# taz.de -- Pflanzenkunde in Berlin: Die Dosis macht das Glück
> Für Toxo sind Giftpflanzen nie nur tödlich, sondern auch Medizin. Seit 16
> Jahren erschafft er einen der kuriosesten Gärten Berlins. Dessen Existenz
> ist bedroht.
(IMG) Bild: Toxo, der eigentlich Carsten Remde heißt, im Garten der Villa Kuriosum in Berlin-Lichtenberg
Berlin-Lichtenberg, an einem Sonntagnachmittag im Frühsommer. Im Garten der
Villa Kuriosum referiert ein Mann in auffällig bunter Kleidung über das
Krainer Tollkraut, eine der giftigsten Pflanzen Europas. Er liest etwas
über Herkunft und Verbreitung vor, es folgen Passagen über kultische
Bräuche und [1][Giftmorde]. Die Stimme des Mannes ist sachlich, fast flach
– bis die [2][Hexen] kommen.
Nun blüht er auf und erzählt, wie Frauen sich im Mittelalter jenes
Tollkraut auf die Haut gerieben haben, wie ihnen durch Sinnestäuschung Fell
und Federn wuchsen, wie sie glaubten zu fliegen.
Eine Anekdote reiht sich an die nächste. Der 51-Jährige braucht jetzt keine
Notizen mehr. Die Gäste saugen jedes seiner Worte auf. Der Name des Mannes
ist Programm: Toxo – von Toxikologie, der Lehre von den Giftstoffen.
Toxo heißt eigentlich Carsten Remde, aber niemand im Garten der Villa
Kuriosum, einem subkulturellen und auch queeren Verein, nennt ihn so. Seit
über 16 Jahren gestaltet er das Grundstück, in dem zu DDR-Zeiten eine
„Station Junger Naturforscher“ untergebracht war. Knochige Obstbäume und
ein verwunschenes eingeschossiges Haus erinnern noch an die einstige
Nutzung.
Aus dem Gelände direkt an den Gleisen der Berliner Ringbahn ist durch Toxos
Wirken ein Biotop der Vielfalt geworden, Heimat von Hunderten von Pflanzen;
einzigartig in ihrer Zusammensetzung. Beim anschließenden Rundgang spricht
einer der Gäste vom „wohl giftigsten Garten weit und breit“. Und
tatsächlich: Allerorten stecken rote Schilder in den wilden Beeten,
Warnungen vor [3][gefährlichen Pflanzen] wie dem Krainer Tollkraut.
Toxos Faszination für alles Toxische reicht zurück bis in die Kindheit.
Aufgewachsen ist er in Tannenberg im Erzgebirge. Auf dem Dachboden des
Elternhauses entdeckte er als Junge in einem Holzschränkchen
DDR-Rattengift. Ein Päckchen, verziert mit einem großen roten Totenkopf.
„So fing es an.“ Ihn fasziniert, dass es Substanzen gibt, „die den Menschen
in seiner Allmachtstellung in die Knie zwingen können – in geringsten
Dosen“.
Aber das ist nur die halbe Wahrheit. „Dieselbe Pflanze, die vergiftet, kann
auch heilen“, sagt Toxo. Ein Prinzip, das er an seinen Favoriten
durchdekliniert: Eisenhut wirke gegen starke Nervenschmerzen. Die Eibe,
ebenfalls hochgiftig, liefere einen Wirkstoff, der in Krebsmedikamenten
eingesetzt wird. Tollkirsche helfe als Gegengift bei Kampfstoffen. Diese
Doppelnatur fasziniert ihn. „Aufklären ist tausendmal besser als
Verteufeln. Wir sollten froh sein, dass es diese Pflanzen gibt.“
## „Tal der scheinbaren Ruhe“
Anfang der 90er Jahre absolvierte Toxo eine Ausbildung zum
Zierpflanzengärtner. Doch aus der Berufung wurde für ihn ein Trauma: Mit
Giftpflanzen hatte das nichts zu tun. „Ich fand die Arbeit langweilig und
zu anstrengend. Wenn du zwanzigtausend Petunien umtopfen oder ständig
Unkraut jäten musst …“ Die Lehre brachte ihn an den Rand eines
Nervenzusammenbruchs.
Die Monotonie der Ausbildung ist einem wilden Nebeneinander gewichen. Am
Tag nach seinem Vortrag über Gift und Heilung gräbt Toxo Stufen in eine
Grube. Dasselbe Prinzip: Aus Aushub wird Schönheit. „Mir geht es darum, ein
Raumgefühl zu haben.“ Hauptsache, der Garten sei „nicht so planar“.
Das rund 2.000 Quadratmeter große Gelände ist durchzogen von Klüften wie
dem „Tal der scheinbaren Ruhe“ und geschmückt von Sonnenterrassen wie dem
„Ende der Welt“, die einen surrealen Panoramablick über die Ringbahngleise
bieten. „Die Terrassen habe ich über die Jahre aufgeschüttet“, sagt Toxo,
bestimmt Tausende Schubkarren mit Erde habe er dafür bewegen müssen. Von
der ganzen Graberei habe er sich die Wirbelsäule ramponiert.
Über Freunde kam Toxo vor Jahren in den Kreis der Villa Kuriosum. „An meine
erste Pflanze erinnere ich mich nicht mehr. Ich habe so viele angepflanzt.“
Doch die erste Giftpflanze, das war Eisenhut, „auf einem runden Beet“. Die
Frage nach seiner Lieblingspflanze fällt ihm schwer zu beantworten. Unter
dem majestätischen Blauglockenbaum hält er kurz inne. „Das ist einer meiner
Lieblingsbäume. Er blüht wunderschön – ist aber leider nicht giftig.“
Unkraut gibt es für Toxo nicht, „sondern Wildpflanzen“. Auf dem Gelände
finden sie alle einen Platz.
Seinen eigenen Platz im Leben fand Toxo, als er in jungen Jahren zum ersten
Mal mit Punks und Gruftis in Berührung kam. „Mich hat deren Aussehen sofort
fasziniert. Aber auch die Lebensart und dieses Endzeitromantische“, sagt
er.
Nach der Wende versprühten ganze Städte in Ostdeutschland diesen Charme:
„Freunde haben in Abbruchgebäuden gehaust. Das war so surreal und morbide.
Und düster auch.“ Toxos Interesse an Darkwave und Gothic-Punk war geweckt,
in der Villa kann Toxo das weiterleben. „Das ist für mich Punk. Nicht
saufen, saufen, saufen, sondern eine gewisse Lebenshaltung.“
Den Zwängen, die ein klassischer Karriereweg mit sich bringt, wollte er
sich nie beugen. Inzwischen sitzt Toxo auf einer Terrasse, nimmt einen
Schluck Tee. „Manchmal bereue ich es, kein Abi gemacht zu haben.“
Vielleicht wäre er dann heute ein Toxikologe. „Aber dann gäbe es diesen
Garten nicht.“
Mittlerweile hat er auch ohne Abitur den Sprung an die Humboldt-Universität
geschafft, wo er seit einigen Jahre als Teilzeitstudent Chemie studiert. Er
schwärmt von der Bibliothek, „für mich der Tempel des Wissens“. Doch die
meiste Zeit investiert er in den Garten. Eine rein ehrenamtliche Arbeit. Er
hat Zukunftsängste, weil er nie Geld zurücklegen konnte.
## Was wird mit der A100?
Seine größere Sorge aber betrifft die Villa Kuriosum, die weichen muss,
sollte die innerstädtische Berliner Autobahn A 100 noch weiter ausgebaut
werden. Der aktuelle Mietvertrag bietet zwar für vier Jahre Sicherheit,
doch was danach kommt, weiß niemand. „Es wäre eine Katastrophe“, sagt Toxo.
Eigentlich müsse der Garten für immer bleiben, denn er sei auch für die
Stadt ein Zugewinn, gerade im Hinblick auf Klimawandel und Insektensterben.
„Die Villa ist eine Oase, wo man durchatmen und sich an der Vielfalt
erfreuen kann.“ Für ihn ist sie ein zweites Zuhause – und ein Bildungsort.
Trotzdem hält er Ausschau nach einem Kleingarten. „Nicht, dass ich
irgendwann vor dem Nichts stehe.“ Eine Umpflanzung seines aktuellen Werks
rund um die Villa Kuriosum hält er indes für beinahe ausgeschlossen, allein
wegen der vielen Bäume und Sträucher. „Ich möchte nicht wissen, wie viele
Wagenladungen das wären. Dafür bräuchte ich einen Bagger. Es ist unmöglich
zu handhaben.“
Sein Blick geht vom Garten hinunter zu den Gleisen. Ein Zug rattert vorbei.
Toxo schweigt.
15 Aug 2026
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## AUTOREN
(DIR) Sirko Salka
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