# taz.de -- 100 Jahre Ingeborg Bachmann: Existieren, um zu schreiben
> Ingeborg Bachmann scherte sich nicht um Zuschreibungen und doch entkam
> sie ihnen nie. Bis heute ranken sich Ruhm, Klatsch und Erotik um ihre
> Person.
(IMG) Bild: Ingeborg Bachmann, 1965
Die Primadonna Assoluta spaziert durch Rom, neben ihr strömt der Tiber,
schlammgrün oder blond. Auf dem Campo de’ Fiori wird sonntags, wenn der
Gestank von Fisch, Chlor und verfaultem Obst nachlässt, der Abfall des
Marktes auf einem großen Haufen angezündet. Eine der umherstehenden
Blumenfrauen schreit, vermutlich wegen der hohen Flammen und der dunklen,
nach Plastik riechenden Rauchschwaden, und die anderen Frauen schreien
gleich mit. – So erzählt es Ingeborg Bachmann in ihrem Essay „Was ich in
Rom sah und hörte“.
Von ihr selbst, der Primadonna Bachmann, hört man bis heute so einiges,
zumindest ist sich die Literaturwelt nicht so ganz sicher, auf was man sich
da einigen sollte. Neben Frau Bachmann, die sich darauf verstand, die Welt
mit ihren Gedichten „flüsternd zu umarmen“, finden sich noch
Personenbeschreibungen, die weniger mit ihrem Beruf und mehr mit ihrer
„gewissen“ Ausstrahlung zu tun haben. Da spricht man von der Diva im
Paillettenkleidchen! [1][Oder der First Lady der Gruppe 47], die nach ihren
Lesungen in Ohnmacht fällt.
Mag sein, dass ihre Undurchdringlichkeit und vagen Antworten in Interviews
diese Zuschreibungen provozierten. Oder unter neidvollen Blicken einer Frau
nachgesagt wurden, die sich als eine der wenigen Frauen in der Männerdomäne
47 behauptete und siegessicher als bahnbrechendste Lyrikerin der
Nachkriegsgeneration etablierte – man erinnere sich nur an das
Spiegel-Cover 1954, auf dem die 28-Jährige unter dem Titel „Gedichte aus
dem deutschen Ghetto“ zu sehen war. Die Lyrik bekam damit endlich ein
Gesicht.
Sie gehört zweifelsfrei zu den großen Klassikern und war gleichzeitig nie
nur mit ihrem Werk bekannt. Bachmann wurde zu einem Phänomen, bei dem sich
die Expert*innen neben langen Analysen ihrer Gedichte ebenso oft fragen,
ob sie sich die Haare blond gefärbt habe oder im Jahr soundso eine
Abtreibung vornehmen ließ. Es gibt ganze Kapitel über Prostitutionsgerüchte
auf den Straßen Roms und verzweifelte Versuche, diese Klatschgeschichten
mit ihrem Werk zu verbinden.
## Bachmann selbst hatte Besseres zu tun
Sie selbst scheint sich für all das eher weniger zu interessieren, oder
zumindest hat sie Besseres zu tun: Vorlesungen über Poetik in Frankfurt
halten oder Essays über Wittgenstein schreiben zum Beispiel. Sie arbeitet,
nicht um sich als Intellektuelle zu beweisen, sondern weil sie nur
existiert, wenn sie schreibt.
Vor ihrem Durchbruch mit dem Gedichtband „Die gestundete Zeit“ 1953 und
drei Jahre später mit „Anrufung des Großen Bären“ versuchte sie sich noch
im Komponieren: Musik, sagte sie später, sei der höchste Ausdruck, den die
Menschheit finden könne. Sie entschied sich trotzdem gegen Partituren und
für eine Promotion über „Die kritische Aufnahme der Existentialphilosophie
Martin Heideggers“.
Eine Frau Doktor also – was sich in ihren Interviews auch immer wieder
passend niederschlug, sobald Journalist*innen sie zu ihrer lebenslangen
und fleißigen Lektüre der Philosophie befragten. Dann hieß es gleich
ehrfürchtig: Frau Doktor, warum hatte der Wiener Kreis einen solchen
Einfluss auf Sie? Und die gestandene Dr. Bachmann antwortete prompt etwas
über die Grenzen einer Sprache und die Grenzen einer Welt.
Ihre Welt muss, gemessen an ihrer Sprache, sehr groß gewesen sein. Nicht
nur, dass sie Französisch und Italienisch sprach, sie beschränkte sich auch
literarisch nie auf nur ein Genre. Schrieb Erzählungen, Gedichte, Hörspiele
und Essays, einen Roman (die anderen aus dem „Todesarten“-Projekt blieben
unvollendet) sowie Libretti für ihren Freund, den Komponisten Hans Werner
Henze, der sie, damit sie konzentrierter arbeitete, in ihrem Zimmer
einsperrte (natürlich nicht wirklich, mit umgedrehtem Schlüssel im
Schloss).
## All diese Briefe
Nach ihrem Tod wurden, [2][und oft gegen ihren Willen, noch unzählige
Briefe veröffentlicht]. Briefe an ihre prominenten Liebhaber Paul Celan und
Max Frisch oder an Freunde wie Hans Magnus Enzensberger [3][und Heinrich
Böll].
Während dieser für sie existenziell notwendigen Schreibarbeit, meistens
nachts, mit relativ viel Alkohol und später auch Tabletten, lebte sie mal
hier, mal da. Als Hörfunkredakteurin arbeitete sie in Wien, mit Henze
bewohnte sie einige Monate ein kleines Apartment in Neapel, von 1963 bis
1965 saß sie mit einem Ford-Stipendium und kreuzunglücklich im Zwiebelfisch
am Berliner Savignyplatz.
In Rom, in der Via Bocca di Leone 60, lernte sie schließlich zu leben, wie
sie sagte: vernünftig zu sein, glücklich zu sein. Ein etwas voreiliges
Urteil, wenn man bedenkt, wie viele sehr unvernünftige oder eben gar nicht
glückliche Gedanken sie dort, trotz etlicher Schlafmittel, wachhielten:
„Wie lange schon scheint mir dieses Alleinsein von Jahren, diese tödlichen
Nächte, unerträglich, und ich wünsche mir ein Ende, ein Ende der
Verzweiflung, ein Ende dieser stückhaften und unerfüllten Existenz.“ Besser
wäre es also zu sagen: Sie lebte intensiv. Was auch in ihrem literarischen
Werk nicht zu übersehen ist. Eine Diva, die einfach nur angehimmelt werden
wollte, war sie bei all dem sicherlich nicht.
[4][Paul Celan verwandelte ihr Zimmer 1948] dennoch in ein Feld aus wildem
Mohn (später veröffentlichte er einen Gedichtband mit dem Titel „Mohn und
Gedächtnis“) und schickte ihr einen Brief nach dem anderen aus Paris. Seine
„Ingeborg“ brennt ebenso für die Liebe wie der Salamander (aus ihrem
Gedicht „Erklär mir, Liebe“), den kein Schauer jagt und den nichts
schmerzt. Heiraten will sie trotzdem nicht.
## Ehen und andere Verträge
Die Ehe nennt sie einen „Gefühlskontrakt“, eine unmögliche Institution,
zumindest für eine Frau wie sie, also eine, die arbeitet und die denkt und
selbst etwas will. Mit Henze überlegt sie es sich zwar, kann aber neben den
Bauernjungen (wie Bachmann sie nennt), die er abends in die gemeinsame
Wohnung in Neapel bringt, nicht mithalten und bleibt allein mit ihren
Libretti im Nebenzimmer sitzen.
Mit Max Frisch schließt sie anstatt des Ehebunds einen sogenannten
Venedigvertrag, scheitert aber auch damit. Sein ewiges
Schreibmaschinengeklapper jagt Bachmann aus der gemeinsamen
Hollywood-Wohnung. Und was er in „Mein Name sei Gantenbein“ geschrieben
hat, liest sie mit Entsetzen. Von einer grünlich verfärbten Undine mit
einem Pelzmantel aus fauligem Tang ist da die Rede. Hat er, Max Frisch, sie
nicht gerade noch zärtlich mit: „Du bist ein Meertier, das nur im Wasser
seine Farben zeigt“, angesprochen? Und ist ihre Erzählung über eben genau
so eine Undine nicht gerade mal drei Jahre zuvor erschienen?
„Undine geht“ ist ein Requiem auf die Liebe, die für immer sein soll. So
wie Bachmann es sich mit Celan vielleicht noch erhofft hatte, der ihr
Gedichte widmete, in denen alles aus Marmor und für immer ist. Ihre Undine
glaubt nicht an diese Schwüre und Bitten, an das Händeverschlingen und die
flüchtigen Umarmungen.
Und erlässt stattdessen ein anderes Gesetz: sich das Zeichen zum Abschied
zu geben und der Einsamkeit zu gehorchen (die ja früher oder später sowieso
auf einen wartet). Nie wieder will sie ins Theater gehen, ein Glas Wein
trinken, Ja sagen – zu was auch immer diese Ungeheuer mit Namen Hans sie
überreden wollen.
## Die Autorin und Undine
Undine behauptet, von nun an unter Wasser und sprachlos zu bleiben, ist
aber in Bachmanns Werk erst der Auftakt zu einem ganzen Frauenensemble, das
sich über das eigene Leiden an der Welt und den Biedermännern entrüstet.
Sie erheben Anklage gegen die Beziehungen, in denen sie in ihren Betten
warten, während ihre Männer durch die Lokale ziehen, gegen die Phrasen, die
die „Welt rund machen“, obwohl es doch nur falsche Versprechen sind.
Bachmann verachtet diese falschen Redensarten, und sie liest ihre Texte
auch nicht mit einem sanftem Stimmchen, das von Salamandern schwärmt. Nie
hat jemand so gesprochen, sagt Undine zu Hans, beinahe mörderisch wahr –
und das gilt auch für die Autorin.
Sie leidet zwar unter der Trennung dieser letzten großen Beziehung mit
Frisch, meint aber, nach überstandenen Klinikaufenthalten und einer
Wüstenreise (eines ihrer großen Motive, zum Beispiel in der
Büchner-Preis-Rede „Ein Ort für Zufälle“ 1964), trotzdem recht nüchtern,
das Kapitel sei abgeschlossen und wenn ein Mann nicht wüsste, was er will,
dann solle er es bleiben lassen.
Sie sei bei all dem keine Frau, die sich als Opfer anbietet! Dass sie
trotzdem viel über die Unüberbrückbarkeit zwischen Mann und Frau
geschrieben hat, über Frauen, die Opfer männlicher Gewalt wurden, und dass
sie sich als junge Dichterin fast ausschließlich unter Anzugträgern
beweisen musste, ist die andere Seite dieses persönlichen Resümees.
Ihrer Freundin [5][Fleur Jaeggy], einer der wenigen Gleichgesinnten,
gelingt in ihrer gerade auf Deutsch erschienenen Erzählung „Die letzten
Tage von Ingeborg“ ein Annäherungsversuch. Sie beschreibt Eindrücke einer
Freundschaft und Bachmanns tragischen Tod, der von Streitereien und
Mordvorwürfen zwischen Familie und Bekannten in den Fluren des
Krankenhauses begleitet wurde, während die Verbrannte auf der
Isolierstation lag.
## In größtmöglicher Freiheit leben
An der toskanischen Küste, wo Ingeborg Bachmann und Fleur Jaeggy 1971 den
Sommer verbrachten, waren die Tage noch ruhiger gewesen, nur hin und wieder
von Gästen unterbrochen, die Bachmann in Empfang nahm, königlich die Treppe
herunterschreitend und mit einem Feingefühl, wie Jaeggy schreibt, „als
wüsste sie mit mathematischer Präzision um alle Nuancen, die schaden oder
verletzen können“. Bachmann sah das anders, sie klagt über ein Unvermögen,
nicht so sprechen zu können, wie die anderen sprechen. Es ist das Unglück
des Schreibens, meint sie, immer ein wenig entrückt und zum Verzicht
aufgerufen zu sein, trotz des „wilden Herzens, das stumm schlägt“.
Sie wollte in größtmöglicher Freiheit leben. Zumindest meinte sie etwas in
der Art, als sie gefragt wurde, wie die Welt ihrer Meinung nach aussehen
sollte: „Ein Tag wird kommen, an dem die Menschen schwarz-goldene Augen
haben“, zitierte sie aus „[6][Malina]“, „sie werden frei sein, (…) auch von
der Freiheit, die sie gemeint haben“.
Solange die Welt gewaltvoll ist, zeigt sich diese Gewalt auch im Privaten,
die Freiheit lässt also noch auf sich warten. Die Wiener Schriftstellerin
Marlene Streeruwitz meinte zu der Aktualität dieses Romans, das Einzige,
was die Frauen heute erreicht hätten, wäre, nicht mehr in der Wand zu
verschwinden wie die Ich-Erzählerin in „Malina“. Ein ernüchterndes Fazit.
Und Grund genug, Ingeborg Bachmann, diese gnadenlose Erzählerin
scheiternder Liebe, immer wieder neu zu lesen.
Es folgten letzte Gespräche in Rom, 1973, nur wenige Monate vor ihrem Tod.
In einem Interview fragt man Bachmann nach ihrem öffentlichen Bild. Und sie
antwortet etwas allgemeingültig: „Das Bild, das man sich von einem Menschen
macht, der schreibt, stimmt überhaupt nie. (…) Man kann überhaupt keinen
Menschen je begreifen, man kann es nur versuchen, und dieser Versuch muss
von den Schriftstellern gemacht werden.“
Die Nicht-Schriftsteller*innen versuchen es trotzdem eifrig und erkennen
eine Dichterin, die einem auf bewundernswerte Weise die eben mörderische
Wahrheit zumutet. Und der man den Ernst der erschwerenden Umstände ihrer
Zeit sogar noch beim Sprechen anmerkt. Wie bei einer ihrer Lesungen 1961 in
der Berliner Kongresshalle. Alte Herren räuspern sich erwartungsvoll, als
sie Platz nimmt. Sie liest Gedichte vor, das Publikum nicht beachtend, die
Stimme monoton, als hätte das Spektakel aus Scheinwerfern und laufenden
Tonbandgeräten nichts mit ihr zu tun.
24 Jun 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Vergessene-Autorinnen-der-Gruppe-47/!5996363
(DIR) [2] /Ingeborg-Bachmanns-Tagebuecher/!6031706
(DIR) [3] /Briefwechsel-mit-Heinrich-Boell/!6095707
(DIR) [4] /Bildbiografie-ueber-Paul-Celan/!5977430
(DIR) [5] /Die-Faehigkeit-zurueckzublicken/!1357145/
(DIR) [6] /Malina-und-hildensaga-in-Berlin/!5998928
## AUTOREN
(DIR) Londa Valja Rathgeb
## TAGS
(DIR) Ingeborg-Bachmann-Preis
(DIR) Literaturkritik
(DIR) Literaturbetrieb
(DIR) Paul Celan
(DIR) Schreiben
(DIR) Lyrik
(DIR) Ingeborg Bachmann
(DIR) GNS
(DIR) wochentaz
(DIR) wochentaz
(DIR) Ingeborg Bachmann
(DIR) Literatur
(DIR) Ingeborg Bachmann
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Roman von Boris Schumatsky: Weltgeschichte, die sich in blutigen Wiederholungen erschöpft
Der Schriftsteller Boris Schumatsky veröffentlicht mit „Die Seine fließt
ins Schwarze Meer“ einen großen Roman über menschliche und politische
Abgründe.
(DIR) Lyrik: Warum so kompliziert, Ann Cotten?
Den Freaks im Weltall Mut zusprechen: Die Lyrikerin Ann Cotten fräst sich
durch die Sprache und leimt die Späne neu zusammen.
(DIR) Briefwechsel mit Heinrich Böll: Ingeborg Bachmann schrieb lange aus männlicher Perspektive
Der Briefwechsel zwischen Bachmann und Böll führt in eine Zeit, in der
Rollenspiele für eine Frau im Literaturbetrieb überlebenswichtig waren.
(DIR) Ingeborg Bachmanns Tagebücher: Diese dubiose Freiheit
„Senza casa“, ein Band mit bisher unbekannten Aufzeichnungen Ingeborg
Bachmanns, bringt ihr Streben nach Unabhängigkeit auf den Punkt.
(DIR) Schriften zu Zeitschriften: Ingeborg Bachmanns Augen
Bachmann lieben, Borchardt lesen – die Zeitschriften „Spuren“ und „Der
Titan“ beschäftigen sich mit dem Dichter Paul Celan und dessen Liebe zu
Bachmann und der Lektüre.