# taz.de -- US-Künstlerin Betye Saar ist tot: Hochpolitische Zusammenstellungen
> Kurz vor ihrem 100. Geburtstag ist die US-Künstlerin Betye Saar am
> Sonntag gestorben. Bekannt wurde sie mit Assemblagen zu Schwarzer
> Identität.
(IMG) Bild: Erst im hohen Alter wiederentdeckt: die soeben mit fast 100 Jahren verstorbene Künstlerin Betye Saar
Für ihre bekannteste Arbeit, „The Liberation of Aunt Jemima“, benutzte die
Künstlerin Betye Saar 1972 die Werbefigur einer US-amerikanischen
Frühstücksflockenmarke als Ausgangspunkt: eine stereotyp inszenierte
afroamerikanische „Mammy“-Figur, die zum Kauf von Pfannkuchenmehl und
Waffel-Sirup verführen sollte. In Saars Assemblage, zusammengebastelt aus
einem Notizbuchhalter und weiterem Alltagsmaterial, verwandelt sich die
rassistische Karikatur in eine Befreiungskämpferin: Aunt Jemimas Lächeln
ist zu einer grotesken Grimasse verzogen, in der einen Hand hält die Figur
einen Besen, mit der anderen stützt sie sich auf ein Gewehr, unterm Arm
geklemmt ist der Abzugsring einer Handgranate erkennbar.
Für Saars künstlerische Praxis ist „The Liberation of Aunt Jemima“
prototypisch. Aus Dingen aus Trödelläden, Fundstücken, Familienerbstücken,
mystischen Objekten und historischen Ephemera stellte die Künstlerin, die
1926 in Los Angeles geboren wurde und zunächst am Pasadena City College,
später an der University of California studierte, hochpolitische
Assemblagen zusammen: Damit hinterfragt sie Konzepte wie Rasse und
Geschlecht sowie das historische Gedächtnis ihrer Zeit.
In einem Gespräch mit Yilmaz Dziewior und Carla Cugini vom Museum Ludwig,
das sie im Jahr 2020 im Vorfeld der Verleihung des 26.
Wolfgang-Hahn-Preises geführt hatte, erklärte sie, wie sie ihre
künstlerische Technik einst für sich entdeckte. Nach dem Besuch einer
Ausstellung des für Assemblagen bekannten Künstlers Joseph Cornell im
Pasadena Art Museum hatte sie, die sich zuvor auf Zeichnung und Druckgrafik
konzentriert hatte, begonnen, sich dessen Arbeitsweise anzueignen und
bereits zuvor gesammelte Objekte zu verarbeiten: „Plötzlich wusste ich,
dass ich etwas mit den Dingen tun konnte. Ich hatte alle Arten von Material
bei mir zu Hause. Das war der Moment, in dem ich mir sagte: ‚Aha, dieses
Zeug kann ich behalten, weil es für meine Kunst ist.‘“
In den 1970er Jahren war Saar Teil des aufkommenden „Black Arts Movement“,
nahm dort als Frau eine Sonderposition ein. Wie so viele und erst recht
Schwarze Künstlerinnen wurde sie erst im hohen Alter wiederentdeckt. 2019
kaufte das Museum of Modern Art ihre frühe Arbeit „Black Girl’s Window“
(1969), ein alter Holzfensterrahmen, den die Künstlerin mit Druckgrafiken
bestückt hatte, an und präsentierte diese erstmals einem breiten Publikum.
2021 wurde sie in die American Academy of Arts and Letters aufgenommen.
2025 gründete die Künstlerin selbst mit einer Gruppe Kurator:innen und
Forschenden die „Betye Saar Legacy Group“ für die Betreuung ihres Werks.
Am vergangenen Sonntag starb Saar in Los Angeles. In dieser Woche wäre sie
100 Jahre alt geworden.
28 Jul 2026
## AUTOREN
(DIR) Beate Scheder
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