche
Niederlage zu verwandeln, müssen die Verbündeten der Ukraine bereit sein,
Kyjiw bis zum siegreichen Ende zu unterstützen. Wir dürfen der Ukraine
einen Sieg nicht allein aus der Befürchtung heraus verwehren, dass ein
besiegtes Russland gefährlicher sein könnte als ein aggressives Russland.
Echte Verhandlungen müssen auf der Realität vor Ort basieren. Russland muss
gezwungen werden, alle besetzten Gebiete aufzugeben. Geschieht dies nicht,
wird Moskau nicht von seinem imperialen Wesen ablassen.
taz: Auf welches Szenario sollten sich die westlichen Staaten vorbereiten?
Surabischwili: Russland hat aus seiner militärischen Aggression – aus den
Kosten und seinen Misserfolgen – gelernt und verfolgt nun gegenüber den
europäischen Staaten eine Doppelstrategie, die vor allem psychologischer
Natur ist. Einerseits wird mit Drohungen hantiert – hier und da werden
Drohnen eingesetzt oder gelegentlich Atomwaffen ins Spiel gebracht.
Andererseits kommt es zu kleineren Grenz- oder Seegebietsverletzungen. All
dies zielt darauf ab, die Nachbarländer – insbesondere die [3][baltischen
Staaten und Polen – unter Druck zu setzen]. Dieser Teil der Strategie führt
nicht unbedingt zu einer militärischen Aggression. Daneben gibt es eine
indirekte Strategie gegenüber europäischen Ländern. Dabei geht es darum,
wie Wahlen manipuliert werden, wie künstliche Intelligenz zur
Destabilisierung eingesetzt wird und wie man sich jener „nützlichen
Idioten“ bedient, die in all diesen Ländern schon seit Jahrzehnten
existieren.
taz: Haben europäische Politiker*innen verstanden, was auf dem Spiel
steht?
Surabischwili: Die Europäer*innen haben einen klareren Blick auf
Russland als je zuvor. Es stehen mehr Ressourcen zur Verfügung, doch diese
reichen nicht aus. Europa konzentriert sich auf die militärische
Verteidigung. Demgegenüber werden in Bereiche wie künstliche Intelligenz
und Cybersicherheit nicht genügend Mittel gesteckt. Übrigens: Ich selbst
war Gegenstand des Einsatzes künstlicher Intelligenz. Es kursierten Videos
mit meiner Stimme auf Russisch, aber das spreche ich gar nicht.
taz: Welche persönliche Bilanz ziehen Sie nach sechs Jahren im höchsten
Staatsamt?
Surabischwili: Ursprünglich bin ich davon ausgegangen, dass ich als
Präsidentin vor allem für das Image der georgischen Kultur im In- und
Ausland und durch Projekte zur Kindergesundheit viel würde bewirken können.
Doch die Zäsur kam Ende 2020 mit der Hinwendung zu Russland. Ich war der
vielleicht irrigen Ansicht, es handele sich schlicht um den Versuch des
Regimes, sich an der Macht zu halten. Damals glaubte ich, das [4][Land
befinde sich auf einem proeuropäischen Kurs und wir würden bis zum Ende
meiner Amtszeit den Status eines EU-Beitrittskandidaten erlangen], was uns
auch gelang. Dass dieser Status durch das herrschende Regime jedoch
faktisch entwertet werden würde, hätte ich mir niemals träumen lassen.
taz: Womit beschäftigen Sie sich gerade?
Surabischwili: Zunächst will ich klar stellen: Ich werde in Georgien
bleiben. Ich leite ein kleines Team, ein großes kann ich mir nicht leisten.
Die Büros befinden sich bei mir zu Hause.
taz: Was genau tun Sie?
Surabischwili: Ich versuche den politischen Parteien verständlich zu
machen, dass sie heute vor einer neuen Herausforderung stehen: Sie müssen
sich mit der Protestbewegung auseinandersetzen, der auch ich mich
gelegentlich anschließe. Die Stimme dieses Teils der Zivilgesellschaft gilt
es nach außen zu tragen.
taz: Sie waren das letzte direkt gewählte Staatsoberhaupt Georgiens. Hat
das eine Bedeutung?
Surabischwili: Ich glaube, dass es außer mir niemanden gibt, der die
Gesellschaft jenseits der gespaltenen politischen Parteien repräsentiert,
eine einende Rolle spielen und diese Widerstandsfront sammeln kann. Das
sehe ich als meine Verantwortung.
taz: 2024 hatten viele Georgier*innen die Hoffnung, dass Sie die
Opposition vereinigen könnten. Warum ist es nicht dazu gekommen?
Surabischwili: Weil die Parteien nicht mitgezogen haben. Wenn sie das
weiter nicht tun, ist das ihr Problem. Wir können nicht ständig versuchen,
sie zusammenzubringen, wenn das ihr Verständnis übersteigt und ihr Wunsch
nach Revanche im Vordergrund steht.
taz: Hat Ihre Präsidentschaft auch etwas für die Frauen in Georgien bewegt?
Surabischwili: Es ist eine völlige Illusion, dass Männer hier mehr zu sagen
hätten. In Wirklichkeit ist unsere Gesellschaft matriarchalisch geprägt.
Dennoch gibt es nur wenige Frauen in der Politik, weil sie – wie anderswo
auch – als etwas Schmutziges gilt. Zudem ist dieses Feld für Frauen weniger
attraktiv – insbesondere in einem Klima extremer Polarisierung, in dem sie
einem hohen Risiko schwerer öffentlicher Anfeindungen ausgesetzt sind. Aber
auch heute noch begegne ich hier vielen jungen Frauen, die mir sagen: „Ich
werde Präsidentin dieses Landes.“ Das macht Mut für die Zukunft.
16 Aug 2026
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(DIR) Barbara Oertel
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