# taz.de -- Mahnwache wegen CSD-Anschlag: Routinierter Schlagabtausch statt Würdigung der Opfer
> Auf einer Gedenkveranstaltung am Sonntagabend in Bremen stehen die
> Verfehlungen der Regierung im Zentrum. So müssen Schmerzen nicht gefühlt
> werden.
(IMG) Bild: Noch überwiegt die Trauer die Wut: Progress-Pride-Flagge auf Halbmast
Ein Mensch ist tot. Andere sind verletzt, an Körper und/oder Seele, weil
sie dabei waren, als ein mutmaßlich islamistischer Attentäter am
Samstagabend im Berliner Tiergarten [1][in eine Menschenmenge fuhr].
Noch sehr viel mehr Menschen haben jetzt vermutlich ein verletztes
Sicherheitsgefühl, weil der Anschlag auf den Berliner CSD auch ihnen galt:
allen, die nicht ins Raster von einander begehrenden „Frauen“ und „Männern“
passen. Um mit ihnen Solidarität zu zeigen, gehe ich am Sonntagabend zur ad
hoc organisierten Mahnwache vor dem Bremer Theater.
Ich möchte mit anderen das Signal senden: Wir stehen für eine offene
Gesellschaft, in der Individuen sich frei entfalten können – so wie es im
Grundgesetz festgeschrieben ist.
In erster Linie aber, glaube ich, bin ich da, weil ich einen Ort suche, um
begreifen zu können, was passiert ist. Doch auf dem Goetheplatz, auf den um
19 Uhr laut Polizei bis zu 550 Personen gekommen sind, gibt es keinen Raum
für ein Innehalten. Keine 24 Stunden nach der Gewalttat ist für die hier
Versammelten schon alles klar: Sie ist Ausdruck einer zunehmenden
[2][Queerfeindlichkeit] der ganzen Gesellschaft.
## Instrumentalisierung von allen Seiten
Dieser Eindruck entsteht bei mir aufgrund des Inhalts der Redebeiträge und
des Applauses, den sie bekommen. Verstehen kann ich aufgrund der Lautstärke
drei von vieren. Ein:e Redner:in dankt unter anderem der Berliner Polizei
für ihren Einsatz am Samstag. Ansonsten höre ich: Die Polizei schützt uns
nicht, sie ist rassistisch. Ich frage mich, ob die beiden Polizist:innen,
die direkt hinter der Bühne stehen, das auf sich beziehen.
Vor allem aber greifen die Redner:innen „die Politik“ an: die Regierung,
die CDU, Bundeskanzler Friedrich Merz, Bundesfamilienministerin Karin
Prien. Sie werden in einem Atemzug mit der AfD und anderen
Rechtsextremist:innen genannt. So steht es auch in vielen Beiträgen in
sozialen Medien.
Weil sie sich zu wenig für die queere Community einsetzen würden, ihr im
Gegenteil sogar die Finanzierung streichen wie aktuell dem
[3][Jugendnetzwerk Lambda], dürften die genannten Personen jetzt keine
Anteilnahme äußern. Wie in vielen taz-Artikeln wird Merz sein Spruch aus
dem letzten Jahr vorgehalten, dass die Regenbogenflagge nur an einem Tag im
Jahr über dem Bundestag gehisst werden solle, weil der [4][kein Zirkuszelt]
sei.
Ich teile die Kritik zum größten Teil. Aber ich verstehe nicht, warum sie
jetzt so im Vordergrund steht. Dahinter verschwindet nach meinem Eindruck
die Würdigung der Opfer. Und ja, es gibt Politiker:innen, die wie immer
solche Anschläge für ihre Zwecke instrumentalisieren, indem sie umgehend
Abschiebungen fordern, mehr Überwachung, schärfere Gesetze.
Aber wem hilft es, wenn dies jetzt ebenso routiniert zurückgewiesen wird,
in immer demselben Schlagabtausch, der die Fronten noch härter macht, als
sie ohnehin schon sind? Meine Vermutung: allen, die keinen Schmerz fühlen
wollen. Die lieber wütend werden wollen, weil man sich so Handlungsmacht
einbilden kann, anstatt verzweifelt zu sein oder hilflos zu trauern. Dabei
haben Trauerprozesse die Funktion, etwas Altes abzuschließen, damit etwas
Neues beginnen kann. Das wird so schwerer.
Bis zum Schluss der Mahnwache warte ich darauf, dass sich doch noch etwas
wie Authentizität einstellt. Ich freue mich auf das angekündigte Lied, das
wir gemeinsam singen werden. „Gemeinschaft! Gefühle!“, denke ich. Während
der Schweigeminute läuft in meinem Kopf schon mal „We shall overcome“.
Aber weit gefehlt. „Wehrt euch, leistet Widerstand, gegen den Faschismus in
unser'm Land!“, gibt es, nach der Melodie von „Hejo, spann den Wagen an“.
Der Gesang ist schleppend. Von der Kraft, die Wut mit sich bringt, ist
nichts zu spüren. Für dieses Gefühl ist es offenbar nicht nur für mich noch
zu früh.
27 Jul 2026
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## AUTOREN
(DIR) Eiken Bruhn
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